Dienstag, 5. April 2011

Babylon bebt

 


Auf der Brücke angekommen, die über den Fluss führte und zurück in die neue Heimat, wollte Faustinus noch einen Blick riskieren und erleichtert von Angst und Sorgen noch einmal zurückblicken auf das babylonische  Getürm, das nach dem Himmel krallte, als der Boden unter seinen Füßen ins Wanken geriet. Die Brücke schaukelte mit ihm eine kurze Weile hin und her, ließ ihn dann fallen und in die strömenden Wogen entgleiten.
„Jetzt ist es endgültig aus und vorbei“, schoss es dem Sinkenden durch den Schädel. Er war dem Tode nahe und die gesamte Existenz raste noch einmal ganz schnell an ihm vorbei wie die Bilder auf der Kinoleinwand, nur unendlich schneller. Es war eine Laune der Natur und des Gehirns, die noch einmal alles wiederrief und ihm noch einmal die Summe seiner Existenz bewusst machte – als Essenz: Die Geborgenheit der Kindheit, das Glück der Liebe und etwas von dem vielfachen Leiden. Es war die Existenz eines Esels auf Sekunden zusammengeschrumpft – Ein Nahtoderlebnis, eine Krise, eine Chance  und eine Umkehr? Daran dachte der Esel.
Zum Durchreflektieren der Situation blieb ihm jedoch keine Zeit. Faustinus sah nur, wie er intuitiv strampelte, ruderte und schwimmend so lange gegen den Strom kämpfte, bis ihn eine gnädige Welle aufnahm und ihn kurzerhand ans rettende Ufer spülte. Ein  Deus ex machina hatte wohl wieder geholfen, sicher nur weil er ein Sonntagskind war. Verdienste höherer Art hatte er sonst keine.
Dankend erhob er den Blick zum Himmel, hinter die Wolken blickend, dorthin wo er seinen Stern vermutete. Doch noch bevor er ein verlegenes I-Aaa hervor stammeln konnte, sah er das Unfassbare:
Babylon stürzte in sich zusammen. Zuerst wankte der große Glasberg und fiel, dann stürzte der mittlere Turm und schließlich sank auch der kleinste der Wolkenkratzer in sich zusammen. Zurück blieben ein großer Scherbenhaufen aus Glas, Stahl und Beton und eine dreckige Wolke aus Gift, die alles unter sich begrub. Die Schatzkammern waren dahin und alles was in ihnen verborgen war, kleinste Beutel und prallste Koffer. „Meine Werte sind jetzt wohl nichts mehr wert“, überlegte der Esel.
Und tatsächlich. Diesem schwarzen Freitag im sonst goldenen Oktober folgte ein noch schwärzerer Krach, ein fortwirkender ein Albtraum  der die materiellen Werte weiter verfallen und schließlich ins Bodenlose stürzen ließ.
Dabei schärfte der Zerfall den Sinn für andere Werte, vor allem für solche, die schwer in den Tresoren zu lagern waren.
Viele waren ruiniert – und Faustinus, der angehende Philosoph, war es auch. Was hatte er nicht alles falsch gemacht – aus eigenen  Antrieben heraus und geleitet und verleitet von den Erwartungen und Wertvorstellungen der modernen Eselsgesellschaft?
Faustinus sah das sinkende Schiff Zenons, den großen Verlust Hiobs – und nachdenkend stellte er fest, dass er noch lebte und dass er sich selbst noch bei sich trug. Auch der gestirnte Himmel war immer noch über ihm. Und sicher ging die gütige Sonne wieder auf, wenn die tödliche Staubwolke verfolgen war. Die Winde verwehten alles, Lust und Leid – und sie heilten den Schmerz der Seelen.

Was war geschehen?
Mutter Gaia hatte revoltiert, nachdem ihr die Kreaturen alles genommen hatten: das Salz der Erde, die Erze, die Edelsteine, das Gold, später dann die Kohle, das Öl der Erde und das Gas der Erde, so lange, bis sie ausgehöhlt war wie ein Fuchsbau und durchlöchert wie ein Käselaib aus den hohen Alpen. Vor der Endzeit warnend musste sie einbrechen. Sie konnte nicht anders. So konnte  sie sich alles wieder holen gemäß ihren eigenen Gesetzen und mit der Macht der Natur. Das Gold war jetzt wieder an seinem Platz im Schoß der Erde. Und es war gut so.

Der Esel hatte seine Lektion gelernt. Nicht im Schlaf wurde das Glück gemehrt, nicht giergetrieben im Taumel und im Rausch, sondern immer noch im Schweiße des Angesichts – und mit harter Arbeit. Ehrliche Arbeit allein sicherte die Existenz, auch in der Kunst. Denn vor das Kunstwerk und den Preis hatten die Götter den Schweiß gesetzt!
Während andere noch nicht genau wussten, wie es weiter gehen konnte, während die großen Räder und Windräder, an denen viele so meisterhaft gedreht hatten, in sich zusammenbrachen, während die Blasen der Spekulation in sich zerbarsten wie Seifenblasen, während Akrobaten frei und unfreiwillig aus Fernstern sprangen und sich von Klippen stürzten, weil sie ohne Gut und Geld nicht leben wollten, sah der Waldesel aus Siebenbergen seine Zukunft klarer. Eine große Eselei war sein letzter Verlust sicherlich, aber nicht die größte.
 „Ein Leben lang habe ich die Lüge bekämpft, weil ich überzeugt war, das einmal alles in sich zusammenfallen wird, was auf der Lüge aufgebaut ist. Jetzt sind die Kartenhäuser zusammengeklappt wie alles, was auf tönernen Füßen stand. Riesen wankten und fielen – und alles, was für Äonen gebaut schien, verfiel in Augenblicken zu Staub.
Ja, ja … Glück und Glas, wie schnell bricht das!“

Nunmehr konnte ein neues Leben beginnen mit neuen Metamorphosen, aufbauend auf einem geläuterten Bewusstsein … jenseits von Sodom. Die Natur wies ihm fortan den Weg – und auf ihre Stimme wollte er nun auch hören.


Copyright: Carl Gibson

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