Dienstag, 5. April 2011

Pflicht-Ethik, Opportunismus und die Philosophie des „Als-ob“

 


An den bewährten Werten festhalten, aufrichtig sein, Gutes tun, so war Faustinus erzogen worden. Und an diesen Tugenden wollte er auch festhalten, ohne jedoch die Pflicht gegenüber Staat und Gesellschaft blind über alles zu stellen. Im Grunde seines Wesens war er wirklich das, was die Wölfe schon mit klarem Blick diagnostiziert hatten: ein anarchischer Geist, dem die Freiheitsliebe über alles ging, selbst über die Pflichten.
Als Zeitzeuge, der die Schrecknisse der Wolfsdiktatur am eigenen Leib erlebt hatte, fuhr er fort, die Eselswelt aufzuklären, besonders die Jugend. Er machte weiter bis zu jenem Tag, wo er, und er traute seinen Augen kaum, wieder auf eine alte bekannte stieß, auf die freche Ziege aus dem Park und bald darauf auch auf ihren Gefährten, den Ziegenbock mit dem klassenkämpferischen Ziegenbart. Es waren die gleichen Flachlandziegen aus der alten Eselsburger Heimat, die er einst vor der Hohen Schule der Lupisten in der Wolfsburg angetroffen hatte; nur hatten sie sich leicht verändert, zumindest äußerlich.
Aus welchem Grund auch immer, hatten sie ihre feuerroten Tücher abgelegt, auch ihre Spruchbänder mit den Parolen sowie Hammer und Sichel, Symbole des inneranimalischen Klassenkampfs, die inzwischen in Verruf geraten waren. Statt des Plunders hatten sie nunmehr ein buntes Fähnlein gehisst, das Fähnlein der Aufrechten, welches nun frei im Wind wehte.
Ihr rotes Fell war rotbraun geworden und kaum noch von der Kluft der Mulis zu unterscheiden. Sie wohnten jetzt in einem neuen Stall, dessen Fassade gerade neu gestrichen worden war. Mit der Zeit gehen, lautete jetzt ihre Devise.
Und: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern!
Beide hatten sich Instrumente zugelegt – und wenn sie nicht über andere meckerten, spielten sie im Duett, unüberhörbar für andere,  sie Trombon und er Basstuba.
Die breite Klaviatur war ihre Sache nicht. Deshalb spielten sie immer wie die gleiche Melodie, undifferenziert bis grob – und wenn einer aufschrie bei soviel Disharmonie, dann wurden sie lauter.
Seitdem der Radikalenerlass in der Eselsrepublik wieder etwas zurückgenommen, ja fast gänzlich aufgehoben worden war, durften beide Ziegen frei meckern und ihre Geschichtlein erzählen, ihre Mären vom Widerstand in der Wolfsdiktatur und vom heldenhaften Kampf für das Gute im Tier, obwohl fast allgemein bekannt war, dass sie einst mit den Wölfen geheult und mit den Bestien im Chor gesungen hatten, ohne den obszönen Pas des deux zu verweigern. Mit den roten Teufeln hätten sie paktiert und mit dem Erbfeind, wurde gemunkelt.
Doch wer hörte schon auf böse Zungen! Nicht der Esel sei von Natur aus böse, sondern der Wolf, verkündeten sie jetzt. Und viele der nachgeborenen Tiere, die nichts von Geschichte und plötzlichem Gesinnungswandel wussten, jubelten ihnen zu und bekränzten sie mit Lorbeer. Je einfacher der neue Mythos war, desto glaubhafter wirkte er.
Das Tier ist ein Entwicklungswesen, hieß es bald überall. Und jedem steht es frei, seine Meinung zu ändern in einem Land, das offen war und multikulturell. Bergziegen mit eigenem Idiom und andere Minderheiten wurden bevorzugt, während ein Esel im Land der Esel nur ein gemeiner Esel blieb mit grauem Fell und langen Ohren.
Dem Todfeind vergeben, das war längst eine abendländische Tugend, die Toleranz genannt wurde.
Toleranz gegenüber jedermann üben, das war ein Gebot der Stunde im Eselsstaat, auch wenn dieser Toleranz Dekadenz und allgemeiner Niedergang folgen konnte.

„Was fällt“, sagten sich die Esel, nachdem sie die außermoralischen Denkansätze eines Schnauzbärtigen gründlich missverstanden hatten, „soll man auch noch stoßen“. Und dieses Diktum empfanden sie als das ultimative Gebot der völkischen Selbsterhaltung.
Der Ziege gefiel diese Haltung wohl – und sie tat alles, um sie zu fördern, ganz so, wie sie einst von den Wölfen gefördert worden war, um den Untergang aller Esel mit vorzubereiten. Also fing sie damit an, höchst sonderbare Geschichtlein zu erzählen – und sie setzte Mythen in die Welt, die noch keiner vernommen hatte.

Johannas Lieblingsgeschichte war die alte Mär vom erschlagenen Drachen, die sie bald so lebhaft schilderte, als sei sie selbst dabei gewesen. Eine Frohnatur war sie nicht; aber das Fabulieren beherrschte sie wohl.
Je toller sie es trieb mit der Übertreibung, umso künstlerischer wirkte sie. Und je mehr sie vom Kampf gegen den Lindwurm redete, desto deutlicher bildete sie einen Heiligenschein aus, einen strahlenden Nimbus, der mehr und mehr zunahm wie eine aufgehende Sonne, je abenteuerlicher die Berichte wurden.
Am Ende der Odyssee waren alle Lauschenden überzeugt: Die Ziege Johanna hatte den Drachen nach schwerstem Opfergang im tapferen Streit eigenhändig erschlagen …  und ihr Freund, der Ziegenbock, hätte ihr kaum dabei geholfen.

 „War denn die mürrische Flachland-Ziege aus der Wolfsburg nicht früher im anderen Lager!“
wunderte sich Faustinus und fragte bald öffentlich nach, wie denn ein Esel mit gesundem Eselsverstand seinen Todfeind von gestern lieben und verehren konnte. War nicht die Menschheit einst an dieser Haltung gescheitert?
„Das Meckern dieser Ziege gefällt uns aber, es hat etwas Eigenes und es passt in die Zeit. Eine Ziege, die so redet, wie die Honoratioren der Eselheit es hören wollen, das gefällt uns und ist im Sinne unserer Politik“,
sagten einige Eselskritiker mehr oder weniger verklausuliert und setzten Johanna einen weiteren Lorbeerkranz aufs Haupt!
„Seht, welch eine Künstlerin“, riefen sie aus.
„Und wie sie mit der Wahrheit umgeht, mit der Gerechtigkeit, selbst mit der Moral!“
Faustinus war konsterniert – er verstand die Welt nicht mehr.
„Aber wir, die anderen Sylvanier aus dem Loch hinter dem Drahtzaun, wir haben da ganz andere Dinge gesehen und erlebt?“
Kaum einer hörte ihm zu. Trost kam von Eseln alten Schlages, die es gut mit ihm meinten:
„Du irrst, Freundchen. Die Ziege war immer schon in der „Resistance“ und eine Streiterin für tierische Emanzipation. Sie hat die Tiere befreit aus historischen Zwängen – und das rote Büchlein, das du damals beim Ziegenbock gesehen hast, das war ein Instrument der Tarnung, um überhaupt opponieren zu können. Hammer und Sichel waren nicht echt!
Und alle ihre Akklamationen und Heil-Rufe waren nur gespielt in der Gesamtstrategie des „Als-Ob“.
Im Grunde verachteten sie beide den Lupismus von je her, auch den Ursismus und die genialen Führer dahinter, da nur ein erbärmlicher Tyrannen war. Im Herzen wollten sie immer schon Esel sein – und keine Ziegen! Und erst hier und jetzt dürfen sie der Sprach ihres Herzens folgen.“

So hatte Faustinus die Dinge noch nie betrachtet. Vielleicht war das ein Hinweis darauf, dass er noch ein Anfänger im Denken  war oder dass er schlechthin im Unrecht war – und die Ziege im Recht.


Copyright: Carl Gibson

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