Dienstag, 5. April 2011

Vom Schein des Scheins und einer wundersamen Geldvermehrung

 


Dem apokalyptischen Sturz der Paläste aus Glas und Stahl folgte unmittelbar ein drakonischer Verfall aller Werte und der Wirtschaft. Der Wohlstand der Vielen schwan dahin. Hunger machte sich breit und vielfaches Elend.
Sieben magere Jahre kamen. Später dann, als endlich die fetten Jahre anstanden, folgten weitere sieben magere Jahre. Alles, was eine die Ewigkeit andauern sollte, stürzte weiter in den schier bodenlosen Abgrund wie einst die alten Weltreiche der Könige. Grauer Staub machte sich überall breit und noch grauerer, die Gehirne verirrender Nebel, der die Wahrheiten weiter verwischte und den Rest von Gerechtigkeit tilgte.
Wer dem System vertraut hatte, war nunmehr um eine Erfahrung reicher. Denn die Fehler lagen im System. Manche Koffer waren dünner geworden und durch viele Beutel säuselte der Wind.
„Wir müssen jetzt noch härter arbeiten“,
sagte sich Waldesel Faustinus im Gedenken an andere Tragtiere vor ihm und an die Dichter in der Gosse,
„vor allem an uns selbst müssen wir werkeln, an unserer Selbstbefreiung aus dem Räderwerk und an neuen Zielen. Künstler und Philosophen braucht jetzt keiner mehr; und ein Gesamtkunstwerk schon gar nicht! Dafür aber werden die Einsamkeiten größer – die Wüste wächst! Weh dem, der Wüsten birgt!“

Während Faustinus jammerte und stöhnte, ohne recht zu wissen, wie er der heraufziehenden Finsternis am Firmament begegnen sollte, kam eine weitere Plage übers Land, die selbst zähe Heuschrecken abschreckte und in die Flucht trieb. Mit dem Verfall der Werte hatte sich eine Teuerung eingestellt, die das Gold verknappte und die anderen Güter.
Die Kaufkraft der bunten Scheine verfiel dramatisch. Allmählich wurde die Gerste knapp und bald auch der Hafer. Über Nacht leerten sich die prallen Koffer und die Vorräte in den Speichern schrumpften zusammen.
Leere Getreidekammern aber bedeuteten Aufruhr, Revolution. Fast wäre Rom daran zerbrochen. Faustinus wusste davon. Die Währungshüter wussten es auch  und regierten mit sich öffnenden Schleusen.
Über Nacht pumpte die noch auf festen Fundamenten erbaute „Bank aller Esel“ Geld in die Märkte. Nur so war der Kollaps eines Wundersystems und die Erhebung der Massen noch abzuwenden. Richtungweisend war das alte Motto der Alchemisten, wer Wasser in den edlen Rebensaft mische, steigere die Qualität des Weines!
Wer wollte da widersprechen!
So wurde aus gutem Wein durch das viele Strecken letztendlich fad schmeckendes Wasser. Monetaristische Maßnahmen kamen zum Zuge. Gelddruckmaschinen wurden angeworfen und ratterten Nächte hindurch wie die Traktoren im Staat der Wölfe, um das Ärgste abzuwenden – den endgültigen Werteverfall und dahinter: die drohende Umwertung alle Werte!
Der mechanische Goldesel spuckte; er reckte und streckte sich – es klimperte und glänzte wie Gold, war aber Katzengold und goldgerändertes Papier!
Viel Scheingeld kam so ihn die Welt und mach einer begann damit, über den eigentlichen Sinn der Bezeichnung nachzudenken, vor allem dann, wenn der karge Korbinhalt mit ganzen Karren Scheinen aufgewogen werden musste.
Die Leichtigkeit des Scheins rächte sich. Dafür aber waren die neu eingeführten Scheine vielfältiger und bunter und die Vermögen überschaubarer.

Die „Bank aller Esel“ erreichte irgendwann ihr Ziel – viel bedrucktes Papier war unterwegs und kaum ein Esel hatte noch etwas auf der hohen Kante. Die Scheuern waren leer. Alles hatte sich einfach in Luft aufgelöst wie damals, nach dem ersten großen Krieg der Esel gegen die Welt.
Viele träge Esel waren über Nacht verarmt; sie hatten überhaupt kein Geld mehr. Selbst jene, die vorher ein Leben lang gehortet und jeden Kreuzer fürs Alter zurückgelegt hatten, mussten nun fast alles von dem Ersparten hergeben, um sich das Allernotwendigste zu leisten. Bitteres Wehklagen war überall zu hören.
„Der Schein ist nur noch Schein“,
jammerten die Esel auf dem Markt, wenn sie eine wärmende Decke oder ein Fuder Heu erwerben wollten.
Doch die Volksvertreter aus dem Parlament widersprachen lebhaft. Das alles schiene nur so – und vor allem jenen, die nichts von der Sache verstünden. Der volle Korb von gestern war heute zwar nur noch halb voll fürs gleiche Geld. Doch das täuschte wohl – wie der Warenkorb der Währungshüter, der von vorgestern war.
Während es den Staatsdienern mit den angepassten Salären noch etwas besser ging als gewöhnlichen Arbeitstieren,  konnten Künstler und Philosophen kaum noch den Zins für das Unterstellen in Stall erwirtschaften. Viele von ihnen griffen zum Bettelstab und landeten auf der Straße. Unter den Brücken fanden sie Obdach und Asyl.
Die Zahl der Wanderer nahm zu. Überall in der Eselsrepublik sah man Unbehauste, Flüchtlinge ohne Ziel und Vaterland, manche  mit und manche ohne Vertriebenenausweis, Heimkehrer, Asylanten, Schutzflehende und Schaffende aller Art bis hin zu den gefallenen Engel von Gestern in zerschlissenem Frack und löchrigen Lackschuhen, aber immer noch mit einem Strick am Hals, der letzte Rettung bedeutete.
Die Fratze des Kapitalismus zeigte ihr wahres Gesicht!
Und der Staat vergaß seine marktwirtschaftlichen Prinzipien der freien Märkte und schritt zur Verstaatlichung der Institutionen und Betriebe. Der Sozialismus kam durch die Hintertür – aus der Not heraus.
Gescheiterte aller Couleur waren anzutreffen, die Gewinner von gestern auf dem Boden der Realität: Unternehmer mit bankrottem Betrieb und Finanzjongleure vor dem Sprung.
Die Welt war bunter geworden! Denn die illustre Gesellschaft war jetzt auf der Straße – und mitten unter ihnen ein immer noch zuversichtlicher Waldesel aus Siebenbergen. Faustinus wollte ein Vorbild sein, ohne dem maroden Staat zur Last fallen. Also jammerte er nicht weiter und riss das Heft des Handels an sich. „Esel sind arbeitsame Tiere – und die Plackerei bei Tag und Nacht ist Teil ihrer Wesenheit. Also darf ich mich nicht hängen lassen und verzagen! Weiter machen muss ich – und noch mehr arbeiten!“

Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Buch 2016 - Autor, author, auteur Carl Gibson: Bücher, books. livres - , Neuerscheinungen. Information zur Buchmesse 2016 in Frankfurt am Main. Carl Gibsons umfassende Herta Müller-Kritik jetzt im Buchhandel!

Neue Buch-Veröffentlichungen des Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa im Jahr 2016,...