Dienstag, 5. April 2011

Intermezzo - Rückbesinnung auf alte Mythen

 


Der Philosoph unterbrach seine Erzählung, als er merkte, wie die ergreifende Dramatik der Fabel den Kollegen aufwühlte und beunruhigte. Einige Schlüsselworte hatten offensichtlich Erlebniswelten wachgerüttelt, innere Konflikte eines nicht ganz versöhnten Gewissens. Geld und Freundschaft, Geld und Kunst – das waren leidig leidvolle Themen, die viel über die geistige Situation der Zeit aussagten. Er konnte natürlich nicht wissen, dass der werte Freund viel Geld in fragwürdige Kunst investierte, zusehend, wie darbende Künstler vor der eigenen Haustür vor die Hunde gehen. Beim Geld hörte bekanntlich die Freundschaft auf – aber auch die Konsequenz zerbrach am Geld.
Doch wie ging der Staat mit den Schaffenden um? Gab dieser nicht Geist und Kunst dem Zufall preis – und ließ er nicht die Kreativen verrotten, während die Unproduktiven aller Art ein fast sorgenfreies Leben führten? Auch das war ein weites Feld...
„Aber was ist letztendlich aus dem wackeren Faustinus geworden?
Ist er unter die Räder gekommen? Oder hat er es doch noch irgendwie geschafft. Was wurde aus seinem Philosophieren? War ihm Fortuna doch noch hold – oder endete er wie so viele in einsamster Verlassenheit? “
wollte der Philologe wissen.
Der faustische Werdegang faszinierte, denn viel Archetypisches wiederholte sich in ihm, Wesenheiten schienen auf, die das gesamte Sein ausmachten, um dabei die eigene Existenz besser zu fokussieren und das eigene Handeln zu überdenken. Tat jeder alles, was getan werden musste – oder blieb das Leben auf ewig diskrepant und auf das Allzutierische beschränkt? Irgendwo fehlte da auch noch das krönende Ende, von dem Horaz sprach, die hohe Moral der Geschichte?
Die allzu lebensnahe Wendung befriedigte nicht ganz. Die mehrdeutige Metaphorik gab noch einige Rätsel auf.
Wie war es nun mit dem Glück? Folgte es noch oder blieb es eine Chimäre?

„Nun denn“,
lächelte der Freund der Weisheit,
der zeitkritische Eselroman geht noch munter weiter; nur kann ich nicht alles erzählen, was ein Geistesleben ausmacht. Esel seien sture Tiere, sagt man, überall auf der Welt. Vielleicht! Jedenfalls behalten sie ihr Selbst bei, wenn sie es einmal entdeckt und offen gelegt haben. Sie bleiben ihrer Bahn treu, auch wenn sie neue Ringe vollbringen, und tragen geduldig Last und Kreuz, auch die Waldesel aus Siebenbergen wie Faustinus!“
Melodramatisch verlief sein Leben – und tragikomisch irgendwo. Als er das dreißigste Lebensjahr erreicht hatte, lag ein reiches Leben bereits hinter ihn. Er hatte die Kerze an beiden Enden angekündet und intensiv gelebt in Lust und Leid. Als Glücksritter hatte einen guten Teil der Existenz ausgelotet und dabei vielfache Erfahrungen gemacht. – existenzielle Erfahrungen.
Fast alles, was ein idealistischer Esel erleben kann, hatte er erlebt. Von faustischen Ideen getragen und bestimmt, war er in die weite Welt gestartet. Die Liebe zur Wahrheit bestimmte ihn zunächst. Stets strebend bemüht zu unterscheiden, was für alle Tiere gut ist und was böse und was die Welt in ihrem Innersten zusammen hält, hatte er Gesellschaftsordnungen studiert und Utopien, dann die unterschiedlichsten Charaktere der Tiere in großer Zahl und dabei versucht, die Wesenheit alles Lebens zu erkennen und dieses ans Licht zu befördern. Dann erst folgte das Ewig Weibliche als andere Form der Liebe. Die Leichtigkeit der Ideale hatte ihn hinauf geführt wie Ikarus, um ihn in das Reich der Schwere abstürzen zu lassen. Aus einem lebensfrohen Fantast war nach existenziellen Rückschlägen aller Art ein schwermütiger Realist geworden, der sich so lange in unfreiwilliger Einsamkeit vergrub, bis ihn die selbst rettenden Lebenskräfte nach langer Katharsis wieder zum Licht führten und zu den regulativen Ideen seines Neuentwurfs – wieder auf eine höheres Ziel hin.
Trotz aller Enttäuschungen blieb er ein Idealist. Er konnte er nicht anders. Sein Idealismus war Wesenheit – ein Sein, dem er sich nicht entziehen konnte, es sei denn durch den Tod. Aber Faustinus entschied sich für das Leben.
Die Wissenschaft war stets seine Triebfeder wie die Kunst. Also blieb er auch künftig der Forschung zugeneigt und der Welt des Schönen. Er nahm die alten Dichter und Denker aus den Regalen und studierte sie wieder und wieder; Homer und Ovid, Shakespeare und Goethe, die Philosophen des Anfangs, Kant und Nietzsche.
Und er besann sich mehr und mehr auf die tiefen Mythen des klassischen Altertums, die sein Los schon längst vorweggenommen hatten. Ein gefesselter Prometheus war auch er, der für edelstes Handeln betraft wurde, ein Tantalus, der höllische Qualen litt. Ein gebeutelter Hiob war er - und ein gemarterter Sisyphus?

Jahre der Trauer folgten. Katharsis, Reinigung, Läuterung vollziehen sich in der Trauerarbeit.
Faustinus brauchte diese leidvolle Einkehr, um wieder zum Selbst zu finden, zu den eigenen Fähigkeiten und zur Kraft zum Neuentwurf in der Eigentlichkeit.
Sein Leben sank zeitweise zum Nullpunkt. Doch es lag nicht in Scherben da, sondern in fruchtbarer Asche, aus der sich neues Leben formte wie einst beim triumphierenden Phönix. Redlich bemühte er sich auch weiterhin seine Pflicht zu tun, indem er das tat, wozu ihn nicht der Staat aufforderte, sondern das eigene Gewissen.

Copyright: Carl Gibson

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