Dienstag, 5. April 2011

In der Geldfabrik

 


Als der schlimmste Schmerz verflogen war und die glühende Morgenröte wieder auf einen neuen Tag verwies und ein neues Glück, fasste der Waldesel wieder Mut:
 „Arabella hatte doch recht!
Es ist nichts mit der Politik, noch mit der Wissenschaft und Kunst!
Einen anderen Sinn muss ich in mein Leben bringen.
Und sicher gibt es auch andere Wege das schnelle Glück zu finden. Ich will nicht länger lustlos im steinernen Garten wandeln wie ein Märtyrer, der sich aufopfernd für andere und unerreichbare Ziele ewig unglücklich bleiben wird. Sondern ich will mich wieder der Erde zuwenden, meine Wurzeln finden und meine eigentliches Wesen – und dahinter vielleicht den bequemen Weg zum Glück.“
Doch wie sollte Faustinus es angehen? Nach welcher Methode und nach welchem Modell?
Sollte er die künftige Existenz im Schweiße seines Angesichts gestalten, Bauer werden, sähen, ernten und der Erde die Früchte abringen, ohne zu wissen, ob nicht Hagel und Heuschrecken die Ernte vernichteten?
Sollte er fortan mit diesem ständigen Wagnis leben, das jederzeit den Hungertod bedeuten konnte?
Sollte er gar wieder zu den Fertigkeiten seiner Art zurückkehren, Lasten schleppen, ziehen und Heilige durch die Gegend tragen in der Hoffnung auf ein kommendes Wunder?
Oder sollte er sich doch besser auf seine ureigensten Talente zurückbesinnen, die einiges mit Denken zu tun hatten und noch mehr mit Kunst und Metaphysik, auf die schon verschüttete Alchemie?
Die weiße Magie brannte aus schwarzem Ton weißestes Porzellan! Sie konnte aus Stroh Gold spinnen – und aus armen Eseln reiche machen!
Das war es wohl, des Rätsels Lösung, das Rezept zum Erfolg!?

Schließlich war Faustinus ein Sonntagskind, an einem Siebten geboren, jenseits von sieben Bergen und seit jeher ein Freund der Zahlenmystik und des Experiments. Was ein Rumpelstilzchen fertig brachte und andere große Magier der Renaissance müsste auch ihm gelingen.
Tage und Nächte der Arbeit gingen ins Land; doch das Gold wollte sich nicht einstellen. Alles schien bald endgültig verloren. Doch gerade als der Alchemist die Fiolen enttäuscht von sich werfen und mit dem Labor in Rauch aufzugehen gedachte, zu vielen Atomen zersetzt im ewigen Kreislauf der vier Elemente, kam ihm erneut der rettende Gott zu Hilfe: Ein ferner Verwandter aus Übersee, ein tüchtiger Uronkel, der sich schon vor den großen Kriegen auf weite Fahrt begeben und ein beachtliches Vermögen gemacht hatte, war in seinem Testimonium gerade auf Faustinus gekommen; gerade ihm, dem Taugenichts, hatte der Gütige einen guten Batzen Geld hinterlassen, einfach so oder weil er dachte wie Maecenas. Wie auch immer – „pecunia non olet“, hieß es schon in alten Schriften.
Der Wanderer erkennt den Wanderer“, sagte sich der fast schon verzweifelte Waldesel, und nahm die Erbschaft dankend an.
 „Sicher wollte mir der alte Tierfreund die Last der Fremde versüßen oder mir das freie Schaffen ermöglichen, ein sorgenfreies Schaffen, vom dem er vielleicht genauso träumte wie ich?“
Dann begab Faustinus sich in jene Anstalt, wo das Geld der anderen zum eigenen Nutzen verwaltet wird, und ließ den mächtigen Batzen wiegen.
„Viel ist es zwar nicht“,
meinte ein alter Ochse hinter dem Schalter,
„doch es wird sicher ausreichen, um einem sparsamen Esel ein paar angenehme Jahre zu bescheren.
Eine kleine Weltreise kannst du nun unternehmen, dich bilden, viele schöne Dinge sehen – und die sieben Weltwunder!
Aber du kannst dies Vermögen auch uns anvertrauen, in Treu und Glauben!
Wir geben dir dann und wann etwas von dem, was wir von anderen nehmen. So wird dein Häufchen anwachsen, das Geld wird mehr werden – im Schlaf. Und du wirst richtig reich!
Vielleicht bist du gut beraten, die Weltreise erst morgen anzutreten oder besser noch übermorgen, wenn der Haufen hoch ist … wenn du alt bist und richtig weise!?“
„So lange will ich aber nicht abwarten. Das Los der Welt ist ungewiss. Und wenn gewisse Dinge eintreten, dann wird es sie vielleicht bald gar nicht mehr geben – oder ich werde nicht mehr da sein, zumindest nicht mehr so frisch und fromm wie heute“,
ereiferte sich Walsesel Faustinus. Geschwätzig geworden fügte er dann noch seherisch hinzu:
„Wenn sich mein Lebensglück auf eine Portion Hafer beschränkt am Tag,
wenn alle Triebe tot sind und jedes Verlangen erloschen ist, dann brauche ich keine Weltreise mehr.
Jetzt muss ich reisen; den Tag muss ich heute nutzen, weil er der letzte sein kann. Oft entscheidet der richtige Zeitpunkt darüber, ob man glücklich wird oder unglücklich! Und diesen Moment will ich keinesfalls verpassen!“

„Dann, Freundchen, wenn du es ganz eilig hast mit dem Reichwerden, dann musst du dein Geld in die Geldfabrik bringen. Dort wird schnell aus einem kleinen Vermögen ein großes Vermögen, eines, dass keine Wünsche mehr offen lässt!“ höhnte der Ochse.
Dass aus einem großen Vermögen unter bestimmten Bedingungen noch schneller ein kleines werden kann, verschwieg das Schlitzohr.

Doch Faustinus, der gerade noch tiefgründig räsoniert hatte, überhörte die Ironie. Gier stieg in ihm auf; die Gier, auf einmal alles haben und das baldige Glück erzwingen zu wollen.
Und die Brechstange dazu war das große Geld.
„Danke für die weisen Ratschläge“, verabschiedete sich Faustinus, kehrte der Bank den Rücken und eilte mit dem prallgefüllten Dukatenbeutel in die  nächste Stadt am großen Fluss, wo die Esel gleich mehrere Geldfabriken errichtet hatten.
Der Weg dorthin führte durch Odenwald und Spessart, wo der Geist der Nibelungen noch nicht ganz verweht war und andere Geister ihr Unwesen trieben. Doch das schreckte den Sylvanier nicht.
Wer aus den Wäldern kam wie er, und wer das erlebt hatte, was er zuletzt auf dem Galgenberg erlebte, den schreckte überhaupt nichts mehr, kein Horror, auch kein Terror und keine Panik, die jener Griechen-Gott zu verbreiten pflegte, wenn er schlecht gelaunt alle anderen ins Bockshorn jagen wollte.. Die Hölle fürchtete Faustinus längst nicht mehr, schon deshalb, weil er sie bereits durchschritten hatte - und die leibhaftigen Teufel, das waren doch die irdischen Geschöpfe selbst, die noch übler handelten als alle Waldgeister und Dämonen.
Tief im Spessart und spät in stockfinsterer Nacht kam Faustinus an einem Wirtshaus vorbei, in welchem ein paar raue Gestalten zechten und Karten spielten. Das Spiel zog den Esel magisch an. Denn auch er war ein kleiner Hasardeur, eine Wagemutiger, der sein Glück gern sofort herausforderte. Das Schweben über den Abgründen hatte ihn dazu gemacht, die Gratwanderung und das mehrfache Schaukeln zwischen Sein und Nichts, entweder himmelhochjauchzend – oder zutodebetrübt. Das war das Los des Melancholikers, unendlich glücklich – oder unendlich elend; es war ein Dauermotiv seiner Existenz:
“Wie wäre es, wenn ich mein Glück im Spiel versuchte und alles auf eine Karte setzte – wie in der Spielbank?“
regte sich Faustinus selbst an und musterte  dabei die Spieler genauer. Wenn Fortuna ihm hier und jetzt hold war, dann konnte er sich den weiten Weg zur Geldfabrik ersparen, kombinierte er.
Es juckte ihn, einzutreten, sich keck an den Tisch zu setzen, etwas zu wagen, zu gewinnen, zu verlieren, zu lachen, zu weinen.
Wie viel Glück und Unglück lag ihm Spiel?
Doch das rauchende und grölende Lumpengesindel in Fetzen war ihm dann doch nicht ganz geheuer.
„Das müssen Diebe sein … und Beutelschneider“, folgerte er bald scharf.
„Und unter die Räuber kannst du mit deinem dicken Beutel nicht gehen! Anständigen Händen werde ich das blanke Gold anvertrauen, sauberen Charakteren mit weißen Westen und silberner Krawatte!“
sagte sich der klug gewordene Hinterwäldler Faustinus und zog es dann doch vor, lieber unter den Wilden des Waldes zu übernachten, als mit dem Lumpengesindel zu zechen, nicht anders als Hänsel und Gretel und andere Verstoßene der Märchenwelt.
Wieder stand ihm Fortuna zur Seite. Zitternd überlebte er die Nacht. Keine Bestie tat ihm etwas zu leid. Am nächsten Morgen schon erreichte er die einst freiheitliche Reichsstadt.
„Wo finde ich die Geldfabrik?“
erkundigte er sich beim erstbesten Passanten.
„Folge dem Fluss, gerade in das Herz der Stadt hinein, bis du auf einen Prachtbau stößt, dessen Dach auf mächtigen Säulen ruht. Du kannst ihn nicht verfehlen, denn ein schnaubender Bulle erwartet dich dort und ein zottiger Bär!“
Faustinus erschrak und wurde für einen Augenblick kreidebleich. Inzwischen hatte er zwar erfahren, dass sich die Wölfe bereits über den ganzen Kontinent ausgebreitet hatten, weiter auf dem Vormarsch waren und schon unter Eseln lebten; und er wusste, auch, dass einige nur Wolf hießen, während andere Tiere in ihren Herzen schon Wölfe waren. Doch dass der schnaubende Minotaurus auch schon vor Ort war und mit ihm ein noch bedrohlicherer Schwarzbär aus dem Osten, das war ihm völlig neu. Noch bevor er etwas erwidern konnte, tröstete ihn der  mitfühlende Städter:
„Nur keine Angst, Eselchen! Beide sind fest in Erz gegossen wie alte Philosophen vor der Alma Mater - und ungefährlich für unsereins sind beide.
Der omnipotente Kraftprotz Stier steht für Zuversicht und steigende Werte,
während der Bär Skepsis und pessimistischen Niedergang symbolisiert.“

Faustinus Optimus hatte verstanden. Erleichtert atmete er auf – Minotaurus und der Optimismus?
Auch diese Facette war ihm neu. Mit den philosophischen Begriffen wusste es etwas anzufangen, mit Ethos, mit Moral und mit Dekadenz. Selbst mit blumiger Sprache kannte es sich aus, mit Metaphern und Allegorien, und mit euphemistischen Umschreibungen.
Nur von Besitz, Eigentum und Geld wusste es nichts, weil all diese Dinge den Nomaden seiner Kindheit nicht viel bedeutet hatten – und weil die gesamte Gesellschaft im Staat der Wölfe nicht auf Gelderwerb ausgerichtet war, noch auf persönliches Eigentum, sondern höheren Werten huldigte.
Im Urwald brauchte man kein Geld. Dafür war man autark. Die Eselsgesellschaft aber war eine Geldgesellschaft. Und ein berühmter Esel von der Akademie hatte gar ein dickes Buch über die „Philosophie des Geldes“ geschrieben, über das liebe Geld, das Segen und Fluch zugleich war.
Doch was bedeutete Geld wirklich?
Ermöglichte es die große Freiheit – oder war es doch nur eine andere Form der Sklaverei?
Dostojewski und Tolstoi hatten darüber nachgedacht und auch andere Anarchisten, die sich fragten, ob das Besitzen einer Geldfabrik kein größeres Verbrechen sei als ihr Berauben.
Während Hirngespinste moralisierender Art durch das Eselsgehirn strichen und unscharfe Visionen von Tretmühlen und Laufrädern aller Art, las Faustinus eine unübersehbare Aufschrift in goldenen Lettern auf rotem Sandstein:
„ BANK ALLER ESEL“.
Das wird die Geldfabrik sein, dachte Waldesel Faustinus und wollte gleich hinein.
„Halt!“
schrie da jemand an der Pforte,
„Und wohin des Weges?“
„In die Geldvermehrungsanstalt will ich!“
„Da bist du verkehrt, Fremdling! Hier wird das Geld nur gedruckt, verwahrt und in Umlauf gebracht! 
Gehandelt wir weiter unten an den Märkten!“
Faustinus verstand nicht so recht, was gemeint war und trottete davon. Gedruckt wurde das Geld also und kaum noch geprägt. Vielleicht weil die Erze allmählich knapp wurden?
Wenn Staat Geld brauchte, dann warf seine Hausbank die Druckerpressen an und druckte soviel Geld, soviel gebraucht wurde - bunte Scheine, Scheingeld, farbig bemaltes Papier, gut zum Feuer entfachen und zum Tauschhandel, wenn der Wert stimmte.
Wert oder Unwert?
Das war hier die Frage!
Nur was machte den Wert aus?
Wo war die Substanz hinter dem Schein? Oder war alles nur Gaukelei mit dem chinesischen Papier?
Das Gleichnis mit den guten Rotwein kam Faustinus in den Sinn, der mit viel Wasser so lange gestreckt wurde, bis er farblos war und fad schmeckte. Was wohl aus dem Wert des Geldes wurde, wenn der gierige Leviathan immer mehr Scheine drucken und in Umlauf bringen ließ?
Intuitiv griff der Faustinus an den Beutel und stellte befriedigt fest, dass das gelbe Metall noch da war, schwer und wohlklingend!
„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles“… seufzte der Wanderer und folgte weiter seiner Bahn.   


Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das neue Buch von Carl Gibson: „AMERICA FIRST“, Trumps Herausforderung der Welt – Wille zur Macht und Umwertung aller Werte!? Jetzt im Buchhandel!

Das neue Buch von Carl Gibson:    „AMERICA FIRST“,  Trumps Herausforderung der Welt –  Wille zur Macht  und  Umwertung aller Werte!?   Jetzt...