Dienstag, 5. April 2011

Das Gesamtkunstwerk

 


Immer wenn Faustinus beim Gang durch die göttliche Natur inspiriert wurde, verewigte er die Eingebungen auf Notenpapier. Ein paar Töne, dem Vogelgezwitscher abgelauscht und leicht verändert wurden zum wohlklingenden Motiv, zur Melodie.  Einige Instrumentenstimmen dazugefügt mit neuen Variationen des Leitmotivs … und schon erwuchs daraus der Kopfsatz … ein weiterer dann, anders und doch verwandt, mehr und mehr, von der aufbrausenden Ouvertüre bis zum finalen Zusammenklang: Harmonie der Sphären im Irdischen, das war seine Musik, seine Symphonik und das unmittelbare Erleben der Göttlichkeit im Jetzt.
So komponierte er mit Leidenschaft neue Elemente in nie gekannte Form, deutlich fühlend, wie es in ihm komponierte und aus der mitleidenden Seele heraus. Die Natur komponierte in ihm, die dionysische Gottheit auf der Suche nach apollinischer Form.
Mit der Zeit gestaltete sich das Ganze zu einem Kunstwerk, das in seiner gesamten Konzeption und Struktur neu war. Vieles von dem, was im Kopf als große Symphonie, als Symphonie der Freiheit, zusammengebraust war, sollte mit Poesie unterlegt, und so zu einem Gesamtkunstwerk ausgebaut werden, dass aus vielen Gattungen eine kosmische Universale wurde, eine Einheit – ganz nach dem Vorbild der Schöpfung, die trotz vieler Gesichter eine große Monade war, wenn Leibniz richtig lag und in seinem Gefolge der verehrte Wolf!
Geist, Dichtung, Symphonie und Oper sollten nunmehr in einem Werk zusammenklingen, das das Universum widerspiegeln sollte in höchster Sublimierung.
Der kosmogonische Eros wirkte in ihm und ließ ihn dionysische Klänge zaubern, wie sie bis dahin noch nie vernommen worden waren.
Wer wusste schon, was er fühlte und was er litt.
Schon der Entwurf war genial.
Und die Welt musste auf diesen Geniestreich vorbereitet werden. Deshalb verfasste er parallel zur groß angelegten Tondichtung noch eine umfassende ästhetische Schrift, eine Art Apologie seines Gesamtkunstwerks, in welcher er sein Vorreitertum begründete und rechtfertigte, überzeugt, alle künftige Kunst werden nicht den Weg der Teilung und Spaltung gehen, sondern den versöhnenden Weg, den die großen Komponisten immer schon aufgezeigt hatten, den Weg in das symphilosophische Gesamtkunstwerk einer universellen Versöhnung.
Pico della Mirandola, sein alchemistisches und kabbalistisches Vorbild, dessen Abhandlung über die Stellung der genialen Kreatur im Kosmos ihn empfindlich berührt hatte, war der geistige Vater der Konzeption. Pico della Mirandolas Ideenwelt inspirierte ihn ebenso wie Ficino, der Freund und Lehrer des Schönen und des Erlauchten, der im Gefolge der Pythagoräer die heilsame und heilende Wirkung der Musik erkannt und gelehrt hatte.
Jede Zeit brachte ihre Genies hervor. Und jedes Genie sprengte die Schranken des Bestehenden, weil es im Grunde seines Wesens frei war. Die Schule von Athen hatte ihre Größen hervorgebracht – die von Florenz die ihren. Jetzt war Faustinus an der Reihe – als Vorreiter und als Gründer? 
Die voraus zu schickende Schrift sollte ein neues Bewusstsein schaffen und die Mitgeschöpfe für den großen Wurf zu sensibilisieren. Dann sollte ein eigener Kunsttempel errichtet werden, ein Versöhnungstempel aller Tierkulturen, in welchem der Karneval der Schöpfung uraufgeführt werden sollte, unverblümt und frei, ohne Masken –  mit offenem Visier und zu Tage gebrachten Wesenheiten. Das war seine Vision – und für sie suchte er begeisterte Mistreiter.

Nach längerer Zeit aufopfernder Schaffenstätigkeit neigte sich die geniale Komposition schließlich ihrer Vollendung zu, obwohl es ein offenes Werk bleiben sollte, ein Fragment und ein permanentes Experiment als Abbild der Schöpfung, die nie vollendet sein würde, sondern im kontinuierlichen Neuwerden begriffen. Im Neuentwurf sollte alles Epigonale überwunden sein.
Selbstschöpferisch war es, ein eigenständiges Kunstwerk, eines, dass alle Bereiche des Tonalen und Atonalen erschöpfend ausgelotet und alle Traditionen und Stile berücksichtigt hatte; ein Kunstwerk, welches alle gekannten Gesetzmäßigkeiten und Schranken sprengte, das erste überhaupt, das im Rausch und im Geist der Freiheit geschaffen worden war, fern von den äußeren und inneren Beschränkungen, wie sie im Staat der Wölfe zu befürchten gewesen wären.
Während die Komposition zum Abschluss kam, brachte ein freisinniger Verleger, der bereits andere Avantgardisten gefördert hatte, die Ästhetik heraus, ohne sie vorher einem Zensor überantwortet zu haben. Zensur fand in der Republik der Esel eigentlich nicht mehr statt, zumindest nicht offiziell. Also zog eine große Vision hinaus, wirkte und provozierte.
„Schaut her“,
entrüstete sich ein Kunstkritiker, dessen Kreativität in Destruktion bestand, unter dem Säulendach der Agora
„der Waldesel ist nun wahrhaftig übergeschnappt!
Ohne unser Plazet und noch vor den akademischen Weihen hat er’ s gewagt, höchst abstruse Thesen über moderne Kunst in die Welt zu posaunen, in welcher er mit allen Regeln bricht! Die Gattungen will er auflösen!
Der Verrücktheit sind damit Tür und Tor öffnet!
Heller Wahnsinn kommt da auf uns zu in seiner verstiegensten. ja blasphemischsten Form, wenn wir ihn nicht rechtzeitig stoppen!“

„Und das alles noch an unserer Autorität vorbei! So, als ob es uns gar nicht gäbe! Er beleidigt uns, indem er unser Tun missachtet und er verhöhnt uns, indem er unsere Werke ignoriert, statt sie fromm und ehrfürchtig zu zitieren!
Können wir das durchgehen lassen, Kollegen, ohne uns selbst in Frage zu stellen … und die Art unseres Schaffens?
Dieser Affront hat Methode!
Sollten wir ihm nicht auf die kecken Pfoten hauen?
Und sollten wir ihm nicht die langen Ohren noch länger ziehen – und uns nach einem Maulkorb umsehen oder einer scharfen Schere?“
So fragte ein anderer aus der Schar.
„Und was ist mit den Überklugen hinter der Frivolität?
Anstifter sind es und geistigen Brandstifter!
Gibt es nicht auch Mentoren mitten unter uns, die solche Hybris ermutigen? Falsches Mäzenatentum ist das!
Wenn diese Sorte Geister Schule bildet, dann kann die Tradition einpacken! Das Feuerwerk muss verhindert werden bevor mögliche Flammen der Begeisterung entstehen und sich zum verheerenden Flächenbrand ausweiten! Darf unser sittliches Gewissen das zulassen?“
mahnte eine weitere Stimme.

Geschäftigkeit kaum auf. Manches wurde unternommen, um die drohende Uraufführung zu unterbinden.
Wenn kein Kunsttempel da ist, dann wird es auch keine Premiere geben.
Und wenn die Schrift nicht wirken kann, dann wird keine Festhalle gebaut werden, kombinierten die Gegner der Avantgarde, die Gesetzlosigkeit bedeutete, Anarchie, Revolution und Umsturz, kurz: der Wille zur Macht durch die Kunst!
Freie Kunst aber, die sich, eigene Paradigmen entwerfend, über den guten Geschmack hinweg setzte, war gefährlicher Sprengstoff, der schnell entschärft werden musste, weil er politisch war und wirkte wie große Ideen. Also beschlossen sie, tüchtig auf den Sack zu klopfen, um auch dem Esel dahinter Beine zu machen. Es rumorte kräftig im Busch. Nur ein Träumer merkte nichts davon.


Copyright: Carl Gibson

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