Mittwoch, 6. April 2011

Grünland, Insel der Glücklichen


Eine seiner letzten Reisen wollte Faustinus allein unternehmen. Hinaus fahren wollte er mit dem Boot, hinaus ins Blaue, in die Weiten der Ewigkeit, die er schon einmal gefühlt hatte, damals, in der Jugend als einsamer Esel am Meeresstrand. Die Wüste hatte er erlebt, die Einkehr in die Stille und die Reinigung der Wüste. Im Angesicht des Ewigen würde sich sicher noch einmal eine Katharsis einstellen, eine Läuterung, die alles noch klarer machte.
Doch nicht der Überdruss trieb ihn hinaus aufs Meer oder Ekel und Abscheu vor der bestialischen Welt, die so war, wie sie war, sondern immer noch der Erkenntnisdurst des Entdeckers, der zu neuen Meeren hinstrebt und zu fernen Ufern.
Im Segelboot schiffte er dann hinaus und segelte hart am Wind. Irgendwann ließ er sich treiben. Kompass und Seekarten hatte er zur Seite gelegt, um dem Zufall eine Chance zu geben.
Verdankte nicht die gesamte Welt ihren Ursprung einem Zufall?
War nicht er der wahre Schöpfer aller Dinge?
Was sprach dagegen, dass Gott der Zufall war?
Epikur und Lukrez hatten das wohl geahnt, nur nicht ausgesprochen?
Trieb ihn die Melancholie hinaus an die Grenze? Oder war es immer noch das alte Streben, das aus ihm einen rastlosen Wanderer gemacht hatte, einen Wanderer zwischen den Welten, einen Brückenbauer und Versöhner? War die Zeit nicht reif, um ruhiger zu werden und gelassener? Wenn er jetzt auf ein Riff trieb, dann hatte das Schicksal, aus dem es kein Entrinnen gab, auch das so gewollt!

So dachte und träumte Faustinus vor sich hin, von klaren Gedanken gelenkt, von Visionen und von den sanften Einwirkungen einer Fata Morgana, die über den blauen Dünen der Wasserwüste aufkam, als weit am Horizont ein Fleckchen Erde sichtbar wurde.
Neuland?
Eine ferne Insel, ein entlegenes Eiland in der Sonne, eine glückliche Insel vielleicht? Tausende Dichter und Sänger hatten das Idealbild ausgemalt und besungen, das Eldorado von Freiheit und Brüderlichkeit!
Faustinus riss das Steuerrad um und nahm Kurs auf den Fels in der Brandung. Vor seinen Augen türmte sich eine neue Welt auf -  als grüne Insel im blauen Meer umhüllt von gelben Strahlen der Sonne. Ein mystisches Bild war das, in dem man am liebsten für immer aufgehen wollte. Und doch war es wirklich. Die Klippen wirkten steil und wenig einladend. Keine milde Bucht war zu sehen und kein ruhiger Hafen. Unbehagen kam auf und ein Gefühl der Angst. Nahte die letzte Stunde?
„Wird mein Schifflein an dieser Wand zerschellen – und ich mit ihm?“,
fragte sich Faustinus in Sorge. Diese war immer um ihn wie die Hoffnung.. Dann aber setzte er den Anker und sprang selbst todesmutig in die Flut. Was Robinson und Gulliver geschafft hatten, traute er sich auch zu. Faustinus schwamm wie ein Pferd. Denn Esel waren eigentlich Pferde. Und in Afrika, wo die Flüsse breiter waren und reißender als anderswo auf der Welt, hatten zebragestreifte Ahnen oft schwimmen müssen, um das rettende Ufer zu erreichen. Schwimmen, das steckte noch in den Genen. Also schwamm der Esel wie ein Fisch in seinem ureigensten Element und erklomm an einer flachen Stelle den Strand.
Concordia!
Da habe ich es wieder!
Das war sein erster Gedanke, als er im neuen Paradies ans Ufer kroch. War er zurück in Arkadien?
Im Garten der Hesperiden?
Oder lauerten hinter den Büschen listige Schlangen und Geier, Harpien und Basilisken?
Hatten die Bestien dieses Fleckchen Erde auch schon in Besitz genommen, ihre Hoheitszeichen gehisst und ein paar Mütter hergeschifft, um das Unberührte zu kolonisieren? Waren die Wölfe etwa auch schon da – gar die Bären?
Gefahr lauerte eigentlich überall, aber auch die Möglichkeit, den Garten Eden gefunden zu haben und das neue Atlantis, von dem Thomas Morus berichtet hatte. Vielleicht war Atlantis doch nicht gesunken?
Und vielleicht hatten sich einige Glückliche retten können und lebten hier in einem Sonnenstaat ohne Konflikte wie die Seligen in Intermundien und Engelswelten? Mit solchen Gedanken befrachtet, drang der Abenteurer des Geistes in den Urwald ein – und tatsächlich:
Helle Vogelstimmen drangen an sein Merlinohr im harmonischen Chor vereint und fernes Geplätscher einer Süßwasserquelle. Die Vögel sangen von Liebe wie einst die Troubadours und von ungetrübter Wonne. Die Jugend ohne Alter war hier daheim – und die Vergänglichkeit war weit. Pans Flöte ertönte und die milden Klänge einer Harfe.
Hier konnten sicher alle Saturniker geheilt und alle Unglücklichen der Welt wieder glücklich werden.
Idylle!
Ein Schöner Ort des Heils!
Das Leben pulsierte hier in einer Überfülle, wie Faustinus sie noch nie erlebt hatte. Vögel in allen Farben waren da, Kolibris und Kakadus, bunte Chamäleons und kleines Getier aller Art. Nur die großen Säuger fehlten.
Wäre dass nicht der geeignete Ort, um einen idealen Staat der Tiere aufzubauen, einen Staat der Friedfertigen, in dem der ewige Friede, die Freiheit und Glückseligkeit aller zum Staatsziel erhoben werden könnte?
Vielleicht kam dann jener Staat, von dem keiner etwas wusste und den niemand begehrte, gar ohne Armee aus?
Vielleicht war auch das Privateigentum auf ein Mindestmaß reduzierbar oder ganz verzichtbar wie bei den Harmonisten?
Das staatsphilosophische Gewissen regte sich. Hinter dem Glück des Einzelnen stand das Glück der Vielen. Philosophen aber waren dazu da, Glück möglich zu machen und es so zu entwerfen, dass auch die nichtphilosophischen Politiker es umsetzen konnten.
Vieles von dem, was Faustinus bei Campanella gelesen hatte, kam ihm jetzt wieder in den Sinn. Der ideale Staat, in dem ein paar Philosophen uneigennützig führten – hier war er sicher zu verwirklichen!
Und – ein Esel als Papst?
Ein Unding!
Die Zweiheit musste wieder in der Einheit aufgehen, wenn die göttliche Harmonie noch zu realisieren war.
Von der eigenen Schau berauscht, rannte der Entdecker zurück, stürzte sich in die Wogen und schwamm gegen die starke Strömung zum Boot hin, lichtete den Anker und segelte mit der sinkenden Sonne zum Festland, zurück in die noch allzu unzulängliche Republik der Esel.
Dort wollte er schnell von seiner Entdeckung künden wie Kolumbus. Eine Expedition sollte dann ausgerüstet werden und bald darauf ein Auswandererschiff, auf dem tugendhafte Esel das grüne Eiland in der Sonne erreichen konnten, aber keine Galeerensträflinge und Verbrecher!
Das letzte Glück aller war nahe.
Und ein Esel machte es möglich!
Nur eine Kleinigkeit hatte der Waldesel aus Siebenbergen ganz vergessen, etwas, was über künftiges Glück und Unglück entschied. Auf seiner Fahrt zur Insel der Seligen hatte der Zerstreute den Kompass zur Seite gelegt und die Seekarten. Das wurde ihm erst jetzt bewusst. Der Zufall hatte ihn an das Traumziel geführt. Und der Zufall wollte es nun auch, dass sein Expeditionsschiff Grünland nicht wieder fand.
So lange die Esel auch suchten, die Insel des Glücks war unauffindbar. Hatte das Meer sie verschluckt?
Oder hatte Faustinus das alles nur geträumt. Das Glück der Vielen war zum Greifen nah gewesen; so nah wie einst der Stein der Weisen. Und doch war es dahin. Für immer?

Copyright: Carl Gibson

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