Mittwoch, 6. April 2011

Im Land der Bären

 


Bevor sich der Waldesel endgültig in seinen grünen Garten zurückzog, um dort seine  Lebensphilosophie so zu strukturieren, dass sie für alle verständlich und nachvollziehbar wurde; bevor er eine eigene Schule bildete las er noch manches im Buch des Lebens und der Natur.  Er dachte weiter über die Verbesserung der Lebenswelt aller Tiere nach und unternahm noch manche Bildungsreise in ferne Länder und Kulten.
Gottes war Orient und Okzident – und jeder Esel konnte auf seine Weise ein Brückenbauer sein und versöhnend wirken, statt zu spalten.
Dieser Geist trug ihn hinaus ihn die Welt und ließ ihn mit vielen neuen Freundschaften wieder heimkehren. Offen sein, triste Episoden der eigenen Vergangenheit bewältigen, Freunde finden, gerade unter ehemaligen Feinden – das waren die ungeschriebenen Ziele auf seinen imaginären Flaggen.
Seine Reisen führten ihn hinaus in die Welt, in ferne Länder, zu den Kamelen in die Wüste und ins Reich des Kondors, das er schon vom Misthaufen Concordias aus bewunderte hatte. Bevor der Kondor selbst Gitter zimmerte, hatte er sich weltweit für den freien Flug und Zug eingesetzt, für die grenzenlose Freiheit überall auf der Welt – und für die elementaren Rechte aller Tiere. Dass dieser Geist nun vollends tot sein sollte, daran wollte der Waldesel noch nicht glauben.
„Auch das Böse ist nur ein Teil des Teils, der anfangs alles war“,
sagte sich der poetische Denker, und reiste zu den Geiern und Schakalen, zu den Hyänen und dem Vielfraß und selbst ins Land seines Albtraums – zu den Bären.
Seit er auf der Welt war, grauste es ihm vor den Bären.
„Die Bären kommen!“
Dieser Schreckensruf hatte selbst die grimmigen Wölfe in die finsteren Wälder Siebenbergens zurückgetrieben.
Schreckliche Dinge waren ihm einst von den Bären berichtet worden. Weit schrecklicher galten sie als die Wölfe. Und ihre Geschichte schien ein Strom von Blut. Finstere Despoten hatten sie hervorgebracht und Tyrannen, die ihre engen Überzeugungen mit gnadenloser Gewalt durchsetzten.
Doch was war bei den Eseln anders?
Führten nicht auch ihre Führer, die nicht selten auf den Beinamen Wolf hörten, erbarmungslos das Schwert, wenn es galt, dem inneren und äußeren Feind den Kopf abzuschlagen, wenn es galt, andere Völker zu unterwerfen und zu unterdrücken und anderen Tieren den eigenen Glauben aufzuzwingen?
Ein Philosoph durfte sich nicht von Vorurteilen abhalten lassen. Und selbst historische Gewissheiten bezogen sich nur auf die Vergangenheit und konnten nicht auf ewig fortgeschrieben werden.
Auch Bären waren Tiere. Und auch Bären konnten Einsicht zeigen, sich wandeln und künftig Veränderungen zum Guten bewirken. Die Zeit der Götterdämmerung und der drohenden Apokalypse konnte noch abgewendet werden, wenn die starren Krieger wieder miteinander redeten, statt aufeinander zu schießen.
Also schlug der Waldesel aus Siebenbergen die Warnungen besorgter Freunde in den Wind und reiste zuversichtlich in das Land der Bären, fast an die gleiche Stelle, wo einst der eigene Vater zu unfreiwilliger Sühnearbeit unterm Joch gedient hatte. „Die Esel sollen büßen für ihre Verstiegenheit, erneut einen Weltkrieg vom Zaun zu brechen“,
sagten die Bären nach der letzten großen Eselei und verfügten, dass alle Esel, denen sie habhaft werden konnten für unbestimmte Zeit zur Fronarbeit eingezogen wurden.
„Ein Esel ist ein Esel. Und jeder Esel, den wir in unseren Netzen fangen können, soll dafür büßen, was die entsprungen Verbrecher angerichtet haben.“
Solch ein Befehl hatte das zarte Waldeselchen einst in die attische Tragödie versetzt und aus ihm eine tragische Figur gemacht, noch bevor der Begriff des Tragischen im eigenen Schädel herangereift war.
Allein schon die Rückbesinnung auf die erduldeten Qualen des Vaters, die irgendwo auch seine eigene waren, hätten ihn von dieser Reise abhalten können. Doch nein, die ewige Feindschaft durfte nicht aufrechterhalten bleiben, wenn das Tier irgendwann zu seiner wahren Wesensentfaltung kommen sollte. Und die gesprächsbereiten Philosophen, die auch verkappte Diplomaten waren, mussten den ersten Schritt tun. Denn es war ein Schritt zur Freiheit für alle.
Der ferne Sündenfall im Paradies hatte einst alle unfrei gemacht, ihnen das Lachen genommen, die Heiterkeit und die Lebensfreude. Jetzt war die Zeit dafür reif, sich nicht mehr von den Dingen der Vergangenheit festlegen und steuern zu lassen, sondern von hehren Visionen der Zukunft, die nicht der Machtausübung verpflichtet waren, sondern der Emanzipation und Freiheit aller Tiere.
„Wo ein Wille ist, dort ist auch ein Weg“,
sagte sich der ewige Wanderer, als er im Zug der aufgehenden Sonne entgegen fuhr.
Waldesel Faustinus kam zwar mit leerem Beutel bei den Bären an. Doch dafür hatte er viel Offenheit mitgebracht, Einsicht und Verantwortung für vergangene Kriegsereignisse, die die Völker entzweit hatten.
Und er wurde verstanden.
Kein blinder Hass schlug ihm entgegen, kein Ressentiment und kein Geist ewiger Spaltung, sondern ein milde Versöhnung, die  von Verständnis und Verzeihen geprägt war. Barmherzigkeit, Demut, Gnade, alles Begriffe, die es im jugendlichen Wahn verachtet hatte, bekamen jetzt einen neuen Sinn.
Manchmal fühlte Faustinus gar die Warmherzigkeit der Bärenseele, die etwas mit tief empfundener Melancholie zu tun hat.
Und manchmal ahnte er, dass aus der gezeigten Gastfreundschaft in nicht allzu ferner Zukunft nicht nur Verbindendes, sondern sogar wahre Freundschaft erwachsen konnte.


Der Geist der Zeit änderte sich mit dem eigenem Geist ihrer Lenker, in dem die Zeiten sich bespiegelten. Herausragende Individuen, große Persönlichkeiten konnten der Zeitgeschichte ihren Stempel aufdrücken und die weltanschaulich auseinander dividierten Völker wieder miteinander versöhnen. Schon Goethe, der große Versöhner, hatte das Verbindende zwischen Orient und Okzident gesehen, den friedlichen Brückenschlag zwischen den Kulturen. Und mit Goethe, der auch ein Philosoph war, wollte es Faustinus halten in der eigenen Mission.


Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das neue Buch von Carl Gibson: „AMERICA FIRST“, Trumps Herausforderung der Welt – Wille zur Macht und Umwertung aller Werte!? Jetzt im Buchhandel!

Das neue Buch von Carl Gibson:    „AMERICA FIRST“,  Trumps Herausforderung der Welt –  Wille zur Macht  und  Umwertung aller Werte!?   Jetzt...