Mittwoch, 6. April 2011

Ein Kreuz

 


Ein paar Wenige um ihn ahnten, was er tat. Die meisten aber merkten nichts von seinem Wirken und blickten hochnäsig auf den zottigen Esel herab. Viel Täuschung war immer noch in der Welt – und abgrundtiefe Heuchelei.
Ein Gestrandeter war er für sie,  ein Esel, arm am Beutel, krank am Herzen, ein Taugenichts, der seine müden Tage mit undurchschaubaren, unverständlichen Handlungen ausfüllte.
Eigenwillig erschien er ihnen und stur. Die Heiterkeit seiner Seele, die manchmal aufleuchtete wie seine regen Augen, sah kaum jemand. Und keiner sah, dass der Waldesel immer öfter innerlich auflachte,. Je freier Faustinus wurde, desto lustvoller lachte er auf, ohne die Lippen hochzuziehen, denn sein Glück kam zurück; und sein Stern stieg wieder.

Einige seiner Mitgeschöpfe, die ihn aus besseren Tagen kannten, zeigten sich gelegentlich mit ihm in der Öffentlichkeit und trugen mit an seinem Kreuz. Weniger Tragfreudigere aber wandten sich ab und wechselten die Straßenseite, wenn er durch die Stadt trottete.
Die Freiheit war Faustinus immer noch ein heiliges Gut, das permanent neu erkämpft und verteidigt werden musste. Im Herzen blieb er ein Dissident, ein Andersdenkender in vielen Dingen.
Sein Anderssein behagte den Konformisten nicht, noch sein Weltverbesserertum und sein immer noch rebellischer Geist, der zur Verachtung der gesetzten Gesetze aufrief, zur Auflehnung gegen die Staatsgewalt, der er die freie Entscheidungskraft des Individuums entgegensetzte. Das alles roch nach Auflehnung, nach Widerstand, kurz nach Anarchie und nach dem Chaos dahinter!

Aber Faustinus war längst kein dummer Esel mehr. Das offen zu behaupten, wagte keiner, der ihn näher kannte. Schließlich hatte er einiges erlebt auf seinen nicht immer geraden Pfaden und auch schon einiges geleistet in Wissenschaft und Kunst. Auch von seiner tiefen Seele ahnten die meisten nichts, noch wussten sie von seinem großen Herzen.
Den Waldesel kümmerte das alles wenig. Wenn er die verächtlichen Blicke sah und merkte, wie sie sich davonschlichen, um nicht grüßen zu müssen, dann lächelte er nur. Sie schämten sich seiner!
Das Menschlich-Allzumenschliche hatte längst auch die Tierwelt erreicht. Früher hätten ihn Kränkung und Verachtung durch die Nächsten und Fernsten noch in tiefe Melancholie gestürzt. Doch jene Zeit war überwunden.

„Erwarte nichts von der Außenwelt, dann wird deine Enttäuschung nicht allzu groß sein“,
sagte er sich und trottete weiter durch die Lande.
„Dieser Waldesel aus dem fernen Siebenbergen hat einiges an Leid auf sich genommen, um unsere Lebenswelt etwas besser zu machen“,
sagten sich einige feinere Beobachter ihrer Zeit.
„Lasset uns diesen Altruismus belohnen, damit er auch weiterhin anhält und noch selbstloser wird!
Und lasst uns ihm ein Geringes von Wert geben, was seinen Meriten für Volk und Staat entspricht!
Ein Verdienstkreuz vielleicht?“

Einige höhere Tiere, die sich grundlegend mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft beschäftigt hatten, votierten dafür.
„Ehre, wem Ehre gebührt“,
sagten sie und rückten dabei die Orden an der eigenen Brust zurecht.

„Was macht es schon aus, wenn wir einen Esel unter den vielen Verdienten auszeichnen, die keiner kennt?
Das Bisschen Blech mit hohem Symbolwert kann wahre Wunder wirken und Stürme künftigen Engagements entfesseln. Also lasst uns ihm ein Band an die Hosen heften.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!“

Als sie dann eines Tages mit dem Orden anrückten und mit Gebraus zur Selbstfeier loszogen, war der Faustinus in die nahen Berge entschwunden. Sein eigenes Kreuz, dass er mit Würde auch weiter tragen wolle, reiche ihm, hatte er bestellen lassen.

Copyright: Carl Gibson

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