Dienstag, 5. April 2011

Dicke Koffer

 


Als Faustinus sich wieder hinab mühte ins Tal, über Stock und Stein, durch manchen dunklen Winkel und durch struppiges Gebüsch und dabei merkte, dass der Abstieg viel schwieriger und schmerzhafter verlaufen kann als das Hinauf, gedachte er der eindrucksvollen Worte des Alten und der Gefahren im Busch, die er erahnen, aber nicht erkennen konnte. Irgendwo lauerte das Böse wie einst die Schlange im Paradies und trachtete zu verhindern, dass die Dinge besser wurden. Als Kind hatte er die Dämonenfurcht überwunden, überzeugt, dass es keine Geister gab. Jetzt fürchtete er das unbekannte Böse, weil es im Verborgenen kauerte und nicht zu greifen war.
Im Flachland angekommen, reiste er wieder durch die fremde und doch vertraute Heimat – immer auf der Suche nach den eigenen Wurzeln und in höherer Mission. Faustinus kam überall hin: auf die Alp hinauf und in das Tal der Esel, zu den Ruinen der alten Eselsburg, die nicht nur vor den Toren Siebenbergens von Konquistadoren errichtet worden war, sondern paradigmatisch auch hier, im Stammland aller Esel. Doch sie war dem Zahn der Zeit anheim gefallen, ein Sinnbild der Vergänglichkeit.
Wissbegierig, wie er war, reiste er hoch in den Norden hinauf, an den kühlen Seestrand, zu den Windmühlen und Leuchttürmen hin, die nicht weniger mit ihm redeten als die Ruinen auf den Höhen. Er sah auch die Stadt, wo einst ein berühmter Anonymus die Kapelle der Stadtmusikanten verstärkt hatte. Und er wurde nicht müde, sein Gelübde zu erfüllen und das anzusprechen, was angesprochen werden musste.
Wohin er auch kam, berichtete er von seinen Erlebniswelten im Staat der Wölfe, stets von einer inneren Wahrhaftigkeit getragen und von objektiver Wahrheit. Das blutige Pogrom im Wald war echt gewesen, ebenso der blutige Aufruhr und Aufenthalt im kalten Loch. Die Wölfe mit den fletschenden Zähnen waren gleichfalls wirklich – und die Abläufe im Land der Bären, von denen andere Tiere zu berichten wussten, waren es auch. Doch die Welt der abgelenkten Esel hatte kaum Ohren für solche Abenteuer, die zu traurig waren und zu echt.
Irgendwann wurde Faustinus lustlos. Er fühlte wie die einsamen Rufer in der Wüste, deren Heilsbotschaft niemand hören wollte und bald noch schlechter, weil ihm der Fanatismus der Propheten abging.
Ihm wurde bewusst, wie das Festhalten an der Wahrheit ihn zum Einsamen machte. Die Welt hatte keine Lust auf Wahrheit. Betrogen wollte sie sein und angelenkt von den Wirklichkeiten, die doch nur Kummer und Sorge bedeuteten und dem Glück im Weg standen. Wahrheitsfindung war einfach nicht mehr zeitgemäß – und wer gegen seine Zeit agierte, gegen den Geist der Zeit, der war schlechthin unzeitgemäß und einfach nicht gefragt.
Selbst der Königin seines Herzens, der holden Arabella, fehlte bald das Verständnis für sein Tun und für die Realitäten einer Vergangenheit, die ihre eigene war. Ihre Perspektiven hatten sich verschoben, zur Zukunft hin – und mit den wandelnden Zielen wankten auch ihre Wahrheiten und Werte.
„Nach mir die Sintflut“,
zitierte sie Frau Pompadour, überzeugt, ihren eigenen Weg gehen zu wollen, ungeachtet aller Gräben und Hürden.
 „Der Zweck heiligt die Mittel“,
meinte sie dann auch noch und beschloss, sich selbst zu verwirklichen, indem sie für andere da war.
„Wenn mich die Natur nun einmal nicht mit musischen Begabungen ausgestattet hat, dann will ich das durch Tüchtigkeit wettmachen und mit der Beharrlichkeit der Esel aus Siebenbergen.
Und den Beweis werde ich erbringen, dass kein Egoist ist, wer altruistisch agiert!“
So redete sie manchmal.
Das war eine andere Form des Willens zur Macht über Emanzipation – oder das Glück mit der Brechstange. Die künftige Laufbahn bestimmte Lauf und Werte – Edelstes wollend und rücksichtslos handelnd wie die Natur. Und keiner konnte sie aufhalten, auch Faustinus nicht, der in seinem Ethos gefangen blieb.
„Kann der Esel dem Esel noch ein Wolf sein, nachdem er die Wesenheit des Wolfes existenziell erfasst hat“,
fragte er sich, horchte in sich hinein und verneinte die Frage. Er konnte nicht anders. Glück ist, wenn der Wille zur Macht wächst, hatte der Schnauzbärtige einmal verkündet. Arabella, die nie etwas aus seiner Feder gelesen hatte, handelte trotzdem nach der sonderbaren Maxime, und zwar aus einem Instinkt heraus - und aus einem Antrieb, der schon Darwin beschäftigt hatte. In einem Anflug von aufrichtiger Empörung, die ihr die Gelegenheit bot, ein für allemal mit dem verschrobenen Weltbild eines idealistischen Esels abzurechnen, sagte sie vorwurfsvoll:
„Du redest so viel von Freiheit, vom freien Willen, von der Selbstbestimmung des Subjekts, von Wahrheit und Gerechtigkeit! Im Grunde aber bist du noch unfreier als die einfachen Tiere auf der Straße, die du verachtest. Das Bild einer Hetzjagd determiniert dich, der Horror einer Nacht – die Revolution und die paar Hiebe im Loch!
Das alles sind fixe Ideen, Vorstufen zu einer richtigen Paranoia. Größenwahnsinnig warst du wohl schon immer. Jetzt wirst du noch verrückt!
Schau dich um in der Welt der Esel! Ein guter Esel kann viel ertragen. Er hat ein dickes Fell und jammert nicht jeden Tag herum wie eine Memme. Was soll dieses Gefasel von höheren Werten, vom besseren Tier und von einer besseren Gesellschaft? Merkst du denn nicht, dass die Wölfe dich mit ihrer Ideologie längst infiziert haben – und der schlaue Fuchs, den du immer noch bewunderst?“

Arabella war eine Meisterin der psychologischen Enthüllung. Und sie sah Dinge, die der idealistisch Verblendete nicht sah. Nur wurde der einst so liebevolle Umgangston zunehmend schriller und zielte in jene Höhen, die selbst die Königin der Nacht nicht immer meistern konnte.
Was zählte jetzt noch der Zauber der Romantik? Was die Metaphysik mit ihren Hirngespinsten? Esel waren für diese Welt gemacht und nicht für Hinterwelten, die nur in kranken Köpfen spukten.
Einmal in Fahrt gekommen, machte Arabella munter weiter und sagte Dinge, die sie bisher rücksichtsvoll verschwiegen hatte:
 „Dein sturer Idealismus bringt dir nichts ein und uns nichts ein. Denke an deine künftigen Kinder! Und darüber hinaus bedeutet er Gefahr für uns alle! Brauchen wir Feinde? Reicht es nicht aus, wenn wir still und vernünftig leben? Als du mich zum ersten Mal erblicktest, damals im Zug, fielen dir gleich auch die dicken Koffer auf, die wir dabei hatten. Werte waren darin, tatsächliche Werte! Und es könnten mehr werden! Ein paar dicke Koffer könnten wir noch gut gebrauchen und einen Schuppen dazu, um sie unter zu stellen, wenn es regnet, und etwas Stroh fürs weiche Lager. Das Leben kann so einfach sein – und ohne Gefahr … “

Faustinus, aus dem inzwischen ein ausgewachsener Esel geworden war, schluckte. Einiges klang gar philosophisch, anderes vernünftig, doch das meiste nur …
Doch der immer noch verliebte Waldesel wagte es nicht, Arabella so etwas zu unterstellen. Schließlich argumentierte sie existenziell.
Und eine Frau, die anders war, fühlte und dachte anders. Vielleicht hatte es die Natur so eingerichtet?
Von Einfühlsamkeit war nicht mehr viel übrig. Jede Rücksichtsnahme auf den anderen verflog.
Wo war die große Liebe, die einst alles ermöglichte und der einst alles unterworfen worden war? Wehrlos stand er da und unfähig, zu handeln. Was nutzten ihm jetzt die starken Hufe, wo seine Wesenheit bedrängt wurde?
Das Selbst war in Gefahr! Wie gut wäre jetzt ein richtig dickes Fell gewesen, ein Schuppenpanzer, um die bedrängte Seele zu schützen! Nach der einseitigen Disputation, die leiser, doch bestimmter in vielen Variationen wieder kehren sollten als unseliger Bolero des Niedergangs, kühlten die einst brodelnden Gefühle merklich ab. Und aus dem Kämpfer von gestern wurde über Nacht ein Kreuzchen-rühr-mich-nicht-an, eine zarte Mimose, die beim ersten Windhauch zitterte und schwankte. Wie eine Auster in der Tiefe, in die ein Sandkorn eindringt, zog er sich in sein Selbst zurück und umspann die Wunde mit seiner Kunst. Ob eine Perle daraus erwuchs?


Copyright: Carl Gibson

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