Mittwoch, 6. April 2011

Albtraum, Vision und Heilung

Die Begegnung mit den Bären im Land der Bären wäre sicher ein voller Erfolg geworden, wenn nicht das dunkle Unbewusste die schöne Reise doch noch getrübt hätte.
Traumwelten holten Faustinus ein und verdarben ihm den letzten Genuss. In der Nacht, nachdem er mit friedlichen Gedanken an den Versöhnungsreigen aller Tiere eingeschlafen war, schossen ihm keine neuen Gedanken zu seinem Gesamtkunstwerk ein, dass er vielleicht doch noch aufzuführen gedachte, sondern Dämonen suchten ihn heim, Geister der Nacht, die ihn in Todesangst versetzten und sein Herz fast zum Zerspringen brachten:
Die Hetzjagd war wieder da – und die Folterszenen im Loch. Faustinus sah Wölfe und Bären mit feurigen Zangen, Mistgabeln und Pfählen; er hörte die schmerzvollen Schreie der Gefolterten; er gewahrte ihre angstverzerrten Minen – und er sah viel trief rotes Blut in das grüne Moos des Waldbodens sickern.
Wo bin ich?
Und was geschieht mit mir?
Fragte sich der aufgeschreckte Waldesel eingeschüchtert. Faustinus  zitterte wie Espenlaub und war kaum fähig, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Erneut erlebte er unmittelbare Angst. Wie in einer Falle fühlte er sich, vor der zudem noch eine gefräßige Bestie lauerte. Jetzt verstand er die Angst der Maus beim Anblick der Katze und die Angst der Fliege, angesichts der heranstürzenden Schwalbe.
Am liebsten wäre Faustinus davon gerannt. Nur wohin? Außerdem waren alle Ausgänge verriegelt! Also harrte er aus und überlebte die missliebige Situation mit Müh und Not.
Leben bedeutete immer Exponiertsein und Gefahr. Ein schwächeres Herz wäre in seelischer Not zerbrochen. Doch sein starkes Eselherz hielt durch und ließ ihn schweißgebadet am Leben. Wenn die Angst groß war, schwitzten auch Eselsphilosophen – und sie lachten erneut, wenn der göttliche Humor wiederkam, auch wenn andere nichts davon merkten.
Ein letztes Mal zitterte Faustinus auf der Rückfahrt an der Grenze. Grenzgänge waren immer heikel. Jederzeit konnten sich Abgründe auftun, hinter welchen das vielfache Scheitern lauerte.
Reisen war wie reflektiertes Leben – es machte die Existenz bewusst. Erst als Faustinus den rostigen Stacheldraht passiert hatte und er bald darauf den grünen, heimatlichen Boden unter seinen Hufen verspürte, ging die bedrohlich nachwirkende Angst zurück.

"Nicht nur die blutige Geschichte determiniert uns"
, folgerte der Waldesel wieder mit klaren Verstand,
"sondern auch Kategorien des Unbewussten, von welchen unsere Schulweisheit noch nicht allzu viel weiß.
Also werden wir künftig noch mehr über die Seele nachsinnen müssen und über das Seelenleben der Tiere.
Psyche und Soma bilden eine Einheit, wobei eine das Wohl der anderen bedingt. Körper, Geist und Seele bilden eine noch perfektere Einheit, über die künftig noch angestrengter nachgedacht werden sollte. Schließlich soll die Philosophie künftig nicht nur die grundlegende Wissenschaft sein, die alles durchdenkt, die  Wahrheiten und Wesenheiten hervorschürft und zum Licht bringt, sie soll nicht nur dem Leben im weitesten Sinne nutzen, sondern sie soll auch heilen – und am liebsten im Zusammenwirken mit der Musik und den frohen Farben der Malerei.
Vielleicht gelingt es mir ein harmonisches Weltbild zu schaffen, in welchem Geist und Künste sich durchdringen. Die Kranken soll es heilen –  die Zweifelnden soll es ihm Leben halten – und die Unglücklichen und Einsamen soll es zusammen führen und glücklich machen“,
überlegte Faustinus, stets in Gedanken an das Zukunftsprogramm des eigenen Handelns über Wissenschaft und Kunst hinaus. 

Das Erlebnis einer Nacht hatte ihm gezeigt, worauf es ankam. Der Überwindung von Angst und Furcht in allen ihren Formen sollte ein besonderer Stellenwert zukommen. Epikur hatte die Tragweite der Thematik erkannt – und die Männer von Florenz hatten ihr die Musik zugesellt. So war selbst die Melancholie zu heilen – wie andere Krankheiten des Geistes und der Seele.
„Vielleicht gelingt es mir wirklich, die Leidenden an der Welt zusammen zu führen. Und vielleicht gelingt es auch, die am schwersten Leidenden im musischen Gespräch zu heilen, zu ihrem eigen  Nutzen und zum Nutzen der Gesellschaft.“


Copyright: Carl Gibson

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