Dienstag, 5. April 2011

Der Schaffende - ohne Musik wird das Leben zum Irrtum

 


Jahre gingen ins Land. Äußerlich führte Faustinus ein bürgerliches Leben. Innerlich aber lebte er unverstanden in einer Scheinwelt wie Algabal, in einem eigenen Reich zwischen Wissenschaft und Kunst.
Die Schönheit hatte er angeschaut mit Augen – jetzt war er dem Tode anheim gegeben, dem zarten Dahinsterben des Melancholikers, der gerne aufhört zu leben, wenn sein Leben zum Leiden wird.
Schopenhauer hatte ihm ein Weg gewiesen, den Weg in die Verneinung, in die Resignation. Jetzt las er in den Sutren des Erhabenen, im Alten und im Neuen Testament.
Die Passion beschäftigte ihn und der Sinn hinter dem Erleiden. Zur Gesellschaft, die er einst hatte verändern wollen, wahrte er eine kritische Distanz. Alles funktionierte auch ohne ihn. Poesie, Philosophie und Musik waren nunmehr seine ausschließliche Welt wie der Gang der Gedanken, deren Bahn er folgte. Einkehr suchend, zurückgezogen auf das Selbst und aus der frei gewählten Einsamkeit heraus dachte er, komponierte er und schrieb. Und er fühlte, dass er existierte. Zweifel überkamen ihn – und er zweifelte er an allem, am eigenen Ich und am In- der - Welt- Sein.
War er noch da?
Träumte er oder wachte er?
Was war Wirklichkeit und was lag unter dem Schleier der Maja?
Und hatte dieses Dasein noch einen Sinn, wo doch die Mission beendet war und die Lüge über die Wahrheit triumphierte?
„Den Lauf der Dinge wird ein ohnmächtiger Waldesel niemals aufhalten können! Und auch die Feuersbrunst kann ich nicht an allen Ecken gleichzeitig löschen, wenn sie wütet!
Schließlich bin ich nur ein Esel, gefangen in der Begrenztheit des Eselseins!“

Höllenqualen erlitt er wie seine Helden aus mythischer Vorzeit, wie Prometheus am Fels, wie Tantalus, der Dürstende ohne Wasser, wie der kluge Sisyphus kurz vor dem Ziel und wie Atlas, der die ganze Welt der Schmerzen allein tragen musste. Waren das alles Prüfungen der Gottheit, die ihre Lieblinge leiden ließ, um ihnen die Gnade der Existenz bewusst zu machen?
Der Schmerz des Zweiflers im Grenzbereich zum stillen Verzweifeln war echt wie der künstlerische Impetus, der zu neuen Werken und neuen Wahrheiten führen konnte. Also erfüllte sein Tun die Existenz mit Sinn und rechtfertigte das Weiterleben.
Während andere mit Kunst nur leichtfertig spielten, das Erstrebte verwarfen, noch bevor es konkrete Gestalt angenommen hatte, war es Faustinus ernst mir seiner Kunst.
Per aspera ad astra!
Meister Felix hatte es ihm früh eingeschärft. Jetzt galt es, das Diktum umzusetzen im Kunstwerk, in dem ein Hauch Genie war, sonst aber viel Fleiß und Arbeit.

Viele große Künstler hatten es vorgemacht, die Tonsetzer, die Maler, die Dichter, die Bildhauer - selbst das Leichteste war mit Schwere erkauft, oft mit Schwerstarbeit und gekonntem Handwerk.
Nur gut, dass er von Natur aus ein robuster Esel war, selbst angeschlagen zur Schwerstarbeit bereit.
„Was ich will, das schaffe ich auch“, sagte er sich trotzig stur und machte sich ans Werk. Brausende Motive, Gesang und Tanz bestimmten sein Tun, das mehr und mehr aus dem Kopf ausbrach und aufs Notenpapier floss aus der Welt des Schönen Scheins heraus in die tatsächliche Welt; und dies obwohl er in einem Schneckenhaus lebte, in einem Turm, nicht viel anders als einst Montaigne, als der Philosoph von Sils- Maria oder die frühchristlichen Anachoreten in ihren Mauerlöchern in der Wüste Ägyptens - fern der Welt, fern von ihrer Heuchelei, von ihrer Bosheit.
Redlich bemühte er sich um sein Werk, ohne dabei zum Eremiten werden zu wollen oder gar zum Zyniker; denn er hatte begriffen, dass Einsamkeit ein Segen sein kann, aber auch ein Fluch.
Arabella vergaß ihn auf ihrer Bahn.
Und die Welt vergaß ihn auch.
Nur wenige Geister fanden sich noch zum Gespräch ein, Freidenker und Kreative aller Art. Sie fanden sich erkannten einander auf Anhieb – und sie verstanden sich als Wahlverwandte, einsichtig, dass es auf diesem steinigen Pfad des Verzichts immer wenige sein würden und nie viele.
Begleitend folgten die raren Freunde seinen Ideen und trugen einfühlend viel dazu bei, manchen Gedanken zu heben und ihn ans Licht der Welt zu bringen wie die Hebamme das Neugeborene.
Die Töne und Kompositionen trugen ihn und seine Entwürfe an dem noch zu schaffenden Gesamtkunstwerk, das weit über die freiheitliche Versöhnungssymphonie hinausgehen sollte.
Die Welt der Wölfe hatte er verdrängt, auch die Rückschläge bei der Aufklärung, nicht aus Bequemlichkeit, nur weil alles das Profane der Gesellschaft ihn von Höherem abhielt, von Geist und Kunst und von der göttlichen Musik, die ihm wie nichts anderes heilig war.
 „Die göttliche Offenbarung erfolgt in der Musik“, verkündete er, um dann noch hinzuzufügen:
 „Wir Musiker haben sie Welt bereits vereint.“
Die Kleingeister und Grabenkämpfer der Tierheit müssen nur noch folgen! So dachte er. Im kleinen Kreis sprach er es auch aus.

Zunehmend apolitischer werdend, vergaß er auch den schlauen Kardinal und die Bestienwelt der schmerzhaft erlebten Wolfsdiktatur. Nur Alträume holten die Vergangenheit zurück, nachts, wenn der Vollmond sein fremdes Licht verstrahlte oder wenn am fernen Horizont ein böses Gewitter nahte.
Oft drehte sich der Künstler im eigenen Kreis, erfüllt von den Dingen, die er schuf und benebelt von dem Akt des Schöpferischen in Geist und Kunst. Dabei wusste er nicht recht, ob er noch mit der Welt lebte oder schon an ihr vorbei. So vergingen die Tage. Und so brachte er die dionysische Überfülle in apollinische Form.

Copyright: Carl Gibson

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