Mittwoch, 6. April 2011

Im Garten - Der Neuentwurf und die philosophische Schule

Leicht enttäuscht kehrte der Suchende in seinen grünen Garten zurück, der noch urwüchsig dalag wie ein Urwald.
„Jetzt kommt es darauf an, den Gedanken eine Heimat zu geben. Ich muss den Wildwuchs in Form bringen, das Chaos  gestalten und es dann mit Leben erfüllen, mit höherem Leben. Denn was nützen köstlichste Aphorismen und die genialsten Essays, wenn sie widersprüchlich sind und die  Geschöpfe verwirren. Die Philosophie darf nicht länger selbstverliebt um sich selbst kreisen wie das Ego des Narziss; und sie darf auch nicht um ihrer Selbst willen da sein, sondern sie muss für alle nachvollziehbar werden und das Leben aller planbar machen, obwohl es chaotisch ist und dem Irrationalen unterworfen.
Wenigstens ein Teil des Weges muss geplant werden können, indem mögliche Fehler erkannt und vermieden werden. Der Schöne Ort, der hier entsteht, soll ein Mittel sein zum Neuentwurf.
Der Garten soll ein Medium sein, um die großen Ideen veranschaulichend verständlich zu machen und um dem Wahren, Schönen und Guten zum Durchbruch zu verhelfen.
In dem Garten werde ich dann zum Symposion einladen wie die Griechen. Freunde werden kommen und Fremde, aus denen Freunde werden können. Wenn es sein soll, wird daraus eine Schule erwachsen  wie einst die Schule von Athen oder die Akademie von Florenz! Und wenn mir die Gnade des Lehrens beschieden ist, dann werde ich auch lehren und heilen dürfen, als Denker und als Künstler, als geistig Schaffender!“

Also ging Faustinus ans Werk und legte selbst Hand an und Huf. Mit bewundernswerter Eselsgeduld pflanzte er tausend Pflanzen, endemische und exotische, Bäume und Sträucher, Gräser und Kräuter, Feigen und Datteln, Linden und Eichen, Bambus und Schilfrohr. Die Reben formten sich zur Laube und die Rosen spannen sie ein.
Dann wurden die Säulen gemeißelt und die Götterfiguren darauf. Was vorher Idee war, sprang jetzt aus dem Stein wie bei Michelangelo, dem vollendetsten der genialen Bildhauer. Das Verborgene trat ans Licht und wurde Form, apollinische Form vollendeter Schönheit. Was anderes hätte er formen können als engelsgleiche Grazien und Götter mit Eselsohren - den tragischen Dionysos, den wilden Eros, einen tanzenden Satyr und einen vergnügten Faun?!
Freunde halfen ihm dabei, das  Dach aufrichten. Der Esel arbeite so lange an seiner Welt des Schönen Scheins, bis das Abbild der glücklichen Insel im Meer vor ihm stand – ursprünglich und heil!
„Wenn die Welt auch schlecht ist“,
sagte sich Faustinus,
„ so kann ich mir doch selbst meine schöne Welt erbauen – für mich und für meine Freunde, die ich zu meinem Glücklichsein brauche. Jedes Tier ist ein „zoon politikon“ – es ist gesellig seit jeher.
Und die Einsamkeit ist ein Irrweg, der ins Verderben führt.
Die Einsamkeit kann ein Segen sein für die Schaffenden, für die Wenigen!
Aber für die Vielen, denen meine Sorge gilt, ist sie ein Fluch!
Allein schmeckt mir das beste Gericht nicht. Und der feurigste Wein macht mich traurig.
Also werde ich zum Gastmahl laden.
Unter Ölbaumzweigen und Lorbeer und mit dem würzigen Duft blühender Zitronen in der Nase werden wir dann über die Liebe philosophieren und über die große Sehnsucht, die in uns ist. Und dies so lange, bis die Herzen milde werden und empfänglich für die eigentlichen Gaben.“

Noch bevor die Idylle vollendet war, kehrte das Leben ein. Die Singvögel kamen zuerst und sangen. Nachts schlug die Nachtigall. Und die Freunde der Schönheit und der Harmonie folgten.
„Mein Wirken werde ich zunächst auf mein Umfeld beschränken. Erstmals kommt es darauf an, die Dinge zu beeinflussen und zu verändern, die ich verändern kann“, räsonierte Faustinus mit Seneca.
„Wenn ich dann meinen Mikrokosmos nach meinen Vorstellungen positiv gestaltet habe, dann kann ich über ihn auch auf die Struktur des Makrokosmos Einfluss nehmen.“

Epikur, der Gartenphilosoph, Hobbes und Kant bestimmten seine Ethik – und die vielen stoischen Esel der Geistesgeschichte mit ihrer Fügung und ihrer Eselsgeduld. Von diesem Geist getragen entstand die berühmte „Schule von Eselsburg“, die in der Forschung auch als „Eselsburger Schule“ bekannt wurde.

Angewandte Philosophie war ihr Programm, Ethik und Ästhetik, die Kunst des Handels und die Lehre vom Schönen, kurz Philosophien, die dem tatsächlichen Leben zugewandt waren und dem Überleben in einem unzulänglichen Staat und in einer noch unzulänglicheren Welt der Tiere, die immer noch hasserfüllt und gespalten war – und in der immer noch die Grausamkeiten der Starken den Ton angaben. Hinter allem aber standen das kritische Denken der aufgeklärten Kreatur und die sinnsetzende Kraft des gesunden Tierverstands.
„Was nützen uns jede Schönwetterphilosophie und all die Wortklauberei, wenn sie nicht dazu verhelfen, das Wohl aller zu befördern und das Heil unserer Seelen? Glück ist nur möglich, wenn die Seele ihren Frieden hat. Die Philosophie muss die Kranken gesund machen und alle Gesunden glücklich!“

„Aber gibt es ein Glück an sich, das für alle erreichbar ist?
Können alle innerlich frei werden und glücklich?
Oder gibt es doch nur das Glück für mich“, fragte sich der Esel skeptisch, da er den Perspektivismus verinnerlicht hatte.
Wenn die Grundbedürfnisse der Vielen gedeckt sind, ein Dach über dem Kopf, ein Nest, ein Fell oder Federkleid, etwas zum Schlucken und Kauen, dazu noch einige vergnügliche Spiele, dann sind die meisten schon zufrieden. Sie rennen im Laufrad und merken es nicht, weil sie es nicht anders kennen!
Und der Einzelne, was erfüllt ihn mit Lebensglück?
So manches und nichts!
Der Gierige ist glücklich, wenn sein Reichtum anwächst – und der Geizige, wenn er nichts abzugeben braucht von dem, was seine Ahnen gestohlen und gehortet haben. Der Schelm ist glücklich, wenn er einem einen Streich spielt, der Täuscher, wenn er andere hinters Licht führt und der Böse geht in seiner Wesenheit auf, wenn er andere foltern und quälen kann. Wahre Boshaftigkeit macht Sadisten glücklich. Selbst der Schäbige will in seinem Element sein wie der Fisch im Wasser und dadurch glücklich. Fürwahr: Charaktere aller Art bringt die Tierheit hervor, niedere und auch ein paar noble.

„Glück ist, wenn das Gefühl der Macht wächst“, hatte ein rücksichtsloser Philosoph einmal gelehrt, der der Welt den Schleier der Maya nehmen wollte. „Wir aber müssen das Glücksgefühl von der Macht lösen. Halten wir es mit Buddha und Christus, indem wir nicht für die Starken da sind, sondern im dem wir die Schwachen stützen und sie erheben“, folgerte Faustinus und zimmerte daraus die Grundanschauungen seiner Glücksphilosophie. Erst wenn ein Leben in Würde auch mit Sinn erfüllt wird, kann sich irgendwann auch einmal Glück einstellen.

Copyright: Carl Gibson

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