Mittwoch, 6. April 2011

Von nahen und von fernen Zielen

 


Die Philosophie war eine Alleskönnerin, aus welcher sich mit über Jahrhunderte viele Einzelwissenschaften entwickelt hatten. Sie war eine Weltwissenschaft, eine Mutter, die der Welt viele schöne Töchter geschenkt hatte. Sie war so alt wie die Religion und die Theologie. Und manchmal wurde sie auch mit der Gotteswissenschaft verwechselt oder schlicht zur Magd reduziert. In Wahrheit aber waren ihre Möglichkeiten immens und reichten bis in die Untiefen der Seele, der Faustinus nunmehr viel Aufmerksamkeit schenkte. Das Unbewusste war ebenso präsent wie das Unterbewusstsein und die vielen Kräfte des Irrationalen, die es im dionysischen Taumel und im Albtraum erlebt hatte. Deshalb kreisten die Gespräche nicht nur über Amor und Psyche, sondern oft auch über Gesundheit und Krankheit und über die uralten Zusammenhänge von Psyche und Soma, die Hippokrates und Aristoteles schon beschäftigt hatten.
Gesundheit – das ist die Freiheit von Körper, Geist und Seele.
Und ohne Gesundheit gibt es auch kein Glück!
Also analysierten sie gemeinsam Angst und Furcht, Trauer und Melancholie, Ekstase und Wahn, Hybris und Schuld und Erfolg und Scheitern. Und sie zeigten die Überwindungsformen von Angst und Furcht auf, weil kein glückliches Leben denkbar ist, wenn solche Dämonen regieren.
Furcht, Angst und Terror, das hatte der Esel auf der eigenen Haut erfahren, hemmten jede Freiheit und jedes denkbare Erdenglück. Dialektisch diskutierten sie selbst über die Grausamkeiten der Welt, über Mitleid und Sympathie, über Ataraxie und Apathie, über die Nächstenliebe und die Fernstenliebe, über die Hilfsbereitschaft untereinander und fassten dann alles synthetisch zusammen.
Aus der Quintessenz des Ganzen, das aus vielen wertvollen Einzelerkenntnissen bestand, entwickelten sie Modelle, frei zu sein und sich der Abhängigkeit des Staates zu entziehen, indem sie sich wappneten und gegenseitig stützten.
„Raus aus der Tretmühle!
Weg vom Laufrad!
Frei werden von jeder Gängelung!“
So lauteten einige Devisen, die die angestrebte Richtung markierten und den Handlungsakt auf den Punkt brachten. Wo andere alles umnebelten, bemühte Faustinus sich um Klarheit, ganz nach der Art des guten alten Cartesius.

Das Sein in der Eigentlichkeit war ihr großes Ziel, das Freisein von äußeren Zwängen und Abhängigkeiten, um für das Eigentliche und Sinnsetzende im Leben da sein zu können.
Positive Begleitphänomene wie Solidarität und Nächstenliebe im Kreis ergaben sich fast von selbst. Einer brachte Äpfel, ein anderer Nüsse, wieder andere brachten frisches Stroh, das noch gedroschen werden konnte. So formte sich eine von gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägte Lebensweise, die auch außerhalb des Kreises erfolgreich praktiziert wurde. Unbemerkt reifte innerhalb des Zirkels und Gartens eine Insel der Seligen heran, die meinungsbildend auf die Umwelt ausstrahlte.
An diesem Modell hatte Faustinus ein ganzes Leben lang gearbeitet. Es war ein normativer Utilitarismus der Neuzeit, der von Epikur zu Kant führte.
„Nimm die besten Zutaten und mach ein großes Gericht daraus“,
hatte sich Faustinus einst gesagt, als er noch öfters selbst am Herd stand. Er war Eklektiker und Genießer zugleich. Jetzt sah er mit Wohlwollen und Zufriedenheit, dass dieses Autarkiestreben auch die Gehirne seiner Mitgeschöpfe beschäftigte.

Der Staat, der Erfinder des Laufrads, der Tretmühle und des Jochs, der Zwingherr Staat, das kälteste aller Ungeheuer seit Leviathan, sollte keine Macht haben über das Wirken seiner Untertanen, insofern sie sich selbst einem kategorischen Imperativ unterwarfen – dem Modell der Stachelweine, die genau wussten, was die Intimsphäre des anderen ausmacht.
Im Staat der Wölfe war das Individuum ein Nichts, das rücksichtslos dem gefräßigen Ungeheuer geopfert wurde, damit es der abstrakten Bestie gut ging. An dieser Haltung wollte Faustinus einiges ändern. Denn das Staatsmodell der Wölfe war nicht einzigartig auf der Welt!
Ja, wenn man genau hinsah, war es nicht die Ausnahme unter den Staatsformen, sondern die Regel. Und die Individuen wurden überall geknechtet und im Joch gehalten, selbst in der Republik der Esel, nur subtiler.

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