Dienstag, 4. Januar 2011

Eigentlichkeit in Einsamkeit

„Was führt dich zu mir, Esel?“
fragte der steingraue Alte im Tonfall des väterlichen Freundes.

„Die Verzweiflung, verehrter Meister, die nackte Verzweiflung!
Alle meine Ideale sind dahin – und mit ihnen die Hoffnung!
Die Leere greift nach mir, das kalte, grause Nichts des Nihilismus –
der Horror vacui und der Mittagsdämon der Melancholie!“

klagte Faustinus, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Euphemismen waren hier fehl am Platz. Die Seele schmerzte – und er musste aussprechen, wie sehr er litt, obwohl er kein großer Dichter war. Als Faustinus merkte, dass ihm hier mehr als nur ein Ohr geliehen wurde, fing er an, seine etwas krumm geratene Lebensgeschichte auszubreiten mit all ihren Höhen und Untiefen, mit all den Aufs und Abs durch die Zeit, die den Lebenslauf ausmachten. Ein vollständiges Bild der Welt, aus der er kam, wollte er nicht einfangen, weil das nicht möglich war, doch einen Querschnitt daraus. Er blendete weit zurück und berichtete von der heilen Welt Concordias, vom despotischen Reich der Wölfe, von den Erfahrungen auf der Wanderschaft zum Meer, von den Heimsuchungen des Unbewussten, von dem Albdruck, der ihn belastete, von den vielfachen Verfolgungen, von Gewissensqualen, von Unruhe, Rastlosigkeit, von seinem Getriebensein.
Unverblümt berichtete er von den Schrecknissen im Wald, die seine Seele so nachhaltig erschüttert hatten. Schließlich kam er noch auf die Leiden aller Hilflosen und Ohnmächtigen im Loch zu sprechen, die sein Gewissen belasteten und der eigenen Glückseligkeit im Wege standen. Das Unglück der Welt, klagte er, mache auch ihn glücklos und erfülle ihn mit Leere. Seitdem der Glaube an die hohen Ideale gewichen sei, erfüllte ihn nur noch tiefe Trauer, eine sonderbare Melancholie, die ihn unfähig mache, große Gedanken zu denken und Bedeutendes zu leisten in Geist und Kunst. Nicht nur profane Gestalten aus Wirtschaft und Gesellschaft seien innerlich hohl und ausgebrannt, folgerte er, sondern auch Schaffende in ihrem gehemmten Drang.
So fühlte er!
Und Faustinus klagte noch heftiger, als er fühlte, wie das Reden befreite. Der Freund der Weisheit ließ ihn ausreden. Dann sagte er ruhig, doch mit leicht ironischem Unterton:
„Immerhin hast du schon erkannt, dass nichts konstant ist auf der Welt. Alles im Fluss – Panta rhei!
Auf immer und ewig. Selbst dein Selbst ist dem Wandel unterworfen. Greife nicht länger nach der Statik des Systems, nach der harmonischen Ordnung des Ganzen. Denn die gibt es nicht - eine Chimäre ist sie, ein Trugbild und Spiegelung des Scheins.
Lerne, mit dem Wandel zu leben, mit dem Werden und dem Neuwerden, mit der Offenheit in allem, auch im Denken.“

„Aber ich brauche doch ein Ziel, einen Sinn, Werte, an die ich mich klammern kann…“
winselte Faustinus wie ein Kranker, der nach dem heilenden Therapeutikum giert.
„Selbst ein Waldesel braucht ein Ziel, wenn nicht alles im Nichts zerfließen soll!“
„Vielleicht befreiest du dich aus der reinen Sphäre des Denkens und richtest Geist und Fühlen auf Bereiche, die du noch nicht erschlossen hast – auf die allmächtige Natur! Und auf die große Kunst, die lang ist, länger als unser Leben … Vielleicht erwachsen dir aus der Naturerkenntnis ein künstlerisches Schaffen und ein Werk, das sinnsetzend wirkt wie die Tat!“

Natur, Kunst – das waren tatsächlich Begriffe, die bisher von Eigennutz und gesellschaftlichen Fragen verstellt worden waren. Das waren andere Welten, neue Welten!
Doch was bedeuteten sie Faustinus, dem künftigen Werdegang? Offensive oder Rückzug?
Neue Prioritäten. Offenheit und Wechsel?
Heraklit statt Parmenides?
Jedenfalls war es der Wink mit dem Zaunpfahl, die Existenz weiter und tiefer auszuloten und nicht zu früh zu resignieren. Alles war eine Sache des reifen Bewusstseins, auch der Rückzug in die Einsamkeit.
„Lass’ uns ein paar Schritte durch den Wald gehen, ins Holz hinein. Holzwege sind nicht immer Sackgassen, sondern auch Wege, die dich im Leben halten – wie die Chance, die aus der Krise erwächst.
Der Weg schon ist ein Ziel.
Und die Gedanken sind reiner und klarer hier oben, gleich dem Blick über das Tal, der uns manches überwinden und vergessen lässt.
Hier oben im Licht lichtet sich auch das Denken.
Deshalb entstehen meine Werke gerade in dieser Abgeschiedenheit – und hier in diesen Einsamkeiten sollten sie auch gelesen werden.“

Faustinus spitzte die langen Ohren und lauschte mit Andacht, während der Alte strahlend schmunzelte im Gefühl, verstanden zu werden. Sie redeten noch hin und her – schwere Begriffe fielen, Begriffe mit Tragweite verbunden mit Anregungen, die dem aufgestiegenen Hoffnungslosen verdeutlichten, dass er immer noch am Anfang stand, stets am Rande des Abgrunds.
Allmählich erkannte Faustinus die befruchtende Wirkung der Einsamkeit und sah ein, dass Einsamkeit und Geselligkeit sich bedingende Phänomene darstellen.
Die reife Botschaft entströmte der Überfülle der Einsamkeit im wohl reflektierten Wort, welches das Wort eines Dichters und Denkers war. Das innere Glück des im Einklang mit der Natur lebenden Weisen spiegelte sich in den gütigen Zügen des Alten, die auch jetzt mild und versöhnlich waren. Das Glück leuchtete aus ihnen hervor wie das Licht der aufsteigenden Sonne an einem klaren Wintermorgen.
Bevor der Suchende schied, sah ihn der Eremit, der auch schon manche Irrungen durchlebt hatte, lange an, so als ob er die Tiefen seiner Wesenheit ergründen wollte, dann sagte er im sanften Ton des abgeklärten Weltbürgers:

„Gehe ihn zielstrebig weiter, deinen Weg der Erkenntnis.
Irgendwann wirst du dich entscheiden müssen, ob du der Welt weiterhin zugewandt lebst und für sie oder ob auch du dich zurückziehst in die Einsamkeit der reinen Kontemplation und in die Einsamkeit des Schaffens.
Du hast, wie es mir scheint, eine zarte Seele, die Seele eines Künstlers. Überlege deshalb, ob die profane Welt der Politik, in die du geraten bist, dich wirklich glücklich machen wird im Leben, ob die allzu gestrenge Wissenschaft das vermag oder die Kunst.
Das Wesentliche und deine ureigene Wesenheit musst du selbst herausfinden.
Vielleicht kannst du dann eines Tages etwas von dem, was du erkannt hast, an andere weiter geben, in welcher Form auch immer.
Kläre auf, Freund, und berichte anderen, was dir zugefallen ist an Erkenntnis. Denn die Unwissenheit, unser großer Feind, muss stets aufs Neue überwunden werden.
Wo Unwissenheit herrscht, haben Lüge und Täuschung freie Bahn. Dichter, Denker, Tonsetzer aber sind Schaffende – sie alle vermitteln die göttliche Botschaft wie Hermes.
Handle so, wie es dir dein Gewissen befiehlt – und nach den Gesetzen, die aus deinem Inneren stammen.
Doch handle – ungeachtet des Beifalls, der vielleicht ausbleibt.
Esel haben große Ohren und ein sensibles Gemüt. Aber sie haben auch einen verstockten Geist, der schwer ist wie die Last, die sie unfreiwillig tragen.
Finde heraus, was dein Sein in der Eigentlichkeit ausmacht – und lebe dann danach, konsequent Tag für Tag. Nicht der Schein des Scheins bestimmt, sondern dein Selbst, das dich führen und geleiten wird in dunkler Nacht wie eine leuchtende Fackel.
Erkenne dich selbst, finde den Urgrund deines Wesens und werde glücklich!“

Nach diesen etwas delphisch anmutenden Worten, die klangen wie die segnende Absolution der Prediger in den Tempeln, machte der Eremit eine längere Pause, so als ob er überlegte, der Weissagung noch etwas hinzuzufügen, etwas, was auf die Brutalität der Existenz verwies und auf die Gnadenlosigkeit der Welt, der alle unterworfen waren, die Zarten und die Groben. Schließlich warnte er im Ton leichter Verachtung mit der Zunge Zarathustras:

„Viel Heuchelei ist in der Welt und Niedertracht. Folge deinem Pfad, auch wenn sich Wegelagerer dir entgegenstellen und finstere Gesellen. Doch nicht sie sind deine wahren Feinde, sondern jene, die aus den Hecken schießen, statt mit offenem Visier zu kämpfen. Die Dunkelmänner aus dem Verborgenen fürchte, die Scheinheiligen, denn in ihnen ist viel Arglist und teuflische Bosheit. Wenn du nicht wachsam bist, werden sie dich vernichten.“



Copyright: Carl Gibson

Der Gang zum Eremiten

Weit oben auf den Höhen des Schwarzwaldes hauste ein greiser Eremit. Die Stadt und mit ihr die frühere Wirkungsstätte an der alten Universität hatte er seit langem verlassen, um den Rest seines schon erfüllten Lebens nur noch der Wahrheit zu weihen und dem göttlichen Sein dahinter. Stündlich redete er mit Gott und lebte mit ihm in trauter Zweisamkeit, ohne die Enttäuschungen zu erfahren, die ihm im Kreis der Vielen bereitet worden waren.
Der Markt um den Dom war ihm genauso fern und fremd wie die Fliegen des Marktes und die Brunnenvergifter im Tal, die rücksichtslos jede Quelle beschmutzten, wenn sie daraus tranken. Abgeschiedenheit und Stille herrschten dort oben – und manchmal auch das Getöse eines Wintersturms, der alles zu Tod erstarren ließ.
Einsam war der Alte gelegentlich auch, doch ohne zu vereinsamen. Das Gespräch mit den Toten hielt ihn wach und schärfte seinen Verstand mehr und mehr. Er lebte in der Natur und mir ihr, ohne Gott außerhalb von ihr zu sehen. Und das machte ihn zufrieden und weise.
Gelegentlich kamen Freunde zu Besuch, die Eule, der Rabe und manchmal sogar der Fuchs. Die meisten Esel im Tal aber hatten bereits vergessen, dass es den Alten überhaupt noch gab.
Zu ihm hinauf zog es Faustinus in seiner Not. Rat wollte er suchen und Trost finden, denn alte Esel, sagt man, verfügten über besondere Weisheit, weil mancher Irrtum längst hinter ihnen lag. Das sagte ihm auch die eigene Vernunft und das Wenige, was er aus dem Schrifttum des Alten gelesen hatte.
„Wer groß denkt, kann auch groß irren“,
hatte er einmal verkünden hören. Ja, auch der Alte hatte groß gedacht, und, wie böse Zungen behaupteten, zu spät Nein gesagt damals, als es keine Zeit mehr war zum Ja.
Hatte auch er eine Schuld auf sich geladen, die nach Sühne schrie?
Büßte er jetzt für Schwäche und Versagen?
Mit solchen Gedanken befrachtet stieg Faustinus den Berg hinauf, auf engem Pfad, bis zur Baumgrenze. Dort oben, wo der scharfe Wind wehte, stand die Hütte des Lebensweisen - ein karges Reich aus Holz im Stein.
Faustinus pochte an die Tür. Nichts regte sich. Nach einer Weile klopfte er wieder gegen das Holz, schüchtern, ungeduldig, aber auch erwartungsvoll, bis ein
„Wer da? Herein“
ihm Einlass bot.
Der Alte saß sinnend am Fenster die Weite des Tales im Blickfeld. Zufriedenheit erleuchtete das milde Gesicht. Es roch nach frischem Heu. Heimisch heimatlich war es hier, fast alles aus Holz. Schriften aller Art stapelten sich ungeordnet auf dem Tisch, ganz so, als ob die Sinnstruktur der Welt im Chaos schlummerte.
Ein paar optische Instrumente für die Himmelsbeobachtung und ein kleiner Globus in der Ecke signalisierten, dass die kopernikanische Wende auch die entlegensten Höhen der Bergwelt erreicht hatte, während der Ätherwellenempfänger auf die noch zu überwindende Technik verwies, auf die „Kehre“ und den rettenden „Deus ex machina“ dahinter.
An Felix’ Künstlerspelunca erinnerte einiges, der einst ähnlich gelebt hatte im fernen Concordia. Alles im Raum war auf das Wesentliche reduziert, auf das Lebensnotwendige.
Wahres Sein war schlicht - eine harte Pritsche, ein Eimer mit Wasser von der nahen Quelle und die offene Feuerstelle, in welcher ein Flämmchen züngelte. Auf die Ursprünglichkeit kam es an, nicht nur hier oben, sondern an sich und auf die Rückbesinnung auf die eigentlichen Werte, die ein bewusstes Existieren ausmachten.
War es nicht immer so?
Große Geister hatten nicht viel anders gelebt - Empedokles, Heraklit, Diogenes, Sokrates und Epikur!
Alles, was da war, hatte seinen Sinn. Überflüssiges fehlte, wobei die Leere auf das Sein verwies und die Wirklichkeit auf die Eigentlichkeit der Existenz.
„Hier reifen andere Gedanken heran“,
sagte sich Faustinus in aufrichtiger Bewunderung – war das die fromme Einfalt in stiller Größe?
War diese Lebensform die Quintessenz des geistigen Daseins?


Copyright: Carl Gibson

Götterdämmerung

Schwarze Gewitterwolken zogen auf. Auch der politische Himmel verfinsterte sich. Die unheilige Allianz der Bären und Wölfe wurde mächtiger, nicht zuletzt dank des schlauen Kardinals, der weiterhin höchst geschickt die Strippen zog.
War er der große Puppenspieler in diesem Spiel der Macht? Seine Kunstfertigkeit, subtil Zwietracht zu sähen und zu spalten, sorgte dafür, dass es weiter kontrovers und unruhig zuging im Konzert der Völker, dass die Bösen nicht mehr im Lager der wilden Bergbewohner, sondern in der Welt der Lüfte vermutet wurden.
Divide et impera!
Die Macht, das hatte ihnen allen der Florentiner eingeschärft, musste nicht nur gewonnen, sondern auch erhalten werden – nach innen und nach außen.
Also störte der Geist der Eintracht. Die „Symphonie der Freiheit“ toste nur noch schwach in wenigen Köpfen. Ein paar Musiker, die zugleich auch Philosophen waren, glaubten noch an ihre Mission, alle Kreatur zu versöhnen und alle Welt im „harmonischen Zusammenklang“ zu einen, während die Krieger längst die Säbel schärften.
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“,
postulierte einer ihrer Vordenker – und alles, was Rang und Namen hatte in den Etagen der Macht, pflichtete ihm bei.
Para bellum“, meinte dann nicht ganz uneigennützig der Weißkopfseeadler – und alle anderen Falken und Aasgeier klatschten kopfnickend Beifall.
Nur der Walsesel aus Siebenbergen saß ohnmächtig mittendrin, mit Sorge beobachtend, wie die Könige der Lüfte immer schärfere Dolche schmiedeten, jederzeit bereit, sie einzusetzen wie Cesare Borgia, Armeen auszurüsten und Bären wie Wölfe in einem Krieg vernichtend zu schlagen, wenn das Todrüsten in Friedenszeiten versagte.
Ein alter Kondor, der schon im letzten Krieg manchen Lorbeer verdient hatte, allerdings auf der falschen Seite, hatte diese äußerst wendige „Strategie“ mit entwickelt und war gerade dabei, sie weiter zu optimieren als vor aller Augen Kräfte auftraten, um all dies zu verhindern. „Flexibel antworten“ war angesagt – und wenn es sein musste, im „flexibel response“ alle anderen totschlagen!
Die gurrenden Tauben von Guernica, blökende Schafe, ja selbst ein geläuterter Kondor, in neuen Farben und mit hehren Zielen muckten auf. Zunächst unscheinbar und friedfertig, dann aber umso militanter. „Grün“ wie die Poesie der Romantik war ihr Herz – und ihre Seele war rein wie die Seele eines Kindes vor der Erbsünde.
Vom Frieden sangen sie immerfort mit Blumen im Haar, zur Liebe bereit und nicht zu neuen Kriegen.
Sie lehnten es ab, andere mit scharfen Pfeilen zu verletzen. Dafür warfen einige von ihnen, wenn es ein musste, von aufrichtigem Protest erfüllt mit Steinen, bis aufsteigende Falken dem Spuk ein Ende bereiteten.
Am Rande des Geschehens stand Faustinus, fast wie damals beim Aufruhr in der Wolfsburg – als kritischer Beobachter. Und doch war er auch mittendrin, nur ohnmächtig wie immer.
Wie konnte ein Einzelner dem Verhängnis begegnen, gar diese Entwicklungen aufhalten?
Wo war seine Position in aufgewühlter See; und wo sein Hafen?
Wie sollte er sich verhalten in einem Konflikt, der nicht ganz der seine war? Schließlich hatten ihn nur die Umstände in die Sphäre der Politik gedrängt; nicht der Ruf, noch die Berufung!
Wonach verlangte die Zeit?
Das Volk der Esel war gespalten wie die Tierheit. Vom Gebot der nationalen Identitätserhaltung bestimmt und aus pragmatischen Gründen hatte sich ein Teil der Nation zur immerwährenden Neutralität verpflichtet – obwohl unschwer vorauszusehen war, dass die Ewigkeit manchmal sehr kurz sein kann. Während die Neutralen mit beiden Verehrern kokettierten wie eine Jungfrau, die sich ziert, ohne sich entscheiden zu können, hielten die selbst ernannten Demokraten weiterhin an Utopia fest.
Sie schufteten mit Hingabe am Modell des „neuen Esels“, geschützt von Bären, Wölfen und anderen Hilfstruppen aus östlichen Steppen, während die Esel das Abendlandes sich den Mächtigen der Lüfte verpflichtet fühlten. Ihr Wappentier, der stolze Adler mit den scharfen Krallen, verwies auf die alten Bande.
Der Status quo - Kalter Krieg, ein Zustand, der Unheil bedeutete. Faustinus war einiges bewusst – und nicht nur ihm. Die künftige Konfrontation der Blöcke und somit der nächste große Krieg würde wahrscheinlich im Land der Esel ausgetragen werden, heißer und verheerender als alle anderen Kriege vor.
Esel würden über andere Esel herfallen und sich so lange bekämpfen, bis alles in Schutt und Asche lag. Der Untergang der Esel war ebenso wahrscheinlich wie der Untergang des gesamten Abendlandes!
Und dahinter?
Das Ende des blauen Planeten Erde, der unvergleichlich einmaligen Perle im Weltall?
Der Sylvanier erlebte das Bild des Urknalls in der Vorstellung und sah im apokalyptischen Szenario, wie alle Pracht und Herrlichkeit der Welt in chaotischem Licht aufging. Hinter dem Albtraum keine Lösung! Wie war das Dilemma zu meistern?
Buridans Esel wäre der Unentschlossenheit erlegen. Doch wie handelte ein aufgeklärter Esel der Neuzeit nach den Erfahrungen in tausendjährigen Reichen?
Lieber rot als tot?
Den Wölfen das Feld überlassen?
Die Würde und alle anderen Errungenschaften freiheitlicher Revolutionen ad acta legen? Zum glücklich unglücklichen Sklaven mutieren in der Hoffnung auf einen zugeworfenen Ballen Heu?
Diese Perspektive schied aus, obwohl sie existenzieller Natur war und physisches Weiterleben bedeute!
Was ist ein Esel ohne Würde? Nicht mehr als der Wurm im Misthaufen, wo auch er hätte verbleiben können!
„Wer Aaa sagt“, kombinierte Faustinus,
„muss auch …“.
Er konnte nicht anders!
Er war ein Esel aus Fleisch und Blut, denkfähig, mit Vernunft ausgestattet und sogar noch zu Höheren bestimmt in Geist und Kunst. Durfte er das alles preisgeben – auch die erlebten Erfahrungen von Hetzjagd und Lochs noch dazu? Kraft und Stärke zeigen und alle Schwächeren totschlagen, war das die Antwort?
War die Bestie das Maß aller Dinge?
Oder gab es auch ethische Schranken und moralische Selbstbeschränkungen im Zusammenleben der Tiere?
Große Zweifel stiegen auf, moralische Zweifel und Zweifel existenzieller Natur. Schließlich waren alle betroffen; das Los der gesamten Tierheit stand auf dem Spiel.
 „Ein Spielball in einem undurchschaubaren Gefüge bin ich“,
haderte Faustinus mit sich selbst.
„Einen Tod werde ich sterben müssen! Und ich werde mich entscheiden müssen … wie Herkules am Scheideweg und Buridans Esel vor den Haufen.
Ich werde wählen müssen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, Freiheit und Sklaverei - zwischen Sein und Nichtsein.“
Nur war das Zusammenleben im Tierreich kompliziert geworden, die Entscheidungskriterien komplex.
Was nun?
Rot wollte er nie werden wollen, denn rot war unfrei – aber sterben wollte er auch noch nicht. Gab es da noch einen Steg zwischen Entweder- Oder, einen individuellen Weg dazwischen? Und bestand dieser im geordneten Rückzug in die Wissenschaft und Kunst, wobei das Rückzugsgefecht auch ein sinnvolles Agieren war?
Als vernunftbegabter Esel und aufgeklärter Rationalist versuchte Faustinus sein künftiges Leben erstmals zu planen, obwohl er wusste, das das Leben selbst dunkel und zutiefst irrational war.
„Mophostophiles, wo bist du?“
Hörte man den Ringenden gelegentlich rufen. Doch der Dämon verweigerte sich wie die verborgene Gottheit dahinter. Kein „Deus ex machina“ nahte, um den Zweifelnden zu erlösen. Je übermächtiger die Skepsis wurde, desto deutlicher schwand Faustinus’ Interesse an der großen Politik und an diplomatischen Missionen. Weltengrauen kam auf. Bald hieß es für ihn nicht mehr: Umwertung aller Werte und Neuwertung aller Werte, sondern nur: Gibt es eigentlich noch einen Wert, der die Existenz mit Sinn erfüllt - oder ist die gesamte Wertestruktur bereits zusammengebrochen?
Ein gewichtiges Problem mit existenzieller Tragweite – für alle!
War alles eitel, war alles nichts – sinnlos, ganz egal, was man tat und wie man handelte?
Schwärzester Nihilismus umwehte sein Gehirn. Er fragte hier und fragte dort; doch nichts, was er in den hehren Hallen der Geistesschmieden vernahm, hatte etwas mit dem tatsächlichen Leben zu tun und mit der Welt, in der er lebte. Die Scheinphilosophie stand in Blüte, sie wucherte, log und stahl sich an der Verantwortung vorbei.
Ekel kam auf, existenzieller Ekel, ein Gefühl, das Faustinus bisher noch nicht erlebt hatte.
War dies die Frucht der höheren Erkenntnis. Hatte Schopenhauer doch recht, wenn er meinte, der Intellektuelle leide am meisten – und alles bewusste Leben sei Leiden?
Die Liebe drohte zu verfliegen – und Gott war weit. An was sollte ein armer Esel noch glauben, worauf hoffen in dieser verfahrenen Weltlage?


Copyright: Carl Gibson

Eine große Liebe und ein großes Unglück

Der Zeit des Wiederfindens folgten viele Tage der Wonne  – zwei junge Eselskinder in totaler Freiheit in der Idylle des Locus amoenus … - eine unbeschreibliche Situation. Und die gestrenge Eselsmutter war weit. Faustinus vergaß nun das erste Mal in seinem kurzen Leben für eine längere Weile alle seine großen Ideen und verlor sich im Taumel der Gefühle.
Kurz nach der Ankunft am schönen Ort hatte er mit der Niederschrift einer „Abhandlung über die Freiheit“ begonnen. Er behandelte darin die hohe Idee als großes „Thema mit Variationen“ und lotete alle Spiegelungen, Nuancen und Facetten des Freiseins von etwas und der Freiheit zu etwas so lange aus, bis die Euphorie verflogen und der Rausch verrauscht war.
Nunmehr aber legte er die graue Theorie zur Seite und schrieb genauso vernünftig und nachvollziehbar über des Lebens grünen Baum – er verfasste einen „Traktat über die Liebe“!
Liebe, Freiheit, Nächstenliebe! Das waren jetzt seine großen Themen – und hinter allem lockte Kunst, die Poesie und als unmittelbare Offenbarung des Göttlichen: die Musik. Sie sollte sein eigentliches Feld werden. Und da er inzwischen erkannt hatte, dass ein Liebeglück nicht unendlich ausgedehnt und erhalten werden kann, beschloss er dem flüchtigen Augenblick etwas Ewiges entgegenzustellen, etwas Sinnsetzendes, was lange Zeit anhielt, was ihn erfüllte und stärkte und auch den anderen nutzte, ein Kunstwerk!
Am besten gleich ein Gesamtkunstwerk! Geist und Poesie sollten zusammenfließen, sich mit der Musik verbinden, um dann, im alchemistischen Prozess zur höheren Wahrheit zusammengeschweißt, die empfindsamen Seelen der Esel zu erreichen und irgendwann auch ihren Verstand.
Die Theorie des Ganzen begründete er in einer eigens abgefassten neuen „Ästhetik“, aus der für jedermann ersichtlich war, dass seine ideelle Substanz über das System hinausging und mit offenen Strukturen arbeitete, die nicht zufällig waren, sondern streng durchdacht wie die „Kunst der Fuga“, die er immer wieder auch außerhalb der Musik hatte beobachten können.
Faustinus hätte alles auch einfacher angehen und eine kleine Fabel schreiben können unter dem Titel: „Ein Esel unter Wölfen“, ganz nach dem Motto: In der Kürze liegt die Würze! Oder, mit etwas mehr Mühe und Denkarbeit und frei nach Pico della Mirandola, eine Abhandlung: „Von der Würde des Esels und von seiner Mittelpunktstellung im Kosmos“.
Auch hätte er ein Märchen verfassen können mit einem nie einsamen Helden, mit einem ewig gut gelaunten Esel, der Dukaten spuckte, wenn man richtig an seinem Schwanz zog, über einen „glücklichen Goldesel“, der andere Esel magisch anzog – der keinen Schmerz kannte und keine Melancholie. Oder er hätte auch einen „modernen Eselsroman“ verfassen können, einen „historischen Eselroman“, in welchem ein wahrhaftig existenter Esel über die Zeit reflektiert. Damit hätte er sicher eine „neue literarische Gattung“ begründet, die die Zeit und das Denken der gelehrten Esel an den Akademien des Landes auf Jahrzehnte schwer beansprucht hätte.
Doch nein!
Faustinus wollte dem großen Zauberer nacheifern und ein Gesamtkunstwerk hervorbringen, wie es die Eselheit noch nie gesehen hatte!
Wahnsinn war das!
Das war seine Hybris!
Und gar sein Untergang?
Doch danach fragt ein Genie nie. Es handelt, weil es nicht anders kann. Also machte sich der angehende Tonsetzer an die Arbeit. Faustinus arbeitete in einsamer Abgeschiedenheit manchmal rund um die Uhr wie ein Getriebener und bis in Tiefe der Nacht hinein - so intensiv und lange, bis Arabella, vom ewigen Summen und den Selbstgesprächen aufgeschreckt, missmutig wurde und aufschrie:
„Mach das Licht aus und komm her ins Bett!“
Manchmal erwartete die Unersättliche vom ihm Dinge, die er nicht leisten konnte. Der ewig potente Esel des Mythos war eine Sache, die Realität des tatsächlichen Lebens war eine andere.
In Studien vertieft und mit großen Entwürfen beschäftigt, plätscherten ein paar Jahre dahin. Während der Liebende ganz nebenbei an den höheren Schulen des Landes nach der Weisheit suchte und nach einem höheren Sinn, ohne auch nur eines von beiden zu finden; während er, zum stattlichen Esel heranreifend, immer noch versuchte, aufklärend und ethisch handelnd die Welt zu verbessern, ganz nach der alten Überzeugung, jeder wahrhaftige Esel, der sie betrete, müsse etwas zu ihrer Vervollkommnung leisten, bevor er wieder abtrete, ganz egal in welchem Bereich, spielte Arabella verträumt auf dem Klavier, lies die Saiten der Harfe erklingen und ganz selten gar die eigene Stimme.
Wie oft hatten böse Zungen behauptet, Esel könnten überhaupt nicht singen. Arabellas Gesang war die Gegenprobe, die das Gerücht als grobes Vorurteil entlarvte. Kein lieblicheres I-Aaa war je an ein Eselsohr gedrungen, als an dem Tag, an dem Arabella zu ihrem Harfenspiel sang. Als Liebende auf die Minne gelenkt, las sie Troubadourlyrik und die einsamen Verse eines Walter von der Vogelweide; sie studierte die Einsamkeiten in Vincents Farben, ferner Rembrandts Schatten und Licht und vieles von großen Meistern anderer Kunstrichtungen mit so viel Eifer, dass ihr schon bald dabei die Lust am Studieren verging.
„Die Kunst macht traurig“,
folgerte sie eines Tages voller Resignation.
„Nicht Erhöhung und Aufstieg leistet die Kunst, sondern vielmehr den Niedergang führt sie herbei!
Wer sich mit einer Künstlerseele einlässt, ist selbst dem Untergang geweiht!“
schloss sie bald darauf und blickte argwöhnisch zu dem Verliebten hin, der gerade am Kopfsatz seiner großen „Freiheitssymphonie“ arbeitete, die dem Gesamtkunstwerk als Ouvertüre vorangestellt werden sollte. Allmählich hatte sie das Gefühl, links liegen gelassen zu werden. Nicht mehr der Muse galt die Muße, sondern nur noch der Kunst. Sie kam sich missachtet vor und unnütz wie das „fünfte Rad am Wagen“, vor allen dann, wenn Faustinus Freunde kamen, Freidenker und Künstler aller Art. Was wurde da aus ihrer eigenen Individualität?
War sie, die kreative Diva mit den vielen Kunstfertigkeiten, weniger wert als ein abstraktes Kunstwerk, das doch nur aus Ideen bestand und verirrten Emotionen?
Wie konnte dieser Esel von Welt, der einst ein feuriges Vollblut war, strotzend vor Sinnlichkeit und Vitalität, jetzt Fleisch und Blut derart verachten und sich auf einmal nur noch dem Wohlklang hingeben und dem Schönen Schein?
Was sollte das Geschwätz von der göttlichen Offenbarung über die Musik?
Konnte Musik wirklich Ideen transportieren und Programme?
Eine „Symphonie der Freiheit“?
Welch ein Hohn!
Mehrfach versuchte Arabella den Getriebenen von seinem unseligen Tun abzubringen, seine Manie zu bremsen und zu heilen. Sie bemühte Argumente und alle ihre Reize. Doch Waldesel Faustinus blieb stur und bei seiner Kunst, die er nicht stärker liebte als die Angebetete im Stroh, sondern nur anders.
„Erst die Verbindung der Liebe zum Nächsten mit der Liebe zur fernen Welt der Kunst macht wahrstes Eselsein aus!“
postulierte er versöhnend, um die aufziehenden Eifersüchteleien zu entkräften. Doch es half nicht mehr viel. Arabella verfiel den Heimsuchungen der Desillusion. Zunehmend sah sie die Welt nüchterner und sich selbst zum Handeln gezwungen. Es musste endlich Schluss sein mit den Irrationalismen und Fantastereien!
Eines Tages, als der poetische Tonsetzer auf der Suche nach neuer Inspiration im Wald unterwegs war und dem Gesang der Vögel lauschte, fasste sich Arabella ein Herz, riss die fast schon vollendete Partitur an sich und warf die „Symphonie der Freiheit“ kurz entschlossen in den lodernden Kamin.
Als Liebende musste sie den Dahinsinkenden vor dem Verderben bewahren; retten musste sie ihn; und ihn zurückholen in die Realität der tatsächlichen Existenz, denn die Kunst, das fühlte sie immer deutlicher, war kein Spiel mehr und kein gelinder Zeitvertrieb, sondern bitterster Ernst und Untergang.
Dann wäre sie mitgerissen worden in den Strudel!
Also rettete sie sich, indem sie ihm die Rettung nicht versagte – schließlich ist „alles was entsteht, auch wert, dass es zugrunde geht“, sagte sie sich und stocherte dabei wild in der Glut. Als der Tondichter kurz darauf das Zimmer betrat, konnte er gerade noch entsetzt dabei zusehen, wie die Flammenzungen den letzten Rest seines Schaffens verzehrten und alles zu Asche zerfiel.
„Was hast du getan, Unglückliche!“
schrie Faustinus auf, als er sah, dass der Teufel nun auch die Komposition geholt hatte:
„Mein Lebenswerk ist zerstört!
Nie mehr werde ich die gleichen Motive auf die gleiche Art gestalten können!
Einmal umgesetzt, sind alle Ideen verraucht; verloren sind sie und unwiederbringlich für alle Zeiten zerstört!
Mein Werk ist mit dahin!
Mein Schaffen und meine Lebenszeit, die endlich ist wie die Kraft meiner Jugend!
Ein alter Esel schafft solch Werk nicht mehr, wie ich es der Eselheit geschenkt hätte!
Mich hast du mit zerstört!
Denn was bin ich ohne mein Werk, das auch anderen gesagt hätte, wer ich eigentlich bin?“
Ja jammerte Faustinus und raufte sich die Haare. Die Seele hatte man ihm aus dem Leib gerissen, sein Innerstes zerstört! Was wussten andere vom Verlust des Kreativen, vom Schmerz des Verlustes?
„Gerettet habe ich dich, Unseliger!
Und dem Erblindeten gab ich zurück der Augen Licht“
rechtfertigte Arabella ihre Tat. Tiefstes Pathos erfasste sie und das bittere Leid einer verkannt Liebenden, der bald in Verbitterung umschlug. Faustinus merkte den Wandel wohl, konnte ihn aber nicht deuten. Zu groß war der eigene Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust, der seine gesamte Existenz aus den Angeln zu heben schien.
Verzweiflung umgab ihn und Todessehnsucht. Von der Stunde an nahm ihn eine dunkle Melancholie gefangen und ließ ihn lange Zeit nicht mehr los. Die Schwermut lähmte sein Denken und Handeln fast vollkommen bis zu jenem Tag, an dem Arabella an ihn herantrat und gefasst sagte: „Entscheiden musst Du Dich – und wählen musst Du zwischen mir und deiner Kunst!
Unter deiner Kunst habe ich nur gelitten!
Sie bedeutet mir nichts mehr!
Bin ich nicht mehr wert als der Schöne Schein?
Aus der Tiefe meiner Seele hasse ich deine Musik und abgrundtief hasse ich auch …“
Faustinus hatte genüg gehört. Hinausrasend schlug er die Tür hinter sich zu.
Wie unergründlich war sie doch, die Liebe?
Und wie sehr glich sie der dunklen Melancholie: himmelhochjauchzend – und zutodebetrübt!
Bald danach fiel Faustinus wieder zurück in Traurigkeit und Apathie, unfähig einen lebensbejahenden Gedanken zu fassen. Der milde Thanatos stand ihm jetzt näher als der wilde Eros. Rosa war seine Welt nicht mehr; und auch nicht einmal grau, sondern nur noch schwarz wie die Galle der Alten.
Die Rosen waren verblüht und lagen welk am Boden. Die Liebe hatte einen hässlichen Riss bekommen wie der samtene Vorhang am Fenster. Die schönen Tage waren dahin wie die göttliche Harmonie, die alles bisher ganz ausgefüllt hatte.
Eine Liebe war dahin, die eine große Liebe war. An ihrer Stelle zog etwas auf, was unbegreiflich schien: der Hass!
Nackter Hass stellte sich ein, eine Emotion, die der Esel nur aus der Welt der Inquisitoren kannte und aus der Kehle der Hetzer im Propagandaministerium.
Aus Liebe und Hass sei die Welt entstanden, lehrte einst ein Philosoph in grauer Vorzeit. Inzwischen hatte der Hass die Liebe eingeholt und gar überflügelt?
Gestern noch lagen sie sich in den Armen, träumten, liebkosten und beschnupperten sich. Und heute - war das Parfüm verflogen!
Arabella konnte ihren über alles geliebten Faustinus nicht mehr riechen! Der Duft verkehrte sich zu Gestank.
Und das alles vielleicht nur deshalb, weil die auf Fortpflanzung bedachte, allkluge Natur es so eingerichtet hatte?
Die Macht der Gene war stärker als die Seelenwelt – und Ekel kam auf, wo sonst Lust war.
„Die Natur, die Natur“,
 jammerte der sensible Faustinus und erkannte, dass auch er äußerlich determiniert war, und dass auch sein Glück fremdbestimmt war von einer Allmacht, die keine Rücksicht nahm auf seinen freien Willen und auf sein innigstes Gefühl. Der blinde Fortpflanzungstrieb war stärker als jedes höhere Streben, und jeder Edelmut und forderte gnadenlos Tribut.

Tief gekränkt und enttäuscht horchte der Gescheiterte in seine Seele hinein überprüfend, ob er genauso abgrundtief hassen oder ob er überhaupt hassen konnte. Doch er fand nichts, was an Arabella abstoßend oder gar Ekel erregend gewesen wäre.
Und er fand auch keinen Hass. Das Gefühl war einfach nicht da, das sich gegen das geliebte Wesen und gegen andere gekehrt hätte. Selbst sein Denken war nicht in der Lage, Hass hervorzubringen, obwohl es gute Gründe gab, zu hassen.
„Vielleicht können bestimmte Charaktere überhaupt nicht hassen“,
folgerte Faustinus,
„wie andere nie zu wahrer Liebe fähig sind“.
Angeschlagen und geschwächt zog er sich in den eigenen Schmerz zurück, gab sich ihm hin und trauerte.
Große Werte hatte er eingebüßt, die Liebe und das momentane Glück - und das Grundvertrauen in die Welt dahinter. Unglücklich war er nun und seelenkrank. Unermessliche Verluste waren das, gute Gründe, lange zu trauern und tief.
Getröstet wurde er nur noch von weisen Gedanken der Philosophie, die fast alles zu erklären wusste, von der mitleidenden Poesie und von der göttlichen Musik, in die alles einmündete, Lieb und Leid, Trost und Schmerz, und die ihm mehr bedeutete als jede Offenbarung.


Copyright: Carl Gibson

Wie Faustinus Arabella wieder fand und was dann geschah

Der Staat meinte es auch sonst gut mit dem jungen Waldesel. Die Zeit der Reifeprüfung sollte er an einem schönen Ort verbringen, als Kompensation für die Qualen im Loch vielleicht; hoch über dem See, in einer vornehmen Schule im Schloss, mitten unter Reben und Rosen.
„Erst wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist zu sublimerer Leistung fähig“,
kombinierte Faustinus, als er von den Weinhängen hinab sah auf die Schifflein im See und den Blick schweifen ließ über die weißen Bergzinnen des Nachbarstaates, wo seit Jahrhunderten Esel lebten, weiße Esel, die jeder Eselei geschickt aus dem Wege wichen.
Nur war der junge Streiter aus Siebenbergen nicht der einzige Gast im neuen Schloss. Es gab da noch andere Esel, die von weit her angereist waren, aus den schlesischen Gruben und den böhmischen Wäldern, aus der fernen Puszta und sonst woher; alles junge, gut aussehende, viel versprechende Esel, Männlein und Weiblein – eine Elite der Eselheit, zart und unverdorben wie die schöne Natur des Umfelds. Jeder aus dem Kreis der breiten Eselsverwandtschaft, die dank einer Laune der Geschichte über den halben Heimatkontinent verstreut worden war, brachte ein paar Eigenheiten mit und sein überaus individuelles I – Aaa. Faustinus hätte nie gedacht, dass den vielen Facetten und Nuancen des I – Aaa – Sagens, noch unendlich weitere hinzugefügt werden konnten.
Plötzlich erstarrte Faustinus fast zu Stein – doch nicht von Medusas Anblick getroffen, sondern von den Äuglein eines rotbackiges Mädchens erspäht, das grinsend vor ihm stand wie ein Engel im Rubensgemälde – prall wie das Leben selbst: Arabella!
Die gütige Vorsehung hatte es so gewollt und das allmächtige Schicksal, das sein Traum wahr wurde – sie war wieder da, Arabella, die Quintessenz und ultimative Inkarnation der Idee von Ewig Weiblichen! Der Traum war Realität geworden. Die Faustina seiner Sehnsucht stand nun leibhaftig vor ihm. Zutraulich lächelte sie ihn an, sichtlich erfreut, dem Fahrenden aus dem Zug wieder begegnet zu sein.
Es war das Wiederfinden verwandter Seelenhälften – und  es erinnerte an die Märchenwelt der Oper, wo er den göttlichen Namen zuerst vernommen hatte.
Arabella! Reinste Rauschpoesie!
Auch Esel kennen die Liebe auf den ersten Blick. Und auch Esel können sich nicht dagegen wehren, wenn Eros waltet und wenn Cupidos Pfeil trifft.
Wie viel gab es jetzt zu bereden!
Die stille Romanze im Zug war in nonverbaler Kommunikation verraucht. Doch die Blicke hatten ausgereicht, um tiefer schlummernde Gefühle zu wecken und Regungen von Psyche und Soma, von welchen beide damals noch nichts ahnten.
Im vertrauten Gespräch unter Weiden am See erfuhr der vor Selbstbewusstsein strotzende Jungesel erstmals den vollen Namen der Angebeteten.
Arabella Asinus hieß sie mit vollem Namen; und sie stammte aus Aresberg, aus einer stets wehrhaften Festung, die nicht allzu weit von dem heimatlichen Eselsburg entfernt war. Also waren sie eigentlich Nachbarn, freundschaftlich verbundene Wesen, fast wie jene Königskinder, die sich so lieb hatten und tragischerweise doch nicht zu einander finden konnten.
Ursprünglich, doch darüber schwieg Arabella, hießen ihre noblen Vorfahren väterlicherseits noch ganz profan „Esel“, bevor sie sich, um der schnellen Karriere willen und aus einer Mode heraus, das latinisierende „Asinus“ zulegten. Das machte jetzt aus ihr eine Dame von Welt und von edelstem Geblüt: Arabella Asinus von Aresberg! Konnte da ein junger Esel, der in seinem Innersten fern der Kabbala verpflichtet war, dem dreifachen Aaa widerstehen – und der Poesie dieses Aaa? Halb zog sie ihn, halb sank er hin … in ihre Arme und an ihre Brust … und er verweilte dort längere Zeit.


Copyright: Carl Gibson

Der Rat der Tiere

Viele Wochen reiste Faustinus durchs Land. So sah er noch mancherlei und begegnete den unterschiedlichsten Tieren, die zumeist sorgenlos und vergnügt in den Tag lebten.
Das „Glück der größtmöglichen Zahl“, ein Staatsziel, an dem im Staat der Wölfe noch eifrig gearbeitet wurde, schien in diesem Eselstaat bereits Realität zu sein; auch ohne Parolen von Freiheit und Sozialismus. Diese Esel hier hatten die Wahl gehabt – und sie hatten gut gewählt, als sie sich für die Freiheit und gegen die Knechtschaft entschieden. Die Freiheit, von der nicht nur die Philosophen redeten, war etwas, was da war und was jedermann überall spüren konnte. Und es war gut, dass es so war, auch wenn die Freiheit ein gefährliches Gut war.
Hatte der Kardinal mit seiner sophistischen Wendung, die Welt sei überall schlecht, nicht doch maßlos übertrieben?
Die selbstzufriedenen Gesichter der Tiere gaben ihm nicht recht; und die vielen Formen positiver Freiheit, die Faustinus nacheinander alle hätte erfahren und ausleben können, auch nicht. Freiheit an sich bedeutete schon Glück! Aber etwas daraus zu machen, sich zu verwirklichen, das konnte zum großen Glück führen. Früher hatte er etwas davon erahnt; jetzt fühlte er, dass es tatsächlich so war.
Endlich konnte er tun und lassen, was er wollte und ihm richtig erschien! Wer hätte ihn hier und jetzt daran gehindert, sich in den Wald zurückzuziehen und als frommer Eremit ein gottgefälliges Leben zu führen, bis in die Stunde des Todes?
Niemand hatte etwas dagegen.
Keiner warf ihn deswegen in ein finsteres Loch; keiner zwang ihn, arbeiten zu verrichten, die er nicht wollte und für die er nicht bestimmt war.
Hier musste er, der angehende Intellektuelle, keine Latrinen reinigen und auch sonst keine Tätigkeiten ausüben, die seiner Würde widerstrebten.

Faustinus wollte sich gerade zunehmend mehr um die eigenen Dinge kümmern, sein Leben planen und das große Glück, als ein konservativer Eselspolitiker an ihn herantrat, um ihn in die Pflicht zu nehmen. Das nationale Interesse, allgemeine Prinzipien der Moral und der Geist der Zeit verlangten danach, dass ein Entsprungener auch vor Gericht aussage und über seine Erfahrungen im Wolfsstaat berichte; dass er nicht schweige, sondern rede über die Diskriminierung der Eselsverwandtschaft und der vielen anderen Minderheiten im finsteren Osten; dass er über Tierrechtsverletzungen berichte und über allgemeine Verstöße gegen die ungeschriebene Charta Tiere überhaupt. Der höhere Kodex der Tierheit verlange danach, ein ethisches Paradigma, das nach dem letzten großen Kriege für alle verbindlich eingeführt worden sei. Der Wille zur Macht einiger Auserwählter und Starker solle von Anfang begrenzt, ja unterdrückt werden, auf dass es künftig keine Übertiere mehr geben würde, sondern nur noch Gleiche unter Gleichen, ganz egal ob sie körperlich groß waren oder klein.
Ein Tribunal sollte einberufen werden am Sitz des Tierrats in der nahen Bergrepublik, in der schönen Stadt am See. Prinzipielle Dinge sollten dort angesprochen, existenzielle Fragen, die alle Tiere betrafen; über Freiheit sollte geredet werden, über Recht und über Gerechtigkeit. Vielleicht auch über die tierische Würde und das Glück.
Konnte ein Pflichtethiker da Nein sagen und sich aus der Verantwortung stehlen, wo es um höhere Prinzipien ging – und um das künftige Glück der Vielen dahinter?
Die Freiheit verkam, wenn sie nicht erhalten wurde, indem man für sie stritt. Das war Faustinus seit langer Zeit bewusst. Also wusste er auch, was er jetzt zu tun hatte, selbst wenn der „lange Arm der Revolution“ drohend und vergeltend nach ihm greifen sollte.


Bald war es soweit. Die Abordnungen der Tiere reisten an aus aller Welt und Faustinus aus der Republik der Esel. Die Lebensgeschichte des Sylvaniers war bald erzählt. Wie schon so oft, berichtete er ausführlich von der heilen Welt der geborgenen Kindheit im Stall, von der Reise, von den Bedingungen und Umständen des Widerstands im Wolfsstaat, vom Bau des Schutzwalls mit den scharfen Palisaden und des Wassergrabens zum Meer, vom Alltag der Tiere, von der Jagd nach dem Knochen, von Pawlow, vom berechtigten Aufruhr der Entrechteten, von den Schutzflehenden und von den trüben Erfahrungen im Loch. Faustinus schilderte fast alles aus der Sicht des Augenzeugen, der einiges gesehen und auch manches auf der eigenen Eselhaut gefühlt hatte. Die meisten Tiere im Plenum hörten fasziniert zu. Grauen und Staunen vermischten sich in ihren Gesichtern. Andere wirkten fassungslos apathisch.
Doch ein paar verneinende Geister glaubten ihm nicht und schrien aufgebracht dazwischen:
 „Lügner“,
kläffte ein Schakal:
„Das ist doch alles nur ersponnen und erdichtet. Es gibt keine Tierverletzung im Staat der Wölfe. Ich selbst war einmal dort und bin recht trefflich bewirtet worden. Wölfe sind großartige Geschöpfe. Und jeder Rechtsbruch liegt ihnen fern!“
Die Hyänen klatschen zustimmend Beifall; nicht anders die Chamäleons und Warane im Saal, die Wendehälse, die Basilisken und die Harpien. Der sylvanische Esel war für sie Partei – und er redete nur über Dinge, die andere Esel hören wollten.


Eine Marionette war er in ihren Augen, ein Popanz, der tanzte, weil der Puppenspieler geschickt an den Fäden zog, ohne dass der tumbe Tor das Spiel durchschaute.
Faustinus aber fühlte sich frei – und nur der Wahrheit verpflichtet, der ganzen Wahrheit, zumindest der eigenen Perspektive.
Andere Tiere ereiferten sich und riefen wild dazwischen, fast wie damals in der Wolfsburg, als der Protest der Tiere losbrach.
Meinungen gab es viele im Gremium. Jede Abordnung hatte eigene Vorstellungen, wie mit den angeblichen Tierrechtsverletzungen im Wolfsstaat ungegangen werden sollte.
„Wir müssen sie anprangern! Und wir müssen es einem ausgewogenen Tribunal überlassen, sie zu sanktionieren oder sie zu verurteilen!“
meldete sich ein Falke, der schon früher eine Konferenz für Tierrechte ins Leben gerufen hatte.
Der große Kondor hinter ihm nickte zustimmend. Und auch andere Tiere pflichteten ihm bei.
„Freiheit und Brüderlichkeit!“ quakten selbst die Frösche.
„Und Selbstbestimmung und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“,
hielt die Hyäne erneut dagegen.
Grüppchen formten sich und kleine Parteien. Die einen waren pro, die anderen waren kontra – wie im richtigen Leben.
Plötzlich durchschallte lautes I – Aaa den Raum. Es klang schrill und kontrovers. Jeder der Eselsstaaten hatte einen Abgesandten geschickt, um seine Interessen zu wahren und die Prinzipien der eigenen Weltanschauung in aller Öffentlichkeit zu verteidigen.
„Frei nur ist, wer von seiner Freiheit Gebrauch macht!“ meldete sich ein Bergesel aus der heimischen Alpenregion, der genau wusste, wie man in der Auseinandersetzung mit den Mächtigen der Welt an der eigenen Freiheit festhält und am kleinen Glück. Dabei beruhigte ihn die gespannte Armbrust im Schrank und an die scharfen Pfeile im Köcher, die anders trafen als Cupidos Geschoss.
„Aber nur unter der Wahrung immerwährender Neutralität“
schränkte ihn ein anderer Esel aus der benachbarten Residenz ein. Faustinus horchte auf.


Diese unverkennbare Stimme mit dem prägnanten I –Aaa- Zungenschlag und dem unverkennbaren Schmäh hatte er doch schon einmal vernommen.
Und tatsächlich. Der vornehme Herr aus dem Park mit dem roten Kulturstrick am Hals versuchte hier wirklich, die Lage zu entkrampfen und auf Entspannung zu setzen. Nach der letzen großen Eselei war Völkerverständigung angesagt, nicht Konfrontation. Sicher gab es irgendwo die Möglichkeit eines Kompromisses, eine Lösung, die alle Seiten das Gesicht wahren ließ? Denn das Gesicht verlieren wollten weder Wölfe noch Bären. Schließlich waren sie daran gewöhnt, nur Andersdenkende an den Pranger zu stellen und abzuurteilen.
Letztendlich wunderte es den Waldesel aus Siebenbergen nicht mehr, als die Delegierten der „Replik der guten Esel“ gegen eine mögliche Klageerhebung votierten und die so genannten „bösen Esel“, die ihm Asyl gewährt hatten und eine neue alte Heimat, dafür stimmten.
Die Welt der Tiere war gespalten, vielfach gespalten. Es gab eine kalte Hemisphäre und eine warme; es gab Tiere mit wenig Futter und Tiere, die im Überfluss lebten; es gab ein „Reich des Bösen“ und ein „Reich des Guten“.
Wer, wo angesiedelt war, das war strittig.
Je nach Perspektive veränderten sich auch die Wahrheiten und die Bewertung der Wahrheiten.
Welcher Staat war wirklich neutral, welcher wahrhaftig demokratisch? Und hatten die scheinbar Guten endgültig den Verbrechen entsagt, für die sie die Bösen von Gestern angeurteilt hatten?
Faustinus wusste es nicht! Aber er hoffte, dass es so war, weil er als Idealist alter Schule den Glauben an das Gute aufrechterhalten wollte. „Wenn mir die große Liebe versagt bleibt, dann klammere ich mich immer noch an Glaube und Hoffnung“,
sagte er sich der Esel und fuhr fort, seine Version zu erhärten.
Obwohl der Botschafter der Bären heftig mit einem Holzpantoffel auf das Pult haute und lauthals „Nein“ schrie und „Veto“ wie die alten Römer, bildete sich eine große Mehrheit in der großen Vollversammlung des Tierbundes, die für eine Weiterverfolgung der Anschuldigungen stimmte. Die realistische Schilderung der Hetzjagd, des Aufruhrs und der Marter im Loch, den die vielen verwandten Tiere und Artgenossen ausgesetzt waren, hatte ihre Herzen erreicht. Mitleiden reichte nicht mehr aus, um Probleme zu lösen. Konkretes Handeln war angesagt, auch wenn das noch mehr Spannung schuf und aus einem kalten Krieg bald einen heißen machen konnte.
Prinzipien konnten nicht einfach so auf dem Altar der Unfreiheit geopfert werden.
Bevor Anklage erhoben wurde, sollte, als kleinstgemeinsamer Nenner und möglicher Kompromiss, eine Untersuchung angesetzt werden, die mehr Transparenz und Offenheit versprach. Mit diesem Zwischenergebnis im Gepäck schied der Sylvanier aus der schönen Stadt am See mit der Fontäne, die in das Licht des Himmels schoss, der Sonne entgegen.
Während Kommissionen tagten, Briefe hin und her gingen, während alle Welt auf einen Leitwolf blickte und auf die politische Kunst, mit welcher der Gefräßige sein armes Land regierte, schiffte sich Faustinus ein und reiste auf dem großen Alpenstrom hinab zum Meer, wo er Einkehr hielt und über viele Dinge nachdachte.
Er hatte seine Schuldigkeit vorerst getan, als Esel und als Tier; und er hatte sein Gewissen erleichtert, einem höheren Zweck verpflichtet. Je mehr Licht hinter die Mauer fiel, desto instabiler wurde die Welt der Dunkelheit.
Die Spechte hämmerten. Allmählich wurden die Löcher durchlässiger und manche Tiere freier.


Copyright: Carl Gibson

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