Dienstag, 5. April 2011

Von der Freundschaft … und der Heuchelei dahinter

 


Die Freundschaft war ein Wert, den Faustinus in seiner Hierarchie der Werte ganz oben angesiedelt hatte, seit jeher, denn das Leben hatte ihm Freunde geschenkt. Eine Handvoll Wesen nur, wenige Auserlesene, die immer da waren, in unterschiedlichen Lebenslagen und die auch blieben, als es enger wurde und die Existenzbestreitung schwieriger.
„Einen Kult der Freundschaft betreibt er. Und er stellt die Freundschaft noch über Liebe und Ehe“,
wetterte Arabella gelegentlich, wenn sie mit mürrischem Blick aus dem Symposion floh. Doch der Esel konnte nicht anders. Seine Lehrmeister hatten ihn zur Freundschaft erzogen – und dieses heilige Gut wollte er nie preisgeben:
„Wer Freunde hat, wird die Verlassenheit nie kennen lernen. Wahre Freunde werden auch in der Not zu mir halten und mir helfen, mein Golgotha zu überwinden“,
tröstete er sich selbst, als der Hafer knapp wurde und der Zins für den Stall nicht mehr erwirtschaftet werden konnte.

Es wurde kalt in der Welt. Der Winter kam mit Macht und ließ alles zu Stein erfrieren. Stiller, keuscher, kalter Tod nahm die Natur ein und bedrohte selbst den Esel.
„Meinem Werk habe ich alles geopfert, selbst den letzten Groschen habe ich ausgegeben, um es abzuschließen. Nun aber bin ich vollends ruiniert! Die letzte Decke ist dahin und das letzte Holz verbraucht. Der Kamin wird bald kalt sein. Und die Behausung leer. Also werde ich ausziehen müssen!
Und ich werde mir einen neuen Stall suchen müssen“,
sagte er sich,
„und vielleicht sogar eine neue Heimat, wenn ich hier nicht mehr gebraucht werden sollte. Ein Stoiker ist überall daheim – und ich war immer schon ein Stoiker!“
Kurz bevor er seine sieben Sachen zusammenschnürte und nach einem neuen Ufer Ausschau hielt, klingelte das Telefon. Ein alter Freund meldete sich, ein weltentrückter Geist, der dem zoosophischen Denken nahe stand und fast von Lichtenergie lebte. Die Welt  beobachte er seit langem mit einem Fernglas. Und er sah sie als ein Pünktchen in der Unendlichkeit des Weltalls, das seit Äonen besteht und noch in Äonen bestehen wird. Er war einer jener seltenen Charaktere, die unfreiwillig im Leib waren wie Plotin, die sich ihres Leines schämten, ihrer Triebhaftigkeit und ihrer Sünde. Geld und Gold scheute er ebenso wie dicke Koffer; ja er weigerte sich gar, Geld zu berühren, weil zu viel Unheil von ihm ausging. Die Jagd nach dem Mehr mache die Schöpfung kaputt, glaubte er. Von der Materie  wandte er sich ab. Doch sein Geist war von Zuversicht erfüllt.
„Der Esel ist etwas, was überwunden werden muss“,
hörte man ihn sagen. Aus dem Esel von heute muss wieder ein heiliger Esel werden und irgendwann ein anderes Tier.
Mit dem Waldesel aus Siebenbergen verband ihn ein geistiges Band der Sympathie, Geist und Kunst und eine Seelenverwandtschaft, die jenseits von Raffen und Horten angesiedelt war. Hundert Briefe hatten sie ausgetauscht und tausend Mal hatten sie leidenschaftlich über den Urgrund des Seins geredet: sie hatten über das Wesen des Wesentlichen nachgedacht und leidenschaftlich über die Welten hinter der Welt diskutiert, wo die absolute Freiheit begann. 
Ein Deus ex machina war dieser und ein rettender Engel, bereit Bedrängten zu helfen, weil die Götter ihm selbst viel gegeben hatten, einen Berg von Dukaten und beschauliches Glück.
Bevor er sich des Unglücks seines Nächsten erbarmte, bevor er den Freund tröstete in seiner Verzweiflung, sprach er noch ausgiebig vom Glück seiner Kinder, die es so gut getroffen hatten ihm Leben. Dann erinnerte er sich einer Zusage, die ihm einmal leichtfertig über die Lippen gekommen, als das jetzt drohende Verhängnis noch weit und unwahrscheinlich schien.
„Der Geräteschuppen, in dem du dich einnisten wolltest wie Diogenes, ist leider von Pächtern belegt. Und außerdem haben wir den Grund, auf dem bald Glasberge entstehen werden, schon längst vererbt.
Es bricht mir das Herz, dass ich dir jetzt nichts geben kann. Doch später, wer weiß …Unser Haufen ist zwar groß, doch muss er zusammen gehalten werden, wenn er nicht schrumpfen soll“, rechtfertigte sich der Freund.
Spürbar litt er darunter, ein Kleines aus seiner Überfülle nicht weggeben zu dürfen. Die Gefährtin, die im Kleinsten sehr großzügig sein konnte, hielt ihn von edlerem Wollen ab. „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“, verkündete sie  dabei an das Tal der Tränen denkend, das erst durchschritten werden musste, bis der hohe Haufen dalag. Die Matrone fühlte wie Arabella, weiblich und weiblich konservativ. Vielleicht entsprach es dem Weiblichen, die dionysische Überfülle apollinisch zu begrenzen und das Bestehende zu erhalten?
„Wir können die Früchte unserer harten Arbeit, die Häuser, das Gold, nicht so einfach unters Volk bringen! Was wird aus uns, wenn die Teuerung anhält und das Vermögen verschleudert ist? Der Waldesel soll zusehen, wie er zurecht kommt, wenn die sorgende Frau ihn verlässt. Sicher ist er selbst an allem Schuld! Den ganzen Sommer hindurch geigte er herum wie eine Grille. Und jetzt, wo der Winter anklopft, hat er nichts zum Beißen und kein Lager für die Nacht! Vielleicht solltest auch du deine Kunst mäßigen und die Verschwendung einzustellen. Die Esel lesen sowieso nichts mehr! Besser trage ich das Geld in die Spielbank und mache mir dort einen schönen Tag. Und wenn mir das Glück hold ist, dann wohlan! Dann will ich auch dem Esel etwas abgeben, damit er seine Traurigkeit überwindet! Der Staat sollte für solche Fälle da sein – oder auch nicht!“
Welch ein Trost!
Und welch ein Altruismus!
Einige Tiere hatten offensichtlich ihr Glück gefunden! Weshalb wohl ein paar entrückte Staatstheoretiker und Philosophen das Eigentum für alle Zeiten aus dem idealen Staat verbannen wollten?
Waldesel Faustinus schluckte. Die Betroffenheit war groß, weil er keine rettende Hand erwartet hatte. Freundschaft und Not? War das nicht etwas von seinem ewigen Idealismus, den er im Herzen trug und den er nie aufgeben konnte. Eine andere Chimäre?
Doch dann kam die wahre Tröstung doch noch – als metaphysischer Trost. Wohl wissend, dass er selbst schon längst entschwebt wäre, wenn die Freundin an seiner Seite nicht auf ihre Art der Erde die Treue gehalten hätte, sprach er das Eigentliche an, das Einzige, was ihn diesem Leben zählt:
„Ein Leben lang hast du strebend dich bemüht zu erkennen und handelnd geistige  Werke zu schaffen. Nur das ist es, was die Existenz mit Sinn erfüllt; und zwar über dieses erbärmliche Leben hinaus. Wisse! Alles Bemühen ist aufgezeichnet in der großen Chronik der Welten hinter der Welt – und dein Lohn wird einmal reichlich sein, wenn am Jüngsten Tag das große Buch der Abrechnung aufgeschlagen wird!“

Da war es wieder, das Eiapopeia vom Himmel, das Land der Verheißung im Jenseits, nur in anderer Form. Faustinus schluckte noch einmal und verbuchte das Ganze als weitere Lektion über die Freundschaft und Desillusion.
Schein und Sein, Wort und Tat klafften manchmal weit auseinander. Doch diesmal waren beide im Recht. Aus ihrer Sicht hatte alles seine Richtigkeit und einen höheren Sinn, während, er, der Lebensphilosoph, alles zu ertragen und zu bewältigen hatte, am besten leicht und fatalistisch wie ein Lebenskünstler.
Wie gut, dass da noch ein paar andere Burschen da waren, Charaktere, mit rauen Händen und weichem Herzen, die ihm ein paar Steine abnahmen und ihm halfen, die überschwere Last zu tragen.
Der Geist der Tierheit war noch nicht ganz erloschen. Doch er musste geweckt werden und die Heuchelei besiegt.


Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das neue Buch von Carl Gibson: „AMERICA FIRST“, Trumps Herausforderung der Welt – Wille zur Macht und Umwertung aller Werte!? Jetzt im Buchhandel!

Das neue Buch von Carl Gibson:    „AMERICA FIRST“,  Trumps Herausforderung der Welt –  Wille zur Macht  und  Umwertung aller Werte!?   Jetzt...