Sonntag, 2. Januar 2011

Zug im Zug – auf, Esel, nach Amerika!

Vom vielen Hin und Her müde geworden und ruhiger, schlich Faustinus an den alten Platz zurück, von wo aus er die Angebetete erspähen und auch ihre Angehörigen gut beobachten konnte. Neugierig, wie er war, wollte er mehr wissen und weitere Geheimnisse über Frau seiner Träume herausfinden.
Was waren das für Leute?
Woher stammten sie?
Wussten sie wirklich, woher sie stammten?
Und wohin wollten sie so voll beladen mit allerlei Krimskrams, wo Mann von Welt wie er doch nur mit kleinstem Gepäck reiste und alle Konterbande im Kopf versteckt war, dort im Hinterstüblein, wo kein Zensor hineinschauen konnte und kein Zöllner.
Die Eselsfamilie reiste in der Tat schwer bepackt.
Wie es den Anschein hatte, waren es wohlhabende Viecher, wahrscheinlich auf der Flucht aus dem gleichmachenden Wolfsstaat, bürgerlich Saturierte oder gar Blaublütige von edelster Herkunft, kultiviert und vornehm, aber nicht länger bereit wilden Bestien ein Untertan zu sein, mit diesen zu leben und zu heulen. Den Rest ihrer sicher beachtlichen Habe hatten sie in dicken Koffern verstaut.
Ja, es waren wohl Auswanderer aus Siebenbergen; das verriet der unverkennbare Zungenschlag, vielleicht auf dem Weg in eine der drei Eselsrepubliken oder noch weiter weg nach Übersee, ins ferne Amerika jenseits des großen Teichs?
Amerika, Land der Freiheit!
Wie viele Esel hatte es schon dorthin gezogen, in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo aus einem tüchtigen Esel noch etwas werden konnte!
Ein Prediger vielleicht, ein Berufener, der Gottes Weisheit und Gnade verkündete, ein Politiker oder ein Staatenlenker?
Gar ein mächtiger Präsident?
Vielleicht alles in einem?
Seit jeher hatten Esel der Neuen Welt ihren Stempel aufgedrückt; sie hatten das Land der Freiheit begründet, noch bevor die Raubtiere wieder kamen und die Geier!
Das Ebenbild des Esels stand seit jeher für eine große Partei, den Elefanten der Gegenseite ebenbürtig.
Wie oft stellten die Esel sogar den Präsidenten?
Selbst in jüngster Zeit!
Die „Große Enzyklopädie der Tierheit“ kündete davon und andere weltgeschichtliche Beschreibungen, die der Knabe Faustinus einst im hinterwäldlerischen Siebenbergen recht gründlich studiert hatte.

Die Gespräche im Abteil plätscherten dahin. Der Vater murmelte etwas, die Mutter gab ihren Senf dazu. Die Mädchen kicherten.
„Eine lustige Familie“,
folgerte Faustinus empirisch, dem seichten Treiben nur mit halbem Ohr folgend. Die Spießgesellen interessierten ihn nicht, wenn da nicht auch noch die Rotbackige gewesen wäre, deren heiteres Lachen ihm nicht mehr aus dem Sinn ging.
Nahmen die Sehenswürdigkeiten jenseits des Fensters zu, wurde das Gespräch zunehmend lebhafter. Die gesitteten Esel brausten auf und schrien laut durcheinander.
Welch eine Faszination!
Das Staunen über die wundersame Welt mit ihren neuen Wundern, ließ die Sylvanier den Knigge schnell beiseite legen … und jede Contenance vergessen. Stupor mundi – im Zug!
Auf einmal fühlte man sich wie daheim:
 „Schaust du, Schaaatz, da, da drüüüben …und da uunnten!“
Rief die Eselsmama aus, als sie etwas sah, was Faustinus’ Augen nicht erblicken konnten. Die Begeisterung war echt – und diese Natürlichkeit! Das machte den ganzen Haufen gleich sympathischer. Doch woran erinnerte dieser Dialekt?
Dieser sonderbare Sing- Sang- Zungenschlag mit dem unverkennbar archaischen „Du“, das leitmotivisch wiederkehrend auch die Farbe der Folgesätze festlegte, kam ihm nicht ganz fremd vor. Doch reichte die Diktion nicht aus, um eine exakte Identitätsbestimmung vorzunehmen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren diese Waldesel ferne Verwandte aus Siebenbergen, Angehörige der gleichen Sippe, die, ungeachtet kultureller Tarnkappe und Maske, doch natürlich geblieben waren, bereit aufzuschreien, wenn Emotionen durchbrachen.
Siebenbergen war traditionelles „Homeland der Esel“ – „Heimat“. Seitdem jener böse Rattenfänger aus Hameln die Vorfahren dort aus der Erdhöhle hatte aufsteigen lassen, wurzelten sie dort und gediehen prächtig im Geist des eigenwilligen Eselsseins. Und die Siebenberger Esel wären sicherlich bald zur vollen Blüte gelangt, wenn nicht noch störrischere Wölfe ihre protestierende Eigentlichkeit bedroht und ihr eselhaftestes Sein in Frage gestellt hätten.
Fürwahr, seit achthundert Jahren gab es Esel in Sylvanien, eigenwillige Siedler unterm Kreuz, die sich über Jahrhunderte die Wölfe vom Hals zu halten wussten und andere raue Horden, die aus dem Osten heranstürmend das Abendland bedrohten. Ihre Basteien schützten nicht nur Truhen und Koffer, die Leben und den wahren Glauben gegen Mongolen, Türken und Tataren, sondern die gesamte Kultur des Abendlandes, dessen Weg in den Untergang anderen Bestien vorbehalten bleiben sollte.
Sie waren das Bollwerk der „Heiligen Nation aller Esel“ gegen Unglaube, Ungeist, Wölfe und Bären bis zu dem Tag, wo die Esel selbst der Hybris verfielen und den eigenen Untergang besiegelten.
Doch achthundert Jahre an einem Ort – das war eine lange Zeit. Kein Wunder, wenn selbst am schönsten Fleck der Erde, wo das Glück daheim schien, zersetzende Langeweile aufkam. Und mit ihr die kühne Verstiegenheit, das Schicksal einmal gründlich herauszufordern.
Oder waren es doch andere Gründe, die aus gediegenen Eseln Zugreisende machten und Abenteurer auf hoher See?
Winkte die freie Welt auch ihnen – „ubi bene ibi patria“?
Keinesfalls!
Diese Esel waren Patrioten! Ihr Gesagtes verwies darauf und der pathetische Ton ihrer Worte, mit welchen sie die künftigen Erwartungen umschrieben!
Faustinus konnte es deutlich herauszuhören … und auch richtig deuten: Nicht in das ferne Amerika zog es diese Esel, in ein Land, wo das vertraute Du zu einem „you“ verhunzt worden war; nicht dorthin wollte sie, wo aus einem unscheinbaren Esel sogar der mächtigste Führer der Welt werden konnte, sondern heim an die Brust und in das Nest aller aufrechten Esel, wo die Würde noch mehr als ein Wort war - und das „Du“ noch ein „Du“!
Ein Du, das noch eine klare Distanz zum selbstischen Ich markierte, obwohl es Dichter und Philosophen der Romantik bereits aufgelöst hatten in einem die ganze Welt versöhnenden: „Ich bin DU“.

Wie andere Esel auch, wollte diese Eselsfamilie sicher nur „heim ins Reich“, wie es Faustinus nicht anders beabsichtigte, heim, in die Republik der Esel, wo die wahre Demokratie lockte … und dazu noch ein satter Wohlstand für alle.

Nur in welchem der drei Staaten würden sie aussteigen? An der schönen blauen Donau, an der schmutzigen Elbe oder am väterlichen Rhein – und wo dort?
Wie gerne hätte Faustinus dies erfahren. Denn die Angebetete wiederzusehen, kam einem Traum gleich.

Kaum hatte das Bildnis der liebreizenden Dulcinea wachgerufen, ging die Abteiltür auf und die Lichtgestalt trat heraus. Ihr Haar wehte im Wind – Faustinus wollte sie gerade ansprechen, als eine sonore Stimme alles zunichte machte:
„Wo treibst du dich herum, Arabella!
Komm herein und schließ die Tür … es zieht! …“
Rief es rauheiser aus dem Abteil. Es waren die gnadenlosen Worte der Eselsmutter, die das noch verspielte Töchterlein zur Räson rief. Aus der Traum!?
Und wieder war es auf und davon, das holde Liebesglück, noch bevor es richtig begonnen hatte? Leicht erschrocken und noch mehr enttäuscht wendete Faustinus den starren Hals. Die gestrengen Augen der Eselsmatrone, die thronend dasaß wie Argus, zeigten ihm die Grenzen des Möglichen.
Was nun?
War alles verloren und auf alle Zeiten dahin?
Einige Augenblicke verstrichen ereignislos, bis der Schock verdaut war. Dann fügte sich der angehende Denker in die Situation und sah ein, dass alle Phänomene der Welt der Vergänglichkeit unterworfen waren, am deutlichsten die schönen Dinge. Doch dann holte ihn der himmlische Nachklang des Namens wieder ein.
Wie hatte die Mutter sie gerufen? Faustina?
Nein, Arabella, hatte sie sie gerufen!
Arabella war also ihr Name, ein schöner Name, ein poetisch klingender, ein berauschender Name, Aaa … ra bellaaa, Arabella!

So rauschte es durch Gehirn und Ohr. Das dreifache „A“ klang wie Musik in seinen nicht nur linguistisch geschulten Ohren und erfüllte Faustinus wie der finale Zusammenklang einer großen Freiheitssymphonie: Totale Harmonie!
Aber sie hätte auch Annalena heißen können oder Annabella – oder Lavinia-Lamarck!
Was besagte schon ein Name? Nichts und alles!
Ihre schöne Gestalt nahm ihn immer ganz gefangen wie die aufkommende Lust, von der er nicht wusste, ob sie höherer oder niederer Natur war.
„Mit dem Glück ist es so wie mit dem Pech“,
dachte Faustinus.
„Wenn es kommt, kommt es geballt.“
 So wandelte sich der unlängst noch unscheinbare Waldesel aus Sylvanien innerhalb von Stunden zu einem glücklichen Heros, der seinen Gral fast schon gefunden hatte.
Fast!
Nur wusste er es noch nicht genau: War er schon ein kleiner König wie Artus und Löwenherz? Oder doch nur eine tragische Figur, ein Ritter zur traurigen Gestalt, ein Don Quichotte der Eselswelt, der auch nur eine unerreichbare Schöne anbetete, eine Helena, die sich vielleicht als Kassandra entpuppte.
Nach der zweiten Landesgrenze hielt der Zug in einer großen Stadt an. Die Dampflok musste Kohle und Wasser aufnehmen.



Copyright: Carl Gibson

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