Mittwoch, 6. April 2011

Zurück zur Natur – alte Weisheiten in neuen Farben und Tönen


Solche Überlegungen bewogen den mild geworden Waldesel, in seinem ewigen Blütenmeer ein therapeutisches Zentrum einzurichten, in welchem die neuesten Erkenntnisse der Seelenkunde spielend umgesetzt werden konnten – im Umgang mit Farben und im Umgang mit Musik.
Jedes der vielen keinen Zimmer in dem flachen Bau hinter der großen Säulenhalle erstrahlte in einer anderen Farbe. Wer nachdenken oder nur im kleinen Kreis philosophieren wollte, konnte sich in einen der Räume zurückziehen und die Farben auf sich wirken lassen. Blau wirkte anders als Rot. Und Gelb wirkte anders als Türkis. Die Sepia kündete davon und die vielen Chamäleons, die sich von Anfang an eingefunden hatten.
Wer überschäumend war von Glück, durfte sich in einem kühlen, dunklen Loch beruhigen. Wer das Nichts erleben wollte, setzte sich vor eine weiße Wand. Und wer zu den Sternen wollte, blickte in der Nacht hinaus zum Firmament und dachte über seine Stellung im Kosmos nach. Klopfte ein müder Wanderer an die Pforte, gab man ihm eine Decke und ließ ihn geschützt übernachten. Und wenn Nahrung da war, dann teilte man sie mit ihm.
In anderen Räumen waren Musikinstrumente untergebracht, alte und neue, klassische und moderne. Es waren Instrumente aus Holz und Metall, Flöten und Harfen, Mandolinen und Geigen und vieles mehr, auf welchen jedermann auf seine Art spielen durfte. Als Kind hatte der kleine Waldesel die vielen Instrumente einst im Kaufhaus bewundert. Unerschwinglich und unerreichbar fern erschienen sie ihm damals. Und jetzt waren alle Glücksbringer hier – und für alle da. Sie formten ein großes Orchester, in welchem wirre Töne zusammenklangen und aus einem scheinbaren Chaos eine harmonische Ordnung erzeugten. Wer am Musizieren Freude hatte, konnte zupfen und kratzen nach Herzenslust. Kranke genasen davon. Und Gesunde wurden froh. Da Faustinus nicht nur ein begnadeter Tonsetzer war, sondern auch noch ein geschickter Instrumentenbauer, hatte er der Sammlung einige seiner neusten Kreationen hinzugefügt, um so neue Wege zu gehen auch in der Musik, und um neue Töne erklingen zu lassen – jenseits von Dur und Moll. Sein wiedererwecktes Bewusstsein, das nie richtig zur Ruhe kommen wollte, trieb ihn auch dazu an. Die Seelenruhe der Vielen aber war ihm wichtiger – und die Genesung aller einsamen Melancholiker unter der Sonne.

Faustinus, der Waldesel aus Siebenbergen brauchte nicht lange darüber nachzudenken, worüber in seinem geistigen Zirkel philosophiert werden sollte. Das nackte Leben hatte auch diesen Plan vorgegeben:
Nicht über Dies und Das, nicht über Gott und die Welt, nicht über das Wolkenkuckucksheim des Aristophanes, noch über das Eiapopeia vom Himmel, das das Volk einlullt, den großen Lümmel, sondern über Dinge, die unmittelbar die Existenzbewältigung betrafen, sollte gemeinsam nachgedacht werden.
Die Phänomene der Existenz sollten aus allen Sichtweisen heraus betrachtet, ausgelotet, methodenpluralistisch analysiert und interpretiert werden.

Die Freiheit – das war das offene Ohr für alles, was Geist und Seele hervorbrachten.
Einige existenzielle Erfahrungen hatte Faustinus selbst gemacht. Und die Essenz davon, wollte er weiter geben. Idealistisch und mit versponnenen Romantizismen im Kopf war er einst in die fremde Welt gestartet. Doch inzwischen hatte das Leben ihn zum Realisten umgeschmiedet, zu einem existenziellen Denker, der das Leben so sah und nahm, wie es war, exponiert und gnadenlos – mit einem Hauch von Moral versehen und mit einer kleinen Prise Kunst.

Die Bestie war noch übermächtig in vielen Tieren. Deshalb kam es darauf an, das Leben zu meistern und es trotzdem auf ein höheres Ziel hin zu entwerfen, auf ein Ziel hin, das jedes Tier nicht nur überlebensfähiger machte, sondern auch besser und edler. Faustinus bündelte alle seine selbst gemachten Lebenserfahrungen und formte daraus eine praktische Philosophie, eine Kunst der Lebensführung, die jedem nutzte, dem Individuum in seiner Existenzgestaltung und, indirekt dahinter, auch dem Staat und der Völkergemeinschaft.
„Jeder grüne Garten ist ein Concordia“,
folgerte er.
„Und jeder grüne Garten ist ein souveräner Staat im Kleinformat, der freier und idealer gestaltet werden kann als jedes große und komplexe Staatsgebilde. Ich kann meinen grünen Garten mit mir nehmen wie mein Selbst – und ich kann ihn überall errichten, selbst in der heißen Wüste, weil er in mir ist wie das geläuterte Bewusstsein.“

Wer an seinen Kolloquien für Fortgeschrittene teilnahm, konnte nach einiger Zeit lernen, wie die Individualität und das Selbst aufgebaut und erhalten wurden -  und wie sich gleichzeitig der blinde Egoismus zu aufopferndem Altruismus wandelte. Metamorphosen wurden studiert und Verwandlungen wurden eingeübt, die das Leben aus der Schwere des Alltags in die Leichtigkeit der Existenz führten.
Nachdem Faustinus am eigenen Leib erfahren hatte, wie Werte und Schein auf den Hund gekommen waren, begründete er einen individuellen Kanon von Werten, der nicht ganz neu war, aber in neuem Licht erschien. Auch sprach er oft vom Schein des Scheins.
Sein großes Thema aber blieb die Freiheit.
Tausende Bücher waren über dieses besondere Thema geschrieben worden, unzählige Gedichte und Hymnen. Faustinus erklärte oft und gern, warum das so war. Dabei verwies er immer auf die existenziellen Erfahrungen dahinter.

Die Theorie muss durch das Leben gedeckt sein. Sonst ist jede Philosophie absurd, lehrte Faustinus. Dann fügte er mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit des unermüdlichen Idealisten noch ergänzend hinzu:
„Wenn ich die Wahl habe, dann wähle ich immer die Freiheit, denn sie ist die Bedingung schlechthin, aus welcher jedes höhere Glück folgt, sie ist die „conditio sine qua non“ der eigentlichen Existenz, des Seins und Bestehens in der Eigentlichkeit.“
Endlich hatte er den Eremiten verstanden. Nicht jeder aus dem Gesprächskreis konnte alle Erfahrungen gemacht und alle Phänomene der Welt selbst erlebt haben. Wie Faustinus als kleiner Waldesel einst anderen Vorbildern vertraut hatte, so konnten die Tiere aus Feld und Flur jetzt ihm vertrauen, dem weit gereisten Wanderer aus den Wäldern hinter den sieben Bergen, aus jener archaischen Gegend, wo die Wölfe in die Nacht heulten und wo die Bären, wenn es grimmig kalt war in der Winternacht, mit ihren scharfen Krallen an der Stalltür kratzten.

Einst hatte Faustinus auch den Dichtern geglaubt, ohne zu ahnen, dass Dichter manchmal lügen, wenn sie eigene Mythen in die Welt setzten; er hatte der weisen Eule vertraut, die weitsichtiger war als die Seherin Kassandra und dem schwarz gefiederten Galgenvogel, der die Zeitunterworfenheit aller Dinge mit anderen Augen beobachtete; er hatte dem schnauzbärtigen Wels gelauscht, als er aus Untiefen berichtete, aus Welten, die ein Esel nie hätte ausloten können; und er hatte die wechselnden Perspektiven und Wahrheiten des Fuchses zur Kenntnis genommen, der ein Teufel war und doch kein Teufel – und dessen Kunstfertigkeit bewundert, gültige Verträge virtuos außer Kraft zu setzen.
Weshalb sollten jetzt die symphilosophierenden Mitgeschöpfe nicht auch ihm vertrauen, wenn er vom Loch sprach, von Feuerzangen, vom Ghetto und von den angestammten Grundrechten aller Tiere, von ihrer Würde und von ihrer Freiheit?

Viele kamen in sein grünes Reich, einfach nur, um durch den Garten zu gehen, in dem künstlerisch gestaltet und urwüchsig zugleich alles wuchs und gedieh, was die Schöpfung in die Welt gesetzt hatte. Die Natur an sich war ein ästhetisches Vergnügen. Sie kamen aber auch, um aus der Überfülle zum blauen Himmel zu blicken am Tag und zu den Sternen in der Nacht.
Bescheidenes Glück nannte man das – auch kleines Glück. Und nicht selten verbarg sich eine große Gesundheit dahinter.
Viele lauschten seinen Aphorismen und Sentenzen, seinen Worten, die Flügel hatten – und fügten ihnen konkreativ die eigenen hinzu.
Und die meisten blieben gern, weil sie in dem philosophischen Gesprächskreis erstmals so etwas wie eine geistige Heimat fanden, in deren Mittelpunkt kein Säulenheiliger stand.
Die Einsamen brauchen ein Ziel, wohin sie aus ihrer Einöde entfliehen können, einen Gesprächsort für ihre Ängste und einen ruhigen Hafen dahinter, um auszuruhen von den Martern der Existenz, lehrte der Gartenphilosoph.
„Die Einsamkeit ist etwas, was überwunden werden muss, weil sie die Seele krankt macht und die Geschöpfe traurig. Düstere Melancholie lauert hinter der Einsamkeit, letzte Vereinsamung und Untergang!“

Allmählich fanden sich die unterschiedlichsten Tierarten ein. Eines Tages stieß ein reumütiger Wolf zum Kreis der Gleichen, ein Wolf, der ein anderer Wolf werden wollte. Und bald darauf kam auch ein Bär.
Vieles von dem, was der sanfte Esel zum Gegenstand der Gespräche machte, fand großen Anklang, weil es einsichtig war und jedermann die Ergebnisse dieses Philosophierens auf der eigenen Haut und im eigenen Herzen überprüfen konnte. Fühlendes Sehen stellte sich ein mit Erkenntnissen, die früher kaum für möglich gehalten worden waren.
Oft bestritten die Teilnehmer die geistige Auseinandersetzung, ohne dass Faustinus eingriff. Er koordinierte die Gespräche nur noch aus der Ferne wie ein erfahrener Kapitän zur See und genoss die Früchte der Saaten, die seit der Antike ausgestreut worden waren. Die Sophisten hätten ihre wahre Freude an dieser Runde gehabt, auch die Pythagoreer und Orphiker, Sokrates und Epikur und mancher Hyperboreer!
So entwickelte sich eine Philosophie der unmittelbaren Lebensfreude, die nur einige Neider in der Stadt störte.
„Der Waldesel lehrt die freie Liebe in dionysischer Ekstase. Und er verkündet den Abfall vom alten Glauben“,
wetterten seine Kritiker auf dem Forum.
„Kein Glückseligkeitsapostel ist er und kein Meister der Beschaulichkeit, sondern ein Satyr ist er und ein Faun wie Aristippos und Antistenes vor ihm. Stelen, Symbole der Fruchtbarkeit, kultiviert er in seinem Garten und verführt damit die Jugend wie Ovidius. Und, gleich Horaz, ist auch er nur ein Schwein - aus der verkommenen Herde des Wüstlings Epikur – fürwahr ein Schwein ist er, obwohl er äußerlich nach einem Esel aussieht!“

Gern hätten die Sittenwächter diesen Luzifer aus dem paradiesischen Garten vertrieben, wenn sie die Macht dazu gehabt hätten. Doch diesmal hielten mächtige Freunde ihre Ägide über ihn. Faustinus durfte bleiben und weiter lehren, geschützt durch die Magna Charta eines liberalen Staates, der die Vielfalt der Meinungen dem einsamen Monolog vorzog.
Gerade die jungen Tiere des Kreises philosophierten mit Hingabe und Begeisterung, nicht viel anders, als es ihnen Faustinus, der immer noch ein Enthusiast war, vorgemacht hatte.
Neben den großen Themen Freiheit, Gerechtigkeit und Würde, diskutierten sie lange über lebensnahe Themen,
vor allem über die selig machende Liebe,
über die wahre Freundschaft,
über die vielen Formen das Glücks und
über die steinigen Pfade, die dorthin führten. Gemeinsam lauschten sie dem Gesang der Schwäne und dem Lied der Dornenvögel.. Vereint lasen sie im Ovid – in seiner Kunst des Liebens und in den Metamorphosen.
In Sympathie durchlebten sie seine Verbannung am Pontus, seine Einsamkeiten am fernen Meeresstrand, sein Ausgestoßensein und die Traurigkeiten seiner Elegien. Sie lasen im göttlichen Shakespeare; und mehr und mehr lasen sie auch in Goethes gewaltigem Werk. Und sie weinten mit Werther und dem Harfner.

Aber sie philosophierten auch über ganz profane Dinge des Alltags, über das Kauen und Verdauen,
über das Spiel und den Spieltrieb,
über das Spiel mit den Worten,
über Worte, die Flügel hatten wie Pegasus und
über Sätze, die befruchtend durch Jahrhunderte geisterten wie bunte Schmetterlinge auf der Blumenwiese.

Der Humor beschäftigte sie und das Lachen des Satyrs, der tanzend und liebend sein Leben lebte.
Manchmal lachten alle heiter auf in froher Runde, weil Geist in höchster Abstraktion immer noch viel mit Witz zu tun hat.
„Philosophie muss nicht trocken sein“, sagten sie sich, „sondern feucht und manchmal nass!“
Wer sagte, Tiere könnten nicht lachen?
Im Kreis der Begeisterten stand der Humor immer hoch im Kurs, während der tierische Ernst nur noch in den kalten Zentralen der Macht regierte. Nur lachten Tiere eben anders, weil sie auch anders  fühlten.
Wer wusste davon?
All jene, die den Tieren Seele und Bewusstsein absprachen, redeten im Grunde nur von Dingen, die sich ihrem Erkennen entzogen, nicht anders als der Blinde von der Sonne. Unterstellungen und Vorurteile aber waren die Grundlagen für Hass und Spaltung, für Rivalitäten und Krieg. Die Vernichtung wurzelte im Vorurteil und in der Überheblichkeit einer Art über der anderen. Auch in diesem Punkt sah der reif gewordene Waldesel noch viel Handlungsbedarf.
Oft philosophierte der Meister nur noch, indem er schwieg. Aufmerksam lieh er anderen sein Ohr.
„Ich schenke ihnen meine Zeit“, sagte er.
Also gab er ihnen das, was ihm am wertvollsten war, ohne groß darüber zu reden. Daher stammt das Wort, schweigen sei Gold.

Copyright: Carl Gibson

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Buch 2016 - Autor, author, auteur Carl Gibson: Bücher, books. livres - , Neuerscheinungen. Information zur Buchmesse 2016 in Frankfurt am Main. Carl Gibsons umfassende Herta Müller-Kritik jetzt im Buchhandel!

Neue Buch-Veröffentlichungen des Instituts zur Aufklärung und Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit in Europa im Jahr 2016,...