Dienstag, 5. April 2011

Letzte Gewissheit

Es dauerte lange, bis der geschundene Faustinus sich wieder etwas erholt hatte und in der Lage war, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Als ihn eines Tages ein alter Freund besuchte, der in jeder Lebenslage zu ihm gehalten hatte, bat er diesen, bei der gerade anstehenden Reise in das Land der Wölfe beim Kardinal vorzusprechen und ihm nur ein Wort vorzutragen:
Weshalb“?
Der Freund erfüllte ihm den Wunsch. Als er wieder kam, konnte er melden, der Kardinal fühle sich wie Pontius Pilatus und  wasche seine Hände in Unschuld. Die Kralle der wölfischen Revolution greife zwar weit und sei manchmal unerbittlich. Doch in diesem Fall hätten sie mit dem Anschlag nichts zu tun. Das seien andere Wölfe gewesen.
Faustinus war von der späten Rache des Kardinals ausgegangen, den er enttäuscht hatte, ohne ihm etwas zugesagt zu haben, von der Vergeltung des Systems, dass nie zu verzeihen pflegte, wenn es einmal öffentlich in Frage gestellt wurde. Und der Sylvanier hatte die Führung des Wolfsstaates im Tierbund vor aller Welt an den Pranger gestellt. Doch diesmal schien alles anders zu sein. Schließlich war aus ihm ein friedfertiger Esel geworden, ein zunehmend unpolitischer werdendes Tier, das Brücken baute, eine Kreatur, die über Kunst versöhnte, die den Hass und die Hetze aus der Welt verdrängen wollte, immer von besten Absichten geleitet. Und dann dieses Waterloo!
Die Weltgeschichte tröstete ihn und ihre weitaus größeren Verluste. Der Freund hatte ein Schreiben des Kardinals mitgebracht, in welchem der Hüter des Glaubens und der Moral den Vorfall, von dem er über seine Quellen erfahren hatte, zutiefst bedauerte.
„Hoch verehrtes, liebes Eselchen“,
schrieb der Fuchs aus dem fernen Wolfsstaat,
„lange habe ich auf dich gewartet und darauf gehofft, dass Du zurückkommst und dir den Machiavelli noch einmal vornimmst. Wir beide hätten aus dir hier einen großen Charakter gemacht, einen Staatsmann mit Möglichkeiten, die noch über die meinen hinausgegangen wären. Du wolltest unbedingt in Freiheit leben, in einem gerechten Staat der Esel, um dort glücklich zu werden.
Ein Esel wolltest du sein; ein ganz normaler Esel unter anderen Eseln. Jetzt bist du das, was du immer sein wolltest – und ein prächtiges Exemplar noch dazu! Nur glücklich scheinst du nicht, eher unglücklich, nachdem Du alles verloren hast, die große Liebe, deine Ehre, deinen Stolz und deine Würde.
Du hast zweifellos den richtigen Staat gewählt. Doch auch dort haben sie dir die Ohren lang gezogen!
Die Freiheit hat so ihre Tücken, ihre Fallstricke und Fallen. Jetzt weißt du es aus eigener Erfahrung. Kein Zyniker und kein Pessimist sprach damals aus mir, als ich darauf hinwies, sondern ein allzu empirischer Realist!
Die Welt sei überall hart, mahnte ich einst – und du wolltest mir nicht glauben. Die  Chimären sind dahin und die Illusionen! Jetzt bist du sicher klüger geworden. Wie brachte ich es damals auf den Punkt?
„Lieber unter Wölfen leben, als von Geistern aufgefressen zu werden!“
Wie wahr, wie wahr!
Nun haben es die Heiligen getan!“

Das war eindeutig. Der Fuchs hatte ihn längst schon aufgegeben; und selbst die Wölfe hatten ihn vergessen.
Während er als Genesender seine Verletzungen auskurierte und dabei feststellte, dass die körperlichen Wunden verheilten, während die Erschütterungen der Seele zurückblieben, fand Faustinus noch viel Zeit, um über den eigenen Entwicklungsweg nachzudenken – über die Freiheit und das Erdenglück.
Einst hatte ein Kardinal über seinen Kopf hinweg entschieden und somit sein künftiges Schicksal vorgezeichnet – und jetzt waren es ein paar Heckenschützen im Busch, Dunkelmänner, die Jahre seines Lebens zunichte machten.
Er hätte die Worte des Eremiten beachten sollen, der zur Vorsicht geraten und gewarnt hatte. Jawohl, mächtiger waren die Verhinderer als die Förderer!
Und was war aus seinem freien Willen geworden, aus seinem störrisch stoischen Sein, wo ein blinder Weltwille dagegen strebte?
War er mehr als ein winziges Fischlein im wilden Strudel? Und waren die Ideologen der Wölfe und Bären ganz im Unrecht, wenn sie behaupten, kein Tier sei an sich frei, sondern determiniert –  und nichts weiter als Tanzbären oder Puppen im Spiel der Macht?
Dabei hatte Faustinus sich redlich bemüht wie der ferne Onkel Faust; im dunklen Drang zunächst. Doch dann immer bewusster im Streben auf ein Ziel hin, das nobel war und erhaben.
Was war der Lohn dafür? Die Qualen des Sisyphus, die Martern des Tantalus und die Folter des Prometheus!
Winkte noch irgendwann Rettung – wie einst bei Hiob, dem arg Geprüften? Oder blieb ihm nur der Schmerz als ein Hinweis auf die letzte Wahrheit und die tatsächliche Existenz? Entsprach dieses große Martyrium der sprichwörtlichen Gerechtigkeit Gottes, die nun auch ihn ereilt hatte?
Von Gott geprüft und bestraft oder von der eigenen Dummheit, lag er nun da und litt; und er fragte nach dem Sinn von Leiden.
„Vielleicht wird durch mein Leiden anderes Leiden verhindert“, spekulierte er und tröstete sich damit. Die Metaphysik war doch zu etwas gut. „Wenn es eine gerechte Gottheit gibt, dann wird dieser Gerechte jene richten, die Schuld auf sich geladen haben“,
jammerte er und fühlte, dass sein Herz so rein war wie sein Gewissen. Als Guter war er aufgebrochen, um das Böse zu bekämpfen. Aus der Sicht der anderen aber war er der Böse, der bekämpft werden musste. Das erschütterte ihn nachhaltig und lähmte jede Kreativität.
Nur Schmerz umgab ihn bald und tiefe Melancholie. „Vielleicht werden meine Schmerzen einmal gelindert werden“, stammelte er und blickte erneut sehnsuchtsvoll zum Himmel.
Rettung? Kam sich noch – oder wurde das Jammertal bald ganz zur Hölle?
Hinter dem Leiden standen die Bitterkeit und die Verbitterung aus der Enttäuschung, die er im Elfenbeinturm erlebt hatte - nicht unter Wölfen, auch nicht unter Geiern, sondern unter Geistern, zumindest unter solchen, die sich dafür hielten.
„Unrecht erleiden ist besser als Unrecht tun“, hatte er sich Faustinus schon als Kind gesagt, als ihm einer das Lieblingsspielzeug wegschnappte.
 „Esel sind sogar prädestiniert zum Leiden“,
sagte er sich dann später im Loch und wiederholte es jetzt als reifer Esel immer wieder. Dabei fand er zum Buddhismus zurück und zu dessen europäischen Propheten, selbst überzeugt war, die intellektuelle Idealisten litten am meisten unter allen Geschöpfen.Faustinus sah ein, dass sich daran auch künftig nicht mehr viel ändern würde.
Doch wie der alte Grieskram nach Tisch die Flöte spielte, so wollte auch Faustinus keinem Pessimismus und Nihilismus ewig das Wort reden, sondern an der ruchlosesten aller Weltanschauungen, am Optimismus, festhalten und getreu seinem Zweitnamen zuversichtlich weiterleben.
„Die Notwendigkeit des Leidenmüssens muss in den Willen aufgenommen werden“, meinte der Schnauzbart aus Sils Maria und schloss sich damit einem Gedanken an, den die Alten mit amor fati umschrieben hatten.

Alles war schon gesagt, vorausschauend für alle kleineren und größeren Esel der Neuzeit. Sie mussten es nur noch selbst erkennen. Desillusioniert, doch seelisch gereinigt und wieder klar denkend  lehnte sich Faustinus in das trockene Stroh zurück, blickte hinauf zum hell leuchtenden Tagesgestirn und rief dann in freudig entzückter Resignation aus: „Schicksal ich liebe dich!
Würde ich es nicht, dann müsste ich es unter Tränen doch tun…“ 
Was blieb ihm auch sonst übrig?
Rastlos weiter wandern, als Getriebener, als Gejagter, als Vertriebener mit Ausweis gar, als Unbehauster und Unsteter, als ewiger Wanderer? Oder Einkehr halten in stiller Einsamkeit und für immer zur Ruhe kommen, um so zu leben wie der Eremit im Schneegestöber?

Copyright: Carl Gibson

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