Dienstag, 5. April 2011

Von Sinn und Unsinn, vom Sein und Nichtsein

 



So kam es dann auch. Eine gute Weile biss der Waldsesel die Zähne zusammen und verrichtete stumpfsinnige Tätigkeiten aller Art, um wenigstes etwas von dem Scheingeld abzubekommen. Dabei übte er Tugenden ein, die ihm in seiner aufbrausenden Jugend fremd gewesen waren: die Demut, die Fügsamkeit, das Schweigen.
Er stutzte sich die aufstachelnde Mähne zurecht, wechselte die Farbe des Fells nach der Art der Chamäleons je nach Situation, heulte gar versuchsweise mit den Wölfen und war fasst schon dabei, ernsthaft aus Weiß Schwarz machen zu wollen, als ihm auffiel, wie in diesem Überlebenskampf die Identität auf der Strecke blieb. Auf dem Weg der Selbstbefreiung in die Eigentlichkeit war er fast zum Nullpunkt gesunken und stand kurz vor dem Untergang. Faustinus fühlte sich wie der Steuermann der Titanic, nachdem die Unsinkbare den Eisberg touchiert hatte. In letzter Sekunde vor dem Aufprall auf das verborgene Riff, riss er das Ruder um.
Eine innere Stimme hatte ihm Einhalt geboten und ihn aufgefordert, die Selbstzerstörung zu beenden und zum wahren Selbst zurück zu kehren, zurück in die Arme von Wissenschaft und Kunst, zurück in die würdevolle Welt der Freiheit! „Frei sein“,
sagte sich der desillusionierte Esel letztendlich mit dem verschrobenen Rousseau, „bedeutet, die Dinge nicht tun zu müssen, die ich nicht will!“

Also beschloss er, möglichst lange frei zu sein, um die eigentlichen Dinge zu befördern. Nicht sein augenblickliches Glück kümmerte ihn nun, sondern sein Werk, hinter dem vielleicht ein spätes Glück wartete.
Zarathustra hatte ihn darauf gebracht – und der eigenwillige Schöpfer des Zarathustra, der ein Narr war und ein Dichter. Vielleicht würde sich dann in ferner Zukunft, wenn das Werk vollbracht war, auch einmal die Erfüllung einstellen, die schon den Alten Glückseligkeit bedeutet hatte!
Nur entsteht ein Werk nicht an einem Tag. Jede geistige Schwangerschaft braucht ihre Zeit – und selbst der Tropfen, der überfließt, wenn alles zur Reife gelangt ist, will aufgefangen sein.
Also stürzte sich Faustinus nicht den Fels hinab, sondern ins künstlerische Schaffen und arbeitete nach guter alter Eselart fast rund um die Uhr, auch bei Kerzenschein und in der Stille der Nacht.
Im Rausch des Schaffens vergaß er sogar das Fressen, das Lachen und das Lieben. „Um eines geben zu können, muss ich auf alles verzichten“,
sagte er sich oft, wenn er den vielfachen Verzicht überdachte und machte munter weil, heilfroh darüber von Trauer und Melancholie verschont geblieben zu sein.

Äußerlichkeiten kümmerten ihn nicht mehr. Bald glich er dem Zyniker im Fass aufs Haar. Die Zeichen des Verfalls fielen nur anderen auf. Die Mähne wurde länger und lichter, das Fell fahler, die ersten Zähne fielen aus, und aus dem strammen Silvanicus Optimus wurde bald ein zottiges Biest.
Ecce asinus!
Siehe, welch ein Esel!
So hatte es früher einmal geheißen.
Jetzt hieß es nur noch, der Sylvanier sei auf den Hund gekommen …
Die vielen Verluste an machen Fronten hatten ihn gezeichnet wie einen Schakal. Alle Werte waren dahin wie der Schöne Schein: Arabella, der Goldbeutel, der Lorbeer, der Nimbus – und selbst den Stall würde er bald aufgeben müssen und auf Wanderschaft gehen!
War das alles gerecht?
Und hatte er sich nicht ehrlich bemüht, ein Werk zu schaffen, das für alle Tiere da sein sollte, selbst für die Gegner?
„Das hohe Ziel rechtfertigt alle Opfer“,
sagte sich der unverbesserliche Idealist Faustinus erneut und beschloss, auch weiterhin störrisch an seiner Bahn festzuhalten. Nicht das augenblickliche Glück bestimmte ihn, sondern das beständigere Glück fernerer Tage. Das Werk war es, was Sinn stiftete – und nicht die Lust des Augenblicks! Und das künstlerische Schaffen wurde zum Weg.
 „Stoiker verlieren sich nie in der Welt“, redete er sich ein, denn er war ein stoischer Esel. Also er handelte entsprechend.

Von dem mühsam mit öder Drecksarbeit Erworbenen setzte er zur Freude der Wucherer täglich einen Golddukaten ein, um sich noch etwas Freiheit und Unabhängigkeit zu erkaufen, um am Werk zu arbeiten und um es der relativen Vollendung zuzuführen.
„Irgendwann werde ich es sicher auch noch verlegen müssen“,
sagte er sich und blieb beharrlich und stur, wohl wissend, an einem Werk für alle und keinen zu arbeiten. Ein freier Wille bleibt frei bis zuletzt – und ein um Erkenntnis ringender Geist scheitert erst, wenn er über den Abgrund hinaus tritt. Dieses Bewusstsein machte ihn stark und unerschütterlich.

In den seltenen Stunden, wo er nicht übers seinem Werk brütete, reiste er durch die Gegend, manchmal auch über Grenzen hinweg, zu anderen Tieren, um seinen Horizont zu erweitern und um Phänomene zu erleben, die über das Denkvermögen der Esel hinaus gingen. An der Lieblingsthese seiner Jugend, der Esel sei der Mittelpunkt des Kosmos, wollte er jetzt nicht mehr festhalten. Solange er unter Wölfen lebte, hatte er ihre Bestialität angeprangert – jetzt aber sah er auch die Unzulänglichkeit der Esel, die nicht ignoriert werden dufte.
„Ein Dissident bleibt immer ein Dissident“, räsonierte er.
„Einiges habe ich schon durchlitten und erkannt. Doch ich werde weiter reisen müssen, um noch mehr von der Welt zu sehen, bevor ich von ihr scheide“,
sagte sich der immer noch weltoffene Freigeist, als er an einem traurigen Novembertag die Grenze zum Staat der Frösche passierte.
Empedokles war weit gereist, auch Demokrit, der Lachende, ebenso der große Aristoteles, bevor sie ihr Denken formulierten und Systeme entwarfen. Ein Esel musste es ihnen gleich tun und peripathetisch wandeln zwischen den Welten, zwischen Orient und Okzident, zwischen den Polen Brücken bauend – und wenn es sein musste bis ins Universum hinaus. Er musste dem Quaken der Frösche lauschen, den feinen Tönen und Dissonanzen in der edlen Sprache, die immerhin die Sprache der Diplomatie war, bevor er über den Rhein setzte. Das Quaken der Frösche war ihm von Kindesbeinen vertraut – die Frösche quakten einzeln – und doch quakten sie alle ihm Chor, der bald zu einer harmonischen Symphonie anschwoll:
 „Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit!“
Das waren Begriffe, die früh in die Eselsohren drangen – und deren Sinn deutlicher wurde, als grimmige Wölfe ihre Zähne zeigten. Doch was wussten die anderen Tiere von diesen Erfahrungen?
Mache Ohren vernahmen bestimmte Frequenzen wie Farbenblinde die Farbe der roten Sonne. Auf einem Schiff überwand Faustinus die Meerenge wie die Wikinger und erreichte heil ein Eiland, das Teil seiner idealen Welt war. Die Magna Charta war dort zuerst verankert worden, das freie Wort und der Protest der Tiere erfolgte dort zuerst!
Dort angekommen, ging Faustinus die bleichen Klippen entlang zu jener Stelle, wo das Land am Ende war, trat an den Rand des Abgrunds und blickte auf die blaue See hinaus. Unter ihm lockte die Tiefe. Ein Deja-vu- Erlebnis – und immer noch gleich verlockend!? Bleich wie die Kreidefelsen vor den Hufen war auch sein Gesicht. Thanatos regte sich mit – und Eros war weit.
Sollte er jetzt springen und dem Jammertal ein Ende bereiten?
Wartete das Purgatorium auf ihn, die Katharsis des Fegefeuers oder doch nur die Glut der Hölle mit den teuflischen Wolfsgestalten, Schlangen, Spinnen und Skorpionen?
Der Wels hatte ihn einst zurückgerufen in gleicher Situation. Jetzt meldeten sich nur noch das Gewissen und ein Gaukelspiel der Seele, die ihm noch einmal die elysischen Stunden seiner Existenz wachriefen.
Hexen und Zauberer waren früher gerade hier hinab gestoßen worden. Hier war ihr Galgenberg, ihr Golgotha. Unabwendbar hatte sich ihr Schicksal hier vollendet, weil sie gegen ihre Zeit waren – und weil sie gegen ihre Zeit dachten und agierten. Faustinus aber stand freiwillig am Schafott. Wenn er ihnen nun folgte, wenn er freiwillig über die Grenze hinaus trat und sich an der Schöpfung versündigte in einem Akt von Verstiegenheit, von Hybris, von Sünde, dann würde die ewige Verdammnis auf ihn warten!?
Und wenn er standhielt und ausharrte, dann konnte alles Schöne wieder kehren als selige Wiederkunft des Gleichen, als neue Liebe – und als großes Glück?

Sich selbst besinnend trat Faustinus gerade einen scheuen Schritt zurück, als ein grenzenlos Verzweifelter an ihm vorbeizog und sich mit einem schrillen Schrei über den Abgrund stürzte. Die Tiefe nahm ihn auf und ließ ihn dorthin sinken, wo die bleichen Gebeine der Opfer ruhten.
Faustinus ahnte etwas davon und er erschauderte – unheimliches Grausen kam auf wie damals im Gemetzel und oben auf dem Galgenberg. Das Schicksal war unerbittlich – und das Leben war gnadenlos. Doch es musste ertragen werden – so wie es war.
Früher hatte ihn die Neugier im Leben gehalten. Jetzt war es die Einsicht, dass er die eigene Existenz noch sinnvoll gestalten konnte – für sich und für die anderen.

Copyright: Carl Gibson

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