Dienstag, 5. April 2011

Golgotha oder: Man schlägt den Sack und meint den Esel


Als Faustinus den freudigen Blick zur Sonne erhob und der höheren Instanz für die besondere Gnade danken wollte, traf ihn ein Pfeil. Vor Schmerz zuckte er zusammen. Das Armbrustgeschoss hatte sich in sein Fleisch bebohrt, gerade ins Hinterteil und an der edelsten Stelle. Es war durch das dicke Eselsfell hindurch gedrungen bis zu einem Nerv im Kreuz, der besonders reagierte und der den Schmerz schnell hinauf sandte in das Gehirn, in die Schaltzentrale des Bewusstseins und von dort aus zurück zur Seele in der Brust.
Ein weiter Pfeil folgte und traf, dann noch einer… und noch einer!
Der heilige Andreas war so gefoltert worden! Jetzt erlitt ein Esel übermenschliches Leid! Ein Aufschrei schmetterte zum Himmel – ein schmerzverzerrter Eselschrei, der das Leid der ganzen Welt in sich zusammenfasste.
Wer schoss hier?
Und wo stand der Feind?
Ein einseitiges Gemetzel deutete sich an. War er in ein neuzeitliches Pogrom geraten?
In eine andere Hetzjagd?
Faustinus duckte sich und suchte Schutz hinter dem Stamm der alten Eiche. Doch es half nichts. Die Pfeile erreichten ihn auch dort und schlugen neue Wunden. Es zischte und sauste über die Ohren hinweg wie in der Schlacht. Gelegentlich knallte es auch aus einem Hinterlader. Dann donnerte es auch noch. Kam der Schall vom Himmel oder wurde hier mit schwerstem Geschütz auf Spatzen geschossen und auf einen wehrlosen Pilger auf dem Jakobsweg?
Immer noch hielten sich die Angreifer verborgen. Damals im Wald, als das Pogrom gegen die friedliche Tiere losbrach, hatte Faustinus die jagenden Wölfe deutlich sehen können, die sich aus allen Richtungen auf die Kieze und Frischlinge stürzten um jene  gleich in tausend Stücke zu reißen.
Doch wer schoss hier und jetzt - und vor allem weshalb?
Waren es die alten Feinde aus der jüngsten Vergangenheit, deren Rache Arabella so sehr gefürchtet hatte?
War es der lange Arm der wölfischen Revolution, der bis hierher reichte und nun Vergeltung übte für das freche Zeugnis am See?
Verschanzten sich wilde Wolfskrieger in der Hecke, Todeschwadronen des Kardinals, Rächer und Vollstrecker ohne Mitleid? Oder  war es gar nur schlichte Wegelagerer, maskierte Waldräuber, die es auf den Beutel des Bettelstudenten abgesehen hatten?
Aus den Büschen stieg Pulverdampf auf. Den störrischen Schädel zur Hecke wendend, gewahrte Faustinus gerade noch eine Locke von der Perücke eines sich wegduckenden Schützen. Ferner erkannte er ein Fell, das grau, aber kein Wolfspelz war. Das machte ihn stutzig.
War es denkbar, dass Seinesgleichen auf ihn ballerten, Esel wie er, vom heiligen Geist des Animalismus erfüllt?
Nein, nein, das konnte nicht sein!
Es war abwegig anzunehmen, hochgelahrte Esel mit stäubenden Perücken könnten Beruf und Berufung verfehlt und die Waffen gewechselt haben. Das waren gemeine  Heckenschützen dort im Dornengestrüpp! Hehre Geister konnten so nie handeln! Es sei denn, der Ungeist eines Unortes trübte ihr Bewusstsein!?

Das Leben war voller Überraschungen. Mit dieser hier am Hort der Freiheit hätte Faustinus nie gerechnet. Gerade jetzt, wo sich das Kunstwerk der Vollendung entgegen sehnte, kam diese Heimsuchung wie ein göttliches Strafgericht über ihn und warf ihn in den Staub.
Immer noch wusste er nicht so recht, wie ihm geschah. Er war mitten in der Kanonade  – und im Kopf tobten wirre Gedanken. Blinder Irrationalismus hemmte jede Vernunft. Was tun?
Er wusste es nicht – und ließ alles geschehen. Gegen das Schicksal ankämpfen? Wer konnte das?
Empfindlich getroffen und nun wirklich dem Tode nahe schrie er ein letztes Mal auf. Der verzweifelte Hilfeschrei zerriss die Luft. Sein durchdringendes I – Aaa erschallte über Berg und Tal und erreichte auch die sensiblen Ohren seines Mentors, der gerade vor großem Publikum über die Freiheit von Forschung und Lehre referierte.
Die vertraute Stimme im Wehgeschrei erkennend, warf der Freund die Schriften von sich und rannte zur Waffenkammer. Dort zog er ein Kettenhemd über und einen Panzer, griff zu Ägide und Streitkolben und rannte dann flink wie Ajax den Galgenberg hinauf, um sich selbst den Angreifern entgegen zu werfen. Wie die kämpfenden Hellenen in der Schlacht, wollte er dem Freund beistehen, in schützen mit dem ehernen Schild und, wenn möglich, den übermächtigen Feind in die Flucht schlagen. 
Als er in den Niederungen der Höhe eintraf und um ein Haar in schwerer Rüstung fast selbst im Sumpf versunken wäre, war es fast schon zu spät. Der Waldesel aus Sylvanien lag bereits schwer verletzt am Boden kurz davor, sein junges Leben auszuhauchen. Trotzdem stürzte er ins Gefecht einem unsichtbaren Feind entgegen, türmte den schützenden Schild auf und schlug mit dem Streitkolben wild im Nebel um sich, in der Hoffnung, einen aus der Schar der feigen Tarnkappenträger zu erwischen. Er kämpfte wie ein Heros und nicht weniger tapfer als einst Don Quichotte gegen die Windmühlen angerannt war und Sisyphus gegen den Berg.
Nachdem die Schlacht endgültig geschlagen, das Kampfgetöse versiegt und der Pulverdampf verraucht war, die Verlierer fest standen und die braven Heckenschützen sich in alle Winde zerstreut oder in Katakomben verkrochen hatten, beugte sich der Freund über das Opfer, entfernte die Giftpfeile, verband die Wunden und ertüchtigte den Angeschlagenen wieder soweit, dass dieser wieder  aus eigener Kraft heim trotten konnte. Dabei ignorierte der Mentor die erlitten Schrammen und Blessuren – denn auch sein Schuppenpanzer war von giftigen Geschossen durchdrungen worden.
Das Ganze hatte ihn nicht weniger erschüttert als seinen Zögling. Denn einen Angriff hier, in erhabener Höhe auf dem Weg zum Olymp, hatte auch er nicht erwartet – und schon gar nicht aus dem Busch.
Unglaublich?
Und tragisch?
Das war keine Einmaligkeit! Wie viele angehende Künstler waren auf solche Weise gescheitert?
Präzedenzfälle gab es zuhauf? Politische Intrigen? Rivalitäten?
Tierische, allzutierische Querelen?
In der Welt der Tiere gab es nichts, was es sonst in anderen Welten nicht auch gegeben hätte. Der Streiter sah sich um und überlegte. Die Schergen waren längst auf und davon. Nur einige Masken lagen noch am Buschrand, eine Tarnkappe, ein paar vergiftete Pfeile und eine staubende Perücke, die allerdings auf mehrere Geisteshäupter passte.
Cesare Borgia hatte so gekämpft, vom Willen zur Macht getrieben mit Gift und Dolch! Doch das war lange her. Die Zeiten hatten sich geändert? Und wohl auch die Sitten?
Sicher waren es die Abgesandten des Kardinals gewesen, der, des langen Abwartens überdrüssig, auf diese Weise sein Eselchen wieder haben wollte - tückische Wölfe im Eselsfell oder obskure Schergen des Bischofs unten aus der Stadt, dem vielleicht blasphemische Töne zu Ohren gekommen waren?
Oder waren es gar himmlische Feinde, die zuschlugen wie Cupido, nur mit anderen Pfeilen?
Feinde des freien Geistes?
Feinde der freien Kunst?
Feinde des freien Wortes und der freien Lehre?
Oder höllische Feinde, Adepten der teuflischen Bosheit in Bestiengestalt, die das andere Prinzip verhindern wollte?
Die Liste der Verdächtigten war lang, unbegrenzbar lang. Wie viele hatten ihn vor der Schlechtigkeit der Welt gewarnt und vor jenen, die einem Esel ans Leder wollten.

Faustinus nutzte seinen scharfen Eselsverstand, um einige der gemachten Fehler einzusehen und um zur Vernunft zu kommen. Einige seiner geistigen Gewährsleute, Philosophen und Dichter, hatten aus ihm einen Spötter gemacht, der metaphysische Hinterwelten verlachte, obwohl er wusste, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gab, von denen die Schulweisheit nur träumen konnte. Der Ungeist des Galgenbergs verwies jetzt auf die Existenz dieser Welten und auf ihre Erscheinungsformen, auf Phänomene, die der Esel stets geleugnete hatte. Um eine Einsicht war er nun reicher. Erst wer das Böse am eigenen Leib erfährt, hat die Gewissheit seiner Existenz.
Die erfahrene Hetzjagd von einst reichte zwar, um nie wieder in den Staat der Wölfe zurückkehren zu wollen. Doch dass Henkerskräfte überall wirken, musste der Esel erst im Paradies erfahren – nicht anders als Adam am Anbeginn der Welt. Ein giftiger Pfeil im Pelz brennt anders als das Geschoss des Cupido. Und mit dieser Erfahrung veränderte sich auch das Bewusstsein des Esels. Erst jetzt wurde Faustinus wirklich frei. Frei, um sich tatsächlich in die stille Kontemplation zu vertiefen uns ein eigentliches Selbst zu leben.
War das die Moral von der Geschicht’?
Die eigentliche Moral?
Sie lief auf eine Sentenz hinaus, die im Land der Wölfe schon längst zum geflügelten Wort geworden war:
Bevor du in den Himmel gelangst, fressen dich die Heiligen auf!“

Solche Überlegungen gingen dem Schwerverletzten durch den Kopf, als er zum Tode krank im Lazarett lag und später in einer Ecke im Stall. Endlich hatte er viel Zeit zum Nachdenken – und er nutzte sie.
Wie ehrlich hatte es sich doch bemüht, strebend und im dunklen Drange nach dem rechten Weg gesucht, den es auch zu finden hoffte. Und nun dies?
Weshalb diese göttliche Strafe?
War die eigene Hybris daran schuld? Die Selbstverliebtheit?
Der eigene Narzissmus?
Oder die Schuld der Vorväter in den Tiefen der Vergangenheit?
Wer aus der langen Reihe der Esel hatte so große Schuld auf sich geladen, dass Faustinus nun all die Prügel bezog?
Oder waren dies die Prügel des Esels aus dem eigenen Vorleben, von den Platon einst sprach?
Gab es doch die Reinkarnation; und mit ihr eine Bestrafung der Seele über den Leib? Oder galt die Strafe gar nicht ihm, sondern einem anderen, gemäß dem alten Spruch:
Man schlägt den Esel und meint den Herrn?“
Endgültig würde Faustinus nie auf die Wahrheit kommen, weil er die Dunkelmänner unter den Tarnkappen nie hatte sehen können.
War er viel nun viel besser dran als die Meise, die an der unsichtbaren Glaswand  gescheitert war? Die Glaswand war kein deklarierter Feind – und doch forderte sie ein Leben.
Ja, es gab viele Gründe traurig zu sein. Nach solchen Erkenntnissen verfiel Faustinus einer tiefen Depression, von der es sich fast nicht mehr erholte. Thanatos winkte mit macht und Eros war weit.
„Arabella“, winselte er mit schwacher Stimme, „Arabella!“
Doch Arabella hatte sich innerlich längst von ihm gelöst. Sie blieb hart und gnadenlos. Zarte Gefühle hatte sie keine für ihn übrig, kein Mitfühlen und kein Mitleiden:
„Das hast du nun von deinem Idealismus!
 Immer für andere da sein! Für Ziele, die keiner braucht.
Für die Eselheit!
Für die Tierheit!
Was kannst du dir davon kaufen?
 Die Koffer sind leer – und meine Geduld ist zu Ende!“

Mit diesem Worten schlug Arabella die Tür zu und suchte sich einen anderen Esel.


Copyright: Carl Gibson

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