Mittwoch, 6. April 2011

Vom Tragen und vom Ziehen

 


Individuelle Freiheit, Notwendigkeit, Pflicht und staatsbürgerliche Verantwortung mussten in ein realistisches Verhältnis gebracht werden. Ungeachtet aller Freiheitsliebe und maximalem Freiheitsdrang war Faustinus kein Anarchist, keiner, der sich jenseits aller Gesetze und Moral stellte, sondern ein pflichtbewusstes Teil des Ganzen, der gesamtverantwortlich agierte. Das Wohl aller Geschöpfe war ihm wichtiger als das persönliche Glück.
Also gab er viel von der erreichten Freiheit auf, zwängte sich für Jahre freiwillig ins Joch und zog an einem schweren Karren. Daraus wurde ein Laufrad, das an die Strafe des Sisyphus erinnerte und an die ewige Wiederkehr vielfacher Marter. „Lerne leiden ohne zu klagen“,
sagte er sich dann immerfort und machte weiter.
Animalisch wie er war und blieb, hielt er an den bewährten Werten fest, an Loyalität, an Solidarität, an höherer Verantwortung und tat das, was ihm sein Gewissen befahl.
Entgegen dem Vorbild großer Religionsstifter und Philosophen, die nur der Wahrheit und dem Seelenheil ihrer Nächsten verpflichtet waren, verliebte er sich ein zweites Mal und gründete eine neue Familie. Bei diesem Anlauf, das hatte er sich feierlich geschworen, wollte er alles besser machen und noch genauer auf die eigentlichen Werte achten. Die Jugend hatte einst seinen Blick getrübt wie der schöne Schein. Jetzt sollte nur die Stimme des Herzens entscheiden und das noch mächtigere Ethos darüber.
Wieder bemühte er sich ehrlich als Ernährer, agierte an vielen Fronten mit unterschiedlicher Fortune und nahm manche Plackerei auf sich, bei Tag wie bei Nacht. Diese Aufrichtigkeit im Tun müsse gesehen, müsse gefühlt werden, glaubte er. Trotzdem scheiterte er erneut. Die Gründe waren so vielfältig wie die Tiefen und Abgründe der Seele.
Es war nichts mit der Liebe, der Loyalität und dem Versprechen von ewiger Treue. Der Ring zerbrach. Und mit ihm zerstob ein weiterer Traum. Fortan widmete er sich der Erziehung seiner Kinder so gut es ihm möglich war,  ohne sich dabei selbst zu verleugnen – und so lange, bis ihm seine Kinder genommen wurden. Schuld hatte er keine auf sich geladen. Und trotzdem musste er sie angeben, ganz anders als Rousseau die seinen. Das war möglich im der Republik der Esel.
Ein Verlust jagte den anderen Verlust.
Das Leben hatte ihm einiges gegeben und ihm auch vieles wieder genommen. So verflog das Glück, noch bevor es wirklich begründet war. Zurück blieben Schmerz, Trauer und lange Phasen untätiger Melancholie. Saturn regierte und fror Faustinus’ Welt ein.
Die Ungeduld des Herzens hatte seine Jugend bestimmt.
Nunmehr steuerte ihn die Pflicht.
Was war die Freiheit? Eine Chimäre?
Jahre vergingen.
Gelähmt war er und unfähig zum künstlerischem Schaffen.
Der Geist war tot, denn der schnöde Alltag sog jede Energie ab. Tiefe Müdigkeit verhinderte jede höhere Idee. Während andere an äußerer und innerer Gehemmtheit und Begrenzung verzweifelten, ertrug Faustinus die gleiche Situation, harrte aus und überwand sie auch, gestützt auf die Erfahrungen der Vergangenheit, die, zur Lebensphilosophie herangereift, ihn trösteten. Aus ihnen schöpfte er Hoffnung. Zunehmend wurde Faustinus geduldiger und duldsamer. Keine Mühsal war zu groß, um nicht geschultert zu werden. Fügsam unterwarf er sich in seinem Schicksal bereit, selbst das endgültige Scheitern als geistige Existenz zu akzeptieren. Die Kunst war weit und die Stricke waren allgegenwärtig!
Ein gefesselter Prometheus war er – und kein Herkules war zu sehen. Dafür fraß der Adler an seiner Seele!
Worauf durfte er noch hoffen? Auf ein Wunder vielleicht?
Der Staat, dessen Wohl er durch sein Tun immer hatte fördern wollen, hatte ihn vergessen – und selbst mancher gute Freund verstand sein Tun nicht mehr.

„Binden wir dem Esel ruhig noch einen Packen auf den Rücken“, sagte das Volk -  und sie luden ihm noch ein paar Steine auf.
„Wir wollen doch Mal sehen, wie viel ein Esel tragen und ertragen kann, bevor sein starkes Herz zerbricht.“
Faustinus stöhnte unter dem Gewicht. Doch er trug die Last wie eine schwere Pflicht. Schließlich war er ein Esel – und das Tragen entsprach seiner Wesenheit. „Ein heiterer Heros war ich einst gewesen, ein freier Mann, der sein Schicksal selbst bestimmte. Und was bin ich jetzt? Ein Chevalier der traurigen Gestalt, der Kreuze trägt und Lasten zieht? Ein Antiheld, der gar tragisch endet? Wenn ich kein Esel wäre, dann hätten sie bestimmt einen aus mir gemacht“,
tadelte sich der Waldesel selbst fragend, ob die Uneigennützigkeit letztendlich dem eigen Nutzen vorzuziehen sei.
„Wem nützt es, wenn ich fügsam bleibe und Lasten trage wie das Wüstenschiff?“
Bei solchen Überlegungen, die den Sinn der Existenz fast schon verneinten, wurden die Gedanken des Tragtieres schwerer und trüber. Und immer, wenn die Arbeit bewältigt schien, kamen neue Rückschläge wie schwere Steine, die ihn in die Knie zwangen.
Ein Vöglein erhob sich in die Luft und flog davon. Doch der plumpe Esel verharrte weiter frei im Joch. Er musste schuften und Suppen auslöffeln, die ihm andere eingebrockt hatten.
Manchmal fühlte er einen Dolch zwischen den Rippen. Und er sah den lodernden Stall, ohne etwas gegen die vernichtende Feuersbrunst tun zu können.
Doch bevor der Verzweifelte unter der Last des Lebens zusammenbrach, erinnerte er sich der Kunst und fing er zu singen an. Und er sang wie die leidenden Stürmer und Dränger einst gesungen hatten und wie die Romantiker aller ´Nationen einst sangen, wenn die Zeit ihnen nicht mehr hold war. Er sang ganz nahe am Mythos und suchte Trost in den höheren Sphären der Töne, die noch befreiender wirkte als die noch freien Gedanken im Kopf:

Ich unglückseliger Atlas,
Eine Welt der Schmerzen muss ich tragen!
Ich trage Unerträgliches
Und brechen muss das Herz im Leibe

Du stolzes Herz
Du hast es ja gewollt,
Du wolltest glücklich sein,
Unendlich glücklich
Oder unendlich elend
Und jetzo bist du elend!

Alles war schon wundersam vorweggenommen. Atlas hatte so gefühlt, der verdammte Titanenspross; Lyriker wie Heine, der Spötter aus Paris - und mit beiden der viel verkannte  Tonsetzer aus der Kaiserresidenz.
Andere Esel fühlten mit ihnen und folgten ihnen in die Untiefen, von welchen Nichtmelancholiker kaum etwas ahnten.

Die Möglichkeiten der Selbstentfaltung in der immer noch freien Welt der Kunst hielten den Waldesel  im Leben und gaben ihm die nötige Kraft, um weiter zu machen und um an einer höheren Sinnsetzung zu arbeiten.
Obwohl Faustinus bereits ahnte, dass sein unfertiges Gesamtkunstwerk nie nach seinen Vorstellungen umgesetzt werden konnte, machte er weiter. Er schuf sein Werk gegen seine Zeit und gegen die Zeit wie ein Sinkender im Untergehen, doch nicht als Werk des Untergangs, sondern als Botschaft der Zuversicht, getreu seinem zweiten Namen.
„Wenn ich meine Idee auch nicht als Ganzes verwirklichen kann“,
sagte er sich,
„dann werde ich der Welt, die für den Entwurf noch nicht reif ist, die Teile geben, viele kleine Gedanken und Assoziationen, aus denen dann das Ganze hervor scheint.“
Das Unvollendete, sollte nah an die Vollendung herangeführt werden, bevor die Lebensuhr ablief oder noch düstere Zeiten auch die letzten Schaffensbedingungen zunichte machten.
Von solchen Befürchtungen getrieben, hinter welchen sich nicht weniger als der Sinn der gesamten Existenz verbarg, arbeitete er wie ein Rasender vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. So wuchs sein Werk über sich hinaus, wurde umfassender und übergreifender. Wo früher nur ein Ausschnitt aus der Welt angedacht war, erschien jetzt die Totalität und der Anspruch, ein Spiegelbild der Welt zu zeichnen – so wie sie war.
Die Hybris regierte wieder – und der Wahn dahinter. Erst als Faustinus merkte, wie weit er, der Allwissende von Gestern,  über das Maß hinausgeschossen war, ruderte der Allschaffende zurück und stutzte alles wieder zurecht – auf eine Form hin, die zwar noch nicht der goldenen Mitte entsprach, aber auch nicht mehr weit davon entfernt war.
Rasend ging er auch jetzt an die Zerstörung. Er zerschlug das Werk in Teile,  er weidete es aus wie die Wölfe das Reh und zerhackte es auf der Schlachtbank, während das eigene Herzblut dahin floss. Dionysos war so zerstückelt worden – jetzt folgte ihm ein dionysisches Kunstwerk.

Viel von dem, was Faustinus mit Müh zur ästhetischen Struktur zusammengefügt hatte, die Symphonie und Rhapsodie frei eingebettet in die Form der Oper, opferte er auf der Schlachtbank als Konzession an die Welt, wohl wissend, das alles vergeblich war, wenn er am Absoluten festhielt. Erst mit Apollons ordnendem Geist kehrte Ruhe ein.
Entstehen und Vergehen vollzogen sich auch in der Kunst, die vom Geist der Individuen erfüllt war, die ihrer Zeit den Stempel aufdrückten. Faustinus bestimmte sie mit, ohne sie bestimmen zu wollen – und er sah ein, dass Kunst und Politik sich durchdringen und dass Geist und Kunst die Gesellschaft mit prägen, indem sie auch ohne Absicht wirken. Also gab es kein „Entweder- Oder“, keine Entscheidung für die Politik, den Staat und die Gesellschaft oder gegen sie.
Apolitische Kunst gab es nicht. Jeder Kreative wirkte an sich, weil er kreativ war und konkreativ.    
Als Denkender, als Handelnder und als Schaffender setzte er sein sinnsetzendes Tun fort und schuf neue Werke, auch diese in Schwerstarbeit.

Kunst entstand mit Mühen wie beim Tragen und Ziehen – und nichts war da, was auf die Leichtigkeit des Seins verwiesen hätte.
„Die Kunst ist gnadenlos!
Und auf das Schaffen kommt es an“,
verkündete er gelegentlich im Park und riet auch anderen kreativen Tieren, in ihrem Bereich auf ihre Weise weiter zu strampeln.
Ehrliches Bemühen wird irgendwann belohnt werden – spätestens in Himmel aller Geschöpfe, tröstete sich das Tragtier. Und alle Wissenschaften und Künste müssen der Existenzbewältigung dienen wie der Esel der Schöpfung, selbst Psychologie und Theologie, postulierte Faustinus.

Nicht mehr ehrgeizgetrieben wie in früher Jugend gestaltete er jetzt seine Welt, nicht mehr aus Sucht nach Ruhm und Ehre oder um ewige Spuren zu hinterlassen; und schon lange nicht mehr aus dem Ehrgeiz heraus, etwas beweisen zu müssen. Faustinus handelte gerade so und nicht anders, weil dies seiner Wesenheit entsprach und aus Verantwortung für seine Mitgeschöpfe, die gelegentlich seinen Rat suchten.
Reifer geworden, einsichtiger und nach verantwortungsvoller als in enthusiastischer Adoleszenz,  strebte er nun vermehrt danach, das philosophische Denken aus den Hörsälen der Akademie heraus zu führen -  zu den Geschöpfen hin, um sie in den Dienst der Nächsten zu stellen, damit jeder Einzelne die Probleme seines Lebens besser bewältigen konnte.

Philosophie und Esel hatten viel gemeinsam. Sie dienten dem Wohl der Kreatur und unterwarfen sich höheren Zielen. Kreativität, konstruktives Handeln und stets positiv ausgerichtetes Denken wirkten sinnsetzend für alle. In kritischer Auseinandersetzung mit der Lebenswelt, doch im inneren Einklang mit sich selbst, konnten Werke aller Art geschaffen werden, die auch Glück bedeuten konnten. Der andauernde Prozess des  Neuschaffens machte Faustinus glücklich – und das mehr oder weniger vollendete Werk dahinter. Die gesamte Schöpfung war permanentes Neuwerden. Arten starben aus. Und neue, noch lange unentdeckte Arten bildeten sich heraus.
Wenn einer der vielen Künstler aus seinen Umfeld wankelmütig wurde und an den eigenen Schöpfungsakt resignierte, weil er ihn nicht der letzten Vollendung zuführen konnte, dem hohen Ideal, das er selbst hegte; wenn er litt, wie Epigonen leiden, dann tröstete ihn Waldesel Faustinus selbst das Fragmentarische ermutigend mit dem Hinweis auf die sich fortentwickelnde Schöpfung, die auch nie vollendet sein würde, weder ästhetisch, noch moralisch.

Wenn Faustinus wieder einmal ein prägnanter Aphorismus einschoss, ihm ein Essay gelang und etwas von seinem Denken und Fühlen auf fruchtbaren Boden fiel, wenn ein Samenkorn aufging und neues Leben aufstieg, dann fühlte er das Glück des Schaffenden.
Nicht das Nichtstun oder das apathische Ausharren im Nichts machten ihn glücklich, sondern das Agieren auf vielen Ebenen und an vielen Schauplätzen im Diskurs mit anderen Kreativen und Konkreativen.
Ethik, Ästhetik, Anthropologie und Lebensphilosophie bildeten nunmehr eine solide Basis, auf der ein sinnvoll strukturiertes Leben aufgebaut werden konnte. Die grundlegende Wissenschaft Philosophie, die er nie um ihrer selbst Willen betrieb, half nicht nur beim Planen der Existenz; sie trug auch viel dazu bei, künftige Fehler zu vermeiden. Faustinus arbeitete an sich und wirkte damit auf sein Umfeld. Also zog er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf und verbesserte er im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten auch seine Umwelt.

Copyright: Carl Gibson

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