Freitag, 31. Dezember 2010

Widerstandsrecht und Widerstandspflicht - Ethische Reflexionen im Loch

Obwohl staatliche Willkür Faustinus nicht ganz verschont hatte, war sein Schicksal bisher recht gnädig verlaufen. Erst jetzt wurde es ernst hier im finsteren Kellerloch, aus dem es kaum ein Entrinnen gab.
Wer hier ankam, durfte alle Hoffnung fahren lassen – er war verloren, wenn nicht noch ein Wunder geschah.
Die Zelle war feucht und kalt. Allein kauerte Faustinus in einer Ecke, abgeschnitten von den anderen Protestlern, die vielleicht noch unglücklicher waren als es selbst.
Dann und wann waren Tierlaute zu hören, schwaches Gewinsel und Gejammer, traurige Töne, die durch den Kerker hallten.
Was nun? Während die Stunden ereignislos dahin strichen, versuchte der gebremste Recke sich auf die neue Situation einzustellen, so gut es ging. Er hatte überlebt – das war immerhin etwas. Die Zunge, Maul und Rachen fühlten sich ausgetrocknet an; der Magen knurrte.
Wo blieb das kostbare Nass aus der Quelle, ohne das auf Dauer selbst ein Esel nicht überleben konnte?
Und der Hafer, die Gerste und das Heu?
War es der Hunger, der sie hier dezimieren sollte?
Eine noch tiefere Nachdenklichkeit überkam den Sylvanier beim Anblick der vielen kleinen Wunden am Körper, für die es kein Balsam gab. Bedeuteten sie ein baldiges Ende?
„Nur gut, dass wir Esel von Natur aus duldsam sind und zäh. Wahrhaftig, die Stoiker unter den Tieren sind wir – und das bisschen Askese darf uns nichts ausmachen.
Esel können manches ertragen und noch lange ausharren, wenn andere bereits verzweifeln. Indem ich nicht verzage, werde meinem Geschlecht Ehre machen, selbst wenn es die Wölfe in Rage bringt“,
spornte er sich selbst an.
Als Faustinus einst im zarten Kindesalter an der Krippe auf einem Happen Heu herum kauend das Lesen und Sinnieren für sich entdeckt hatte, war noch nicht absehnen, wozu die vielen Maximen und Aphorismen der Alten je gut sein sollten. Jemand hatte die Sentenzen hoch oben an der Schuppendecke ins Holz geritzt wie Montaigne – und der kleine Faustinus hatte sie begierig aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Lange hatte er dann auf einzelnen Sätzen herumgekaut, manches gar wiedergekäut, bis alles bestens verdaut worden und verstanden worden war, bis die Weisheiten ihm nicht mehr eine Last waren, sondern zum Segen.
Nun, wo die Gier des Fressens längst überwunden war und mit ihr auch andere niedere Formen der Lust, verfügte Faustinus über die Fertigkeit, fast nur noch in geflügelten Worten zu reden, ohne befrachtet zu sein wie andere Esel.
Ein ethisch fundiertes Ethos bestimmte sein Denken und Handeln.
Hier, in Ketten, konnte er den Wert des angehäuften Wissens konkret überprüfen und existenziell feststellen, was davon graue Theorie war und was tatsächliche Substanz.
Würde die Idee des Freiseins auch aufrechterhalten werden können, wenn Daumenschrauben angesetzt wurden?
Bei manchem Denker der Antike waren philosophische Aussagen durch Erfahrungen aus dem tatsächlichen Leben gedeckt; bei den neueren weniger. Zenon, Aristoteles, Seneca - sie alle hatten die Bitterkeit der Verbannung erlebt, das Ausgestoßensein und das Gezeichnetsein. Ihren Essenzen vertraute Faustinus deshalb am meisten.
Doch was war mit der eigenen Lebenserfahrung?
Sie musste trotzdem selbst gemacht werden – und zwar auch hier an einem freudlosen Ort, in dieser Alma Mater der Katakomben! Das irdische Jammertal bot einen guten Einstieg dazu. Hier im Loch war der vielfache Schmerz greifbar und die alles beherrschende Angst.

Felix, sein Lehrmeister in vielen Dingen, hatte ihn frühzeitig mit dem Denken der Alten vertraut gemacht, mit dem Licht der Antike, mit Epikur, mit Seneca, mit den Verbannten jener grausamen Zeit, mit dem äußerlich so schlichten Sokrates ebenso wie mit dem noch weitaus genügsameren Diogenes von Sinope, dessen Gestus oft stärker wirkte als Tausend Bände abstrakter Literatur.
Nichts weiter brauchten diese Einsamen, Ausgesetzten und Zwangsexilierten zum Überleben als ihren freien Willen und die Freiheit der Gedanken, die selbst in Ketten noch frei blieben. Die Freiheit des Willens, Gott als das Gute und Gerechte im Herzen und die Gestirne über dem Haupt, das machte das wirklich freie Tier aus, auch im finstersten Keller.
Die Gestirne am hohen Himmel, den eigenen Leitstern und den gütigen Vater hinter den Wolken konnte Faustinus zwar nicht sehen, aber er ahnte ihre Anwesenheit, fest überzeugt, dass sie da waren und an seinem Schicksal teilhatten. Diese Gewissheit bewahrte ihn vor letzter Verlassenheit.
War die Welt – trotz gelegentlicher Heimsuchungen des Bösen in vielen Erscheinungsformen – im Grunde gut und sinnvoll eingerechtet, dann konnte auch jederzeit ein „Deus ex machina“ eingreifen und ihn wie all die anderen Mitleidenden vor dem Untergang retten. Solche Überlegungen trösteten ihn – und erst jetzt, in tiefster Not, begriff er den wahren Nutzen von Philosophie und Religion.

„Esel sind intelligente Wesen, zu Höherem bestimmte Tiere, die sehr wohl zwischen Gut und Böse unterscheiden können, zwischen Wahrheit und Lüge oder erdichteter Fiktion und Realität“,
räsonierte Faustinus weiter. Grundfragen philosophischen Denkens trieben ihn an, da seine Philosophie dem Leben nützen sollte.
„Cui bono“, auch hier?
Er dachte nicht nur so „an sich“ und „als ob“ – Philosophieren war Leidenschaft, Passion als Lust und Pathos. Hier in der Zelle war er dem Wesen der Dinge näher, vor allem dem Leiden, das hier existenziell war und somit echt.
„Wahre Philosophie muss mithelfen, das konkrete Leben zu bewältigen, alle Probleme des Lebens. Leistet sie das nicht und verliert sie sich gar in ästhetisierten Abstraktionswelten, dann ist sie nutzlos für das Leben, nichts als Spiel und Gaukelei!“
Die Katze hinterm warmen Ofen zog das angenehm Nützliche dem harten Fußtritt vor – und selbst ein Esel war nicht vernarrt in die Knute. Jedes Langohr merkte deutlich, ob es geschlagen oder gestreichelt wurde. Und es vergaß nie, nach dem Grund der Marter zu fragen, wenn sie wie eine göttliche Strafe aus dem Nichts auf seinem Rücken niedergingen. Peitschenhiebe als Antrieb?
So hatten Pharaonen und Aztekenfürsten gebaut!
Ganze Weltreiche waren so errichtet worden, aber auch wieder zerfallen, weil das oft versprochene Glück der Vielen letztendlich ausgeblieben war. Das war schon in alttestamentarischen Zeiten so, als treue Eselinnen fragend philosophierten, immer auf der Suche nach Ursache und Wirkung, nach Recht und Gerechtigkeit. Und heute war es sicher nicht anders. Die äußere Hülle wechselte; doch wesenhafte Werte und Unwerte der Kreatur blieben über Jahrtausende und Kulturen hinweg konstant.
Wer waren die eigentlichen Feinde eines unscheinbaren Waldesel?
Der Wolf, der Hund, der Geier? Oder war es nur die pervertierte Form ihrer Hülle?
Waren nicht alle Tiere gleich lebensberechtigt und zum Glücklichsein bestimmt, obwohl die Natur sie mit unterschiedlichen Funktionen ausgestattet hatte?
Und war es nicht die alle Geschöpfe verachtende, zynische Ideologie dahinter, die einzelne Tiere konditionierte und manipulierte wie den Pawlowschen Hund, um ihnen ein dekretiertes Glück aufzuzwingen, nach dem es sie überhaupt nicht verlangt hatten?
 Jawohl, die Ideologie war es, die falschen Ansätze und Grundlagen der Ideologie – und die Unfähigkeit der Versklavten, dies zu durchschauen.
"Wacht auf, Verdammte dieser Erde"
summte nun auch Faustinus bei diesen Ketzereien vor sich hin, dabei an den alten Wisent denkend, der einst im Widerstand aktivierte, erfüllt von den Idealen der Revolution, der an das Gute im Tier geglaubt hatte; in jener Zeit des Aufbruchs, als alles so hoffnungsvoll begann, bevor die ersten Köpfe rollten. Rebellionen und Revolutionen fressen manchmal ihre Kinder auf … und ihre Helden!
Kampfszenen kamen wieder hoch im Streit um höhere Ideale. Jetzt sah er sah auch den alten Wolf mit der Standarte, den zum edlen Tier Geläuterten; und er hörte, was der Mutige emphatisch ausrief, bevor er fiel:

„Freiheit, Freiheit, Freiheit!“,
„Es lebe das heilige Reich der glücklichen Tiere!“

Lange Zeit war auch dieser graubraune Rebell ein begeisterter Wolf gewesen, ein Überwolf, eine „Bestie“ gar, die mit anderen Wölfen heulte, marschierte, ein Krieger, der auf der Suche nach neuem Lebensraum gen Osten zog, um dort in blutiger Schlacht blind Befehle auszuführen, verbrecherische Führer-Befehle aus dem Bunker.
Erst als er mit eigenen Augen sah, wen die Hetzjagd traf, durchschaute er auch die falschen Befehle – und er fand noch die Kraft, sich von seinen Kameraden loszusagen, vom Irrweg ins Verderben.

Ein sterbendes Rehkitz hatte ihm die Augen geöffnet. Das sinnlose Opfer blühenden Lebens ohne Berechtigung bewog ihn spät, doch nicht zu spät, sich endgültig von der „Ideologie der triumphierenden Bestie“ loszusagen, in den Widerstand gegen die Tyrannis zu wechseln, ein Banner anzufertigen und gleich in mehreren Sprachen darauf zu schreiben:

„ICH KLAGE AN!“

Die Ehre der wahrhaftigen Wölfe, die auch Tiere waren, rettete dieser mutige Einzelwolf mit seiner entschlossen Tat fern der Verzweiflung! Und auch das künftige Zusammenleben seines Volkes im großen Kreis der zivilisierten Tiere weltweit nach dem Abschütteln der Tyrannis, die irgendwann kommen würde.
So war die brave Tat des anders handelnden Wolfs wohl gemeint.
Also gab es nicht nur bestialische Wölfe?
Im Nachdenken darüber, ob es ein auch heute ein Widerstandsrecht gab oder gar eine Pflicht, Widerstand zu leisten, wenn erneut die Tyrannis drohte, kam er auf eine Frage, die vielleicht zur Schlüsselfrage seines Hierseins werden konnte:
„Was haben wir eigentlich verbrochen?“
Dies fragte sich Faustinus immer wieder, ohne auf eine verbotene Handlung zu kommen.
Entsprach es nicht der Bürgerpflicht, elementare und verfassungsrechtlich garantierte Rechte friedlich einzufordern, Verstöße und Machtmissbrauch anzumahnen?
Irgendwo war Faustinus doch noch etwas naiv, eben weil er ein unerschütterlicher Idealist war, ein Optimist, der immer noch romantischen Vorstellungen nachhing und Visionen von harmonischer Verbrüderung und universellem Glück. Diese Ideale aufzugeben viel ihm schwer, selbst hier im Loch, wo alles dagegen sprach und ein anderes Denken gefragt war, ein klares, realistisches. Von den Ereignissen ausgezehrt und ermattet, doch eher hoffnungsvoll als traurig döste er irgendwann ein.



Copyrigh: Carl Gibson

Tiere in der Revolte – Aufruhr und Repression in der Wolfsburg

Der Eindruck, den der verwegene Meister der Sophistik hinterlassen hatte, wirkte nach.
Wenn die Welt auch insgesamt schlecht ist,
kombinierte Faustinus,
„dann gibt es immer noch edle Charaktere wie diesen Fuchs, die einen den Glauben an die Tierheit aufrechterhalten lassen.“
Von der Zuversicht genährt, die andere Zweckoptimismus nannten, trottete der Sylvanier stadteinwärts, um noch mehr von den kolossalen Bauten zu sehen, in welchen die Angehörigen der Nomenklatur und die Kader Partei- und Staatsführung residierten.
Wohin er auch blickte; überall sah er wölfische Kunst strotzend vor Kraft und Freude; und immer wieder weiße Spruchbänder mit blutroter Tinte beschriftet, die von der „neuen Zeit“ kündeten, vom „neuen Tier“ und von der „neuen bestialischen Gesellschaft des Lichts“, wo alle Tiere irgendwann in Eintracht und Harmonie göttergleich und glücklich leben würden – wie die friedfertigen Esel in Concordia.
Utopia war nicht mehr weit entfernt – es musste nur noch vollendet werden.
Die meisten, recht knapp gehaltenen, doch aussagekräftigen Aufschriften erinnerten an die Diktion des Latinischen, das auf den Stamm der Wölfin zurückging. In der Regel wurden sie mit einem emphatischen „Vivat“ eingeleitet, wobei man sich das „Crescat“ und „Floreat“ nur noch hinzu zu denken brauchte.
Dem „Es lebe“ war ein markantes, der ideologischen Ausrichtung des idealen Lichtstaates entsprechendes Schlüsselwort zugesellt, das vereinnahmend und bewusstseinsbildend wirken sollte. Beliebt waren Begriffe wie Lupismus, Das neue Tier, Wolf, Rudel, Art, bestia triumphanss, Partei.
Das mit Abstand am häufigsten eingesetzte, über alles erhabene aber war das heilige Wort „Lupus“ – der Leitbegriff schlechthin, weil Lupus der Führer  als gottgleicher Pharao oder Cäsar alles war – auch das Volk und der Staat.
Keine sprachliche Steigerung reichte aus, um seine Meriten zu beschreiben und seinen Wert allen zu verdeutlichen.
„Ein Glück, dass ihr mich gefunden habt“,
soll Lupus einmal in einer fulminanten Rede gesagt haben.
Er galt als ein vollendeter Redner, großartiger noch als Demosthenes. Und ein ausgekochter Demagoge sei er noch dazu, meinte einmal ein Spötter im Übermut, bevor er für immer im Loch verschwand.

Armee und Volk waren längst auf den  Führer vereidigt worden. Wer sich seinem Befehl auch nur wimpernzuckend widersetzte, wurde standesrechtlich erschossen, auf der Stelle.
Das hehre Endziel duldete keine Meuterei.
Jeder Widerstand war zwecklos.
Wer aber dem Leittier aller Wölfe zujubelte, ehrte sich selbst, auch wenn er von Haus aus ein Esel war.
Ovationen, von den weisen Dichtern und Denkern ersonnen, dann vom allmächtigen Propaganda- Ministerium des Kardinals autorisiert, wurden feierlich im großen „Chorus mysticus“ skandiert, feierlich und ehrfurchtsvoll wie im Gottesdienst. Zustimmungsrufe ertönten monologisch im Dauerrefrain:
„Sieg heil, Hau, Hau!
Ewiges Heil Dir, Erbauer der Zukunft!
Sieg heil, Hau, Hau!
Was deutete sich an?
Ein Fest?
Eine Feier?
Eine Führer- oder Heroenehrung?
Mitten auf dem Heldenplatz hatte sich gerade einige Tiere versammelt, ein stattliches Häufchen Aufrechter. Sie waren nun dabei waren, Transparente auszurollen, bunte Fähnlein zu schwingen und Losungen zu skandieren, deren Wortlaut hier seit langer Zeit nicht mehr vernommen worden war.
Merkwürdige Sprüche hallten durch die Luft, ganz neue Töne!
Faustinus wunderte sich: Kein „1. Mai“ wurde hier angepriesen, kein Tag der Karrenzieher und Steineklopfer, kein „23. August“ als Befreiungstag, als der Tag, an dem Wölfe das Joch früherer Unterdrücker für immer abschüttelten.
Kein schwindsüchtiges „Es lebe“ ertönte, noch das heuchlerische „Hau – Hau“. Nie gehörte Begriffe drangen jetzt an das Eselsohr, verbotene Ausdrücke, die man nur noch in alten Büchern vorfand. Hier und heute aber wurden sie offen in die Welt hinausposaunt, wie eine Selbstverständlichkeit:
„Freiheit! Freiheit! Freiheit, für alle Tiere der Republik!“
röhrte ein Hirsch. Entschlossen führte er den Zug der Protestierende an, der zunehmend lauter wurde. Schafe blökten und Hühner gackerten aufgeregt durcheinander.
„Brüderlichkeit unter allen Geschöpfen der Erde, der Luft und des Wassers!“
schnatterte eine Wildgans aus den Lüften herbeisegelnd.
„Aber nie wieder Gleichheit an sich – Von der Gleichmacherei auf dem Papier haben wir genug!
„Wir fordern aber die strenge Gleichbehandlung aller Tiere in der Gesellschaft und vor Gericht!“
ereiferte sich der Gockelhahn aus voller Kehle loskrähend, überzeugt ein krummes Prinzip durchschaut zu haben. Seine Hofhennen pflichteten ihm bei:
„Nie wieder wollen wir im engen Ghetto leben … und auf Kommando Eier legen müssen … bei Kunstlicht tagsüber und sogar in der Nacht! Natürliches Futter wollen wir, freien Auslauf, eine immergrüne Wiese und einen großen Misthaufen zum Scharren.“
Die Wölfe hatten auf ihrem blinden Weg zur Bestie, die artgerechte Lebensweise ihrer Mitgeschöpfe vollkommen aus dem Blickfeld verloren, auch in der Erwartung, alle Tiere aus Wald und Flur würden sich den Zielsetzungen der Lupisten unterwerfen und kritiklos an der „Gesellschaft des Lichts“ weiterbauen, auch ohne ausreichende Nahrung, warme Behausung und ein Quäntchen Lebensglück.
Jetzt machten die Vielgeplagten ihrem Unmut Luft – und sie begehrten auf, weitaus mutiger als Faustinus es je für möglich gehalten hätte. Noch war die „Würde“ den Tieren nicht abhanden gekommen; noch wehrten sie sich gegen Unrecht, auch wenn es nicht allzu viele waren.
„Wir wollen künftig nicht mehr zum Schafott geführt werden wie willenlose Kreaturen“,
rief ein Hammel.
„Wir sind nicht länger Opfertiere, sondern freie Geschöpfe mit Lebensrecht wie jede andere Kreatur auch!“
„Es sollen auch nie wieder Hetzjagden veranstaltet werden in diesem Staat, nur zum Vergnügen der Wölfe!
Wir wollen nicht weiter verfolgt werden wie Schwerverbrecher!“
meldete sich ein Wildschwein laut grunzend zu Wort.
Zahlreiche Rehe waren erschienen, auch Gämsen und Steinböcke, einst freie Tiere, die hoch oben im Fels wohnten zwischen Schnee und Eis und dorthin sprangen, wohin ihnen kein Wolf folgen konnte.
Allen voran schritt immer noch der Vierzehnender. Ein weißes Pergament zierte sein Geweih, ein Freibrief aus alten Tagen, eine Art „Magna Charta der Tiere“ in Schriftform, wo Freiheiten und Rechte aller Kreatur aus Wald und Flur mit schwarzer Tusche festgeschrieben waren für alle Ewigkeit. Sie stammte aus den Tagen Noahs und war gleich nach überstandener Sintflut für alle Zeiten aufgesetzt worden. Wie die Legende berichtete, war damals ein Regenbogen am Firmament erschienen als Zeichen des Bundes zwischen der Kreatur und den großen Vater aller Tiere, der im Himmel wohnte. Der Löwe als Kaiser und Stellvertreter des Schöpfers auf Erden hatte einst den Pakt besiegelt. Und das göttliche Recht, das Naturrecht war, wirkte fort, auch wenn wölfische Setzung es aufzuheben suchte.
„Wo die Wahrheit regiert, gibt es auch Gerechtigkeit für alle … und freie Selbstbestimmung!
Tierrechte für alle!“
 mischte sich ein Wisent ein, der noch die Zeiten vor der Neuen Ordnung erlebt hatte. Dann stimmte er dumpf muhend eine Weise ergreifende Weise an, die er als verfolgter Illegalist zusammen mit liberalen Wölfen in Kerkerhaft gesungen hatte, damals, als Geier und Esel noch das Land regierten:

„Tiere, hört die Signale,
Auf zum letzten Gefecht,
Die Internationale,
Erkämpft der Tiere Recht“

Andere mehr und weniger begnadete Sänger fielen ein. Die Stimmen vereinten sich nun zu einem großen Chor der Eintracht wie damals in England, als die Tiere schon einmal auf die Barrikaden gegangen, um in Rückbesinnung auf ihre angestammten Tierrechte der Ausbeutung ein Ende setzten.
Damals auf der „Farm der Tiere“ scheiterte das Harmoniestreben der Vielen am Egoismus einzelner, am „Allzutierischen“ von wenigen. Aber auch heute war die Welt nicht viel gerechter, schon gar nicht im Wolfsstaat, wo die - offiziell abgeschaffte - Ausbeutung des Tieres durch das Tier immer noch in Blüte stand, um mit ihr als Mittel das ideale Werk zu vollenden. In Wirklichkeit herrschten Ungleichheit, Diskriminierung und Unrecht in allen Lebensbereichen. Göttlichem Recht war auch hier und jetzt kein Raum gegeben.

Dies aber war eine friedfertige Kundgebung.
Ungeachtet ernster Entschlosssenheit, waren alle Minen der Protestierenden von Zuversicht erfüllt. Die Tiere glaubten an die Macht der Veränderung über Dialog und Einsicht.
Was sprach gegen eine ideologische Neuausrichtung,
gegen eine Reform des Systems innerhalb des Systems
und gegen eine „Gesellschaft mit tierischem Antlitz“?

Einige Tiere hielten Rosen in den Pfoten, Klauen und Krallen, andere wedelten mit Ölzweigen wie an Palmsonntag. Über den Häuptern stiegen weiße Tauben auf mit der Botschaft:
„Friede allen Tieren!
Friede ist möglich!
Friede muss sein!“
Die Verfolgten, die Betroffenen, die Verfemten, die Geschundenen und Geplagten, sie alle strömten hier zusammen, friedfertig, doch entschossen, ihre Meinung und Haltung frei kundzutun. Freie Meinungsäußerung, das war ein heiliges Recht in der Demokratie! Und wenn der Wolfsstaat keine Diktatur war, dann musste das freie Wort gestattet sein, jedem und öffentlich.

Faustinus staunte. Verbrüderungsszenen überall. Hyänen, Dingos und Schakale, Schlangen, Krokodile und Warane, ein Eisbär und ein Dachs, ein scheuer Lux und sogar eine Wildkatze, ferner Ratten, Mäuse, Heuschrecken, Vogelspinnen und andere sonst gefürchtete Mitgeschöpfe hatten sich unter die Menge gemischt; sie umarmten sich nun so gut es ging mit den sonst schon friedlich und zahm wirkenden Tieren aus der Farm.
Dann bildeten alle Geschöpfe einen großen Reigen und tanzten in trauter Einheit den „Tanz der Aussöhnung“, so als ob jede künftige Gefahr für immer gebannt sei und das „goldene Zeitalter“, in dem alle Tiere gleich glücklich und zufrieden waren, jetzt anbrechen würde.
Dionysischer Taumel erfüllte den Platz.
Alle tanzten hier freiwillig. Sie jubelten so laut, wie es den Stimmen nur möglich war. Das war Freiheit und Glück zugleich!
„Siehe da“,
sagte Faustinus zu sich selbst:
„Wer frei ist, ist auch glücklich!“
Doch dann traute es seinen Augen nicht ganz. Mitten in der Menge stand ein alter Wolf, mit entschlossenem Blick ein Transparent entrollend, auf dem schwarz auf weiß in großen Lettern geschrieben stand:
„ICH KLAGE AN!“
Faustinus hatte den Alten mit dem zerzausten Fell zunächst für einen Schäferhund gehalten, für einen alten Kombattanten aus den Zeiten der Illegalität, der von seinen wölfischen Genossen längst vergessen worden war, nachdem er seine Schuldigkeit der neuen Gesellschaft gegenüber getan hatte. Doch nein, es war wirklich ein Wolf – als Untertan … in der Schar der Geschundenen?
Also gab es auch gute Wölfe, aufrichtige Wölfe, die noch den Mut und die Kraft aufbrachten, ihre freie Meinung öffentlich kundzutun?
Jetzt gab es kein Halten mehr. Der Atmosphäre des natürlichen Protests ausgeliefert und ergriffen vom Gefühl der tierischer Solidarität rannte der junge Sylvanier auf den fast schon greisen Wolf zu, um ihm zu helfen, das schwere Holz zu tragen:
„Komm, Alter, reich mir das Banner! Auf meinen starken Schultern will es vorantragen in den Kampf. In diesem Zeichen werden wir siegen!“
Vom Augenblick berauscht, konnte Faustinus kaum noch vernünftig denken. Emotionen bestimmten sein Tun, ethische Impulse, die tiefer verankert waren als der kühl berechnende Verstand.
Nikodemus hatte es ihm einst vorgemacht …
und bald darauf Konstantin, der große Kaiser: „In hoc signo vinces“
Ohne eine Antwort abzuwarten, entriss er dem gebrechlichen Wolf die mächtige Holzstange und stürmte damit auf das Mausoleum zu wie ein Patriot in der Entscheidungsschlacht. Sein Leben kümmerte ihn nicht weiter. Glücklich fühlte es sich schon jetzt, wo er für eine höhere Sache eintrat – und für eine gerechte.
Ja, es kämpfte sich nicht schlecht … für Freiheit und das Recht. Romantisch war er und ein Altruist, einer, der für Ideale in den Kampf zog und ins Abenteuer. Die Gefährten folgten ihm mit „Hurra“!

„Vorwärts, in den Kampf!
 Auf Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ …
röhrte der Hirsch, als er am Esel vorbei zog. Die große „Symphonie der Freiheit“ auf den Lippen, strömten die anderen Tiere hinterher. Aufruhr war das, Rebellion, nein Revolution!
„Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“
schrie ein protestierender Braunbär, der seiner Republik längst den Rücken gekehrt hatte.
„Wacht auf, Wölfe!“
übertönte ihn ein anderer, versuchend seine trägen Landsleute aus dem Dauerschlaf zu wecken. Die Clique, der neue Adel der Macht, der Seinesgleichen vergessen hatte, sollte und konnte nun weggefegt werden.

Doch gerade als die große Freiheit schon zum Greifen nah erschien, erfüllte Maschinenpistolengeratter die Luft. Die ersten Tauben stürzten. Getroffen fielen sie zum Boden herab und aus ihrem weißen Gefieder tröpfelte blutrotes Blut.
Prätorianer aus der nur wenige Schritte entfernten Kaserne marschierten jetzt auf: Ein Kampftrupp aus Jungwölfen und Schäferhunden, Kämpfer, die gleich nach ihrer Geburt isoliert und in unterirdischen Zwingern im Geist der Spaltung, des Hasses und des absoluten Gehorsams erzogen worden waren. Sie hatten keinen Sinn für Ungesetzlichkeiten. Sie gehorchten nur Befehlen.
Als ein bestimmter Pfiff ertönte, das Signal zum Eingreifen, stürzten sich die Bestien mit Macht auf die Protestversammlung am Heldenplatz, dorthin, wo gerade die freiheitliche Versöhnungssymphonie polyfon und doch im harmonischen Einklang zum Himmel schallte, zu jenen Sphären hin, wo der guter Vater wohnte, der ihnen die Magna Charta gereicht hatte. Aus der kämpferischen Kundgebung wurde schnell ein Gemetzel - eine Schlacht, die bald zum einem Abschlachten verkam, zu einer Vernichtung des Nächsten, wie es nur noch die Menschen der Welt vorgemacht hatten in den Kriegen früherer Äonen.
Die Helfershelfer des Staates, die Bluthunde, hatten den strikten Befehl, einzugreifen und die nicht angemeldete Kundgebung niederzuschlagen, sehr ernst genommen. Zunächst wurde wild in die Menge der Protestierenden geschossen. Schuldige und Unschuldige konnten später immer noch voneinander getrennt werden, spätestens an der Pforte zum Himmelreich.
Die Prätorianer, längst eine eigene Macht im Staat, feuerten aus allen Rohren. Kollateralschäden, das hatte man ihnen früh eingetrichtert, mussten hingenommen werden – ganz nach dem alten Motto: „Wo gehobelt wird, dort fallen Späne!“
Die Aufrührer hätten das wissen können: der omnipotente Staat schützte sich selbst. Schließlich repräsentierte er den obersten Wert in der Gesellschaft, weil er dies so dekretiert hatte in weiser Anlehnung an Machiavelli.
Wer sich dagegen auflehnte, ob Mastschwein oder Schakal, das konnten nur offensichtliche „Anarchisten“ sein; als solche waren sie bekämpfungswürdig und wurden auch mit aller Macht und Gewalt bekämpft, wie überall auf der Welt. Schließlich stand dem Staat das Gewaltmonopol zu –und nur dem Staat.

Nicht auf das Erringen der Macht kam es an, sondern auf die Machterhaltung. Dazu waren alle Mittel Recht, auch Terror, Willkür nach innen – und über allem die Angst.
Dionysische Entrückungen und musikalisch-tänzerischer Taumel, die jede Angst verfliegen ließen und in wilde Erhebungen mündeten, die der Autorität der Wölfe gefährlich werden und die staatliche Ordnung zersetzten, durften auf keinen Fall toleriert werden.
Also wurde jeder Protest im Keim erstickt, der musische wie der profane, noch bevor sich die ketzerischen Stimmen und Gesten im Land ausbreiteten. Aus Funken durfte kein Feuer entstehen, schon gar kein Flächenbrand. „Wehret den Anfängen“, auch da!

Das Toben der Vergeltungsschlacht ging weiter. Mächtige Tiere stürzten im Kugelhagel zu Boden. Selbst der riesige Auerochs wankte und sank in sein Blut. Der himmelwärts aufsteigende Gesang verhallte bald im Schrecken.
Wehgeschrei überall. Bunte Federn flogen durch die Luft. Aus mehreren Richtungen stürmten verstärkende Verbände herbei. Die Prätorianergarde des Führers, allesamt feurige Jungwölfe und Kampfhunde aller Art, wütete am ärgsten. Sie stürzten sich ungehemmt auf die protestierenden Tiere, entrissen ihnen die Spruchbänder mit den ungewöhnlichen Aufschriften, trieben sie auseinander und legten die widerspenstigsten unter ihnen in Ketten.
Aus friedlichen Hirtenhunden, die einst die Schafherden beschützten, aus flinken Jagdhunden, die einst brav apportierten, waren durch Zucht und Züchtung entfesselte Bestien geworden, tierische Mordmaschinen, die im Blutrausch die Besinnung verloren.
Einige Thesen des schnauzbärtigen Machtphilosophen waren wieder gründlich missverstanden worden. Oder wurden sie absichtlich pervertiert?
Mord – das war eine moralische Kategorie, von der die Täter noch nichts gehört hatten. Alle positiven Formen der Ethik und Moral war ihnen während der Ausbildung enthalten worden. Sie kannten nur das Ethos des blinden Gehorsams und der Vernichtung.
Wo diese Prätorianer auftraten, wütete der Tod.

Der Esel war mittendrin – und zum ersten Mal in seinen Leben kämpfte Faustinus wirklich. Wolfszähne flogen durch die Luft. Einer übermächtigen weißschwarzen Dogge hatte er gerade noch einen saften Huf verpasst, als ihn ein kräftiger Jungwolf an der Kehle packte. Der Würgegriff schürte ihm den Atem ab und funkelnde Sterne erschienen am Firmament. Nur den eigenen Stern vermisste er jetzt sehr.
Halb ohnmächtig dahintaumelnd und ohne recht zu wissen, was um ihn geschah, schleppte sich der junge Heros mit letzter Kraft aus dem Getümmel und blieb kraftlos am Straßenrand liegen. Was noch verschwommen vor seinen Augen abrollte, glich der traumatischen Hetzjagd im Wald. Das war die Autodynamik des Mordens aus Mordlust, was hier abrollte.
Während ein Trupp artentfremdeter Bernhardiner die ersten Leichen wegschaffte, wurden die anderen Ökopazifisten in einen vergitterten Ochsenkarren gedrängt, um dann, auf engsten Raum zusammengepfercht, öffentlich zur Schau gestellt durch die Hauptstadt gefahren zu werden.
Vergeltung war jetzt angesagt, Abbitte und Sühne.
Ein Ochse wurde als abschreckendes Beispiel an den Pranger gestellt und öffentlich mit glühenden Zangen gefoltert.
Selbst den stolzen Hirsch traf Acht und Bann. Mit anderen Besiegten wurde er in schwere Ketten gelegt und dann – wie der Leichnam des besiegten Paris - durch die elysischen Straßen geschleift. Unter den Augen ohnmächtiger Untertanen wurden viele Anarchisten und Ökofaschisten schließlich zum Richterstuhl gefahren oder gleich zum Schafott, nicht anders als einst die Katzen und Hexen des Mittelalters. In seltenen Fällen, wenn Gnade waltete und wölfische Milde, landeten einige Rebellen im Loch – die stärksten unter ihnen in Einzelhaft.

Nach getaner Arbeit riegelten die Ordnungskräfte der Wolfsrepublik das Viertel hermetisch ab, so, dass kein Entkommen mehr möglich war. Faustinus war für tot gehalten und deshalb bisher kaum beachtet worden. Als es sich nun wieder aufbäumte, instinktiv versuchend sich in letzter Sekunde aus dem Staub machen und sich zu retten, warf ein aufmerksamer Häscher sein Netz aus, fing ihn wieder ein und zurrte in mit Stricken fest wie Gulliver. Er war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.
Kurz darauf war eine Razzia angesagt. Jedes Tier, welches das abgeriegelte Karree verlassen wollte, wurde aufgefordert, seinen Ausweis vorzuzeigen und zu begründen, weshalb es sich gerade jetzt hier befinde, an einer Stätte des Aufruhrs und nicht brav an seinem Arbeitsplatz oder zumindest daheim hinter dem warmen Ofen.
Alle arbeitsfähigen Tiere mussten den sofortigen Nachweis führen, ob, wo und wie sie einer regulären Arbeitstätigkeit in einem Staatsbetrieb nachgingen oder dass sie sonst wie das Wohl des Wolfsstaates förderten. Arbeitsscheue, entartete Künstler, Drückeberger und Taugenichtse aller Art sollte es ihm Wolfsstaat nicht geben. Leistung war gefragt, die selbst ein Nichts noch für den Staat erbringen sollte, der alles war und dessen Inkarnation der Überwolf war, das Genie der sieben Berge, der Titan aller Titanen.
Künstler, die keine Wolfsstatuen in Erz gossen, Poeten, Tonsetzer, die keine Lobeshymnen auf den Führer dichteten oder komponierten und keine Führerporträts idealisierend retuschierten, waren genauso unbrauchbar wie reaktionäre Denker und andere Parasiten, die auf ihre Weise die Interessen der neuen Gesellschaft des Lichts untergruben. Sie alle wurde als nutzlose Intellektuelle eingestuft, als destruktive Elemente, die angeblich den gesunden Volkskörper der Wolfsgesellschaft schwächten.
Wer verdächtig war, dieser parasitären Kategorie Tier anzugehören, wessen Mähne oder Ziegenbärtchen zu lang war oder wessen Fell als zu bunt erschien, wurde auf der Stelle verhaftet und im „kurzen Prozess“ abgeurteilt.
Wer sich nicht fügte, anarchisch aufmuckte oder gar Widerstand leistete, der wurde sofort standesrechtlich erschossen.
Federnlesen war die Sache der Prätorianer nicht.

Solche Wirklichkeiten der lupistischen Gesellschaft waren neu für Faustinus – aber sehr real.
„Was sucht ein unreifer Waldesel aus Siebenbergen in der Wolfsschanze und dazu noch hier, am Mausoleum der Wölfe?“
schnauzte der kommandierende Tribun des Absperrkommandos Faustinus beim ersten Verhör an, nachdem festgestellt worden war, dass der graue Besucher, der noch grün war hinter den langen Ohren, von sehr weit her kam, genau aus der Enklave Eselsburg, im hintersten Winkel Sylvaniens.
Der Platz, wo die Annalen der Wolfsgeschichte in Stein gemeißelt und auf Eselshaut verewigt nachgelesen werden konnten, galt als nationales Heiligtum und war für Nichtwölfe tabu. Esel oder Schweine wurden hier nicht geduldet.
Und nun hatten sich gar alle Feinde des Vaterlandes, Taugenichtse, Parias und Ungeziefer aller Art, gerade an diesem sakralen Ort zusammengerottet, um ihr Gift zu verspritzen!?
Bereits das freche Entweihen der Kultstätte rechtfertige ein Durchgreifen.
„Ich bin in vertraulicher Mission unterwegs“,
versuchte sich der Esel halbherzig aus der Affäre zu ziehen, nachdem er sich vom größten Schock erholt hatte, in der Hoffnung den nicht gerade hellen Wolf genauso zu überlisten wie die beiden Rottweiler an der Pforte des Ministeriums. Doch diesmal sollte es anders kommen:
 „Werft ihn in einen Kastenwagen und ab mit ihm ins Loch“,
hörte er den ärgerlich dreinblickenden Riesenwolf gerade noch befehlen, als er von zwei niederen Schergen an der langen Mähne gepackt und in das Gefährt geschubst wurde. Der Sicherheitsoffizier hatte sich nicht täuschen lassen. Das zerzauste Eselsfell und die Bissspur an der Kehle sprachen Bände.
Also fügte sich Faustinus in sein Schicksal und duckte sich in eine Ecke des fahrenden Gefängnisses. Diesmal war er vom Glück verlassen. Ein rosarotes Schweinchen folgte gleich quiekend hinterher durch die Luft geschleudert und hart landend wie ein Kartoffelsack. Es war ein androgynes Wesen und hatte für sexuelle Emanzipation eintreten wollen und für die Abschaffung eines bestimmte Paragrafen im Strafgesetzbuch, doch nicht für sodomitische Ferkeleien. Geknickt sah sich Faustinus um. Im dunklen Innenraum des Fahrzeugs jammerten bereits andere Tiere vor sich hin; mehrere Bergziegen, ein Schafsbock, drei Graugänse, zwei Feldhasen und eine seltene Tibetkatze, alles Angehörige der Minderheiten im Land, die sich dem spontanen Protestzug aus innerer Überzeugung angeschlossen hatten. Gegen Rassismus hatten viele aus ihren Reihen aufstehen wollen, gegen Fremdenfeindlichkeit und somit gegen negative Phänomene, die mehr deutlich als latent, viele Bereiche der egalitären Wolfsgesellschaft bestimmten.
Selbst ein Wolf war längst kein Wolf mehr, wenn er falschen Ideologien und Wertvorstellungen nachhing. Oder wenn ihm ein denunziatorischer Nachbar so etwas unterstellte.
Der zunehmend realistischer werdende Faustinus staunte still; denn manche dieser Tiere, die in der Gesellschaft vorschnell als ängstlich, feige und schwach eingestuft wurden, hatten mit ihrem Protest großen Mut bewiesen und somit die Vorurteile widerlegt.
Dann kam es, wie befürchtet. Während die einen kurz darauf abtransportiert wurden, um in einem entlegenen Teil der Stadt in einen finsteren Bau geworfen zu werden, wurden andere gleich nach ihrer Verhaftung einem Wolfsrichter vorgeführt, der ihnen den „schnellen Prozess“ machte. Hochverrat. Todesstrafe.
Umgegend wurden sie standesrechtlich exekutiert – und die Familie durfte die Rechnung für die Patrone begleichen. Machtpolitischer Zynismus wurde das hinter vorgehaltener Pfote genannt; und solche Praktiken waren im Wolfsstaat üblich – aus Gründen der Staatsraison nach innen.
Hart durchgreifen war die Devise. Ein berüchtigtes Führerdekret reichte aus, um jedes verdächtige Tier innerhalb von Augenblicken zu verurteilen, fern von Recht und Gesetz. „Lebenslange Zwangsarbeit“, lautete das Urteil in vielen Fällen; denn Arbeitskräfte wurden beim Aufrüsten dringend gebraucht, in den Waffenfabriken, am Kanal und beim Mauerbau. Die Todesstrafe wäre in vielen Fällen das mildere Urteil gewesen.




Copyright: Carl Gibson

Der Todesflug

Während der Esel weiter angestrengt überlegte, wie nun der Wirrwarr vieler Perspektiven zu deuten und aufnehmen sei, flog eine kleine Blaumeise durch das offene Fenster in den weiten Raum.
Lockten die Krümel vom Kuchen, den der Kardinal verzehrte, seitdem es kein Brot mehr gab?
Oder hatte das Vöglein sich verirrt im lichten Labyrinth?
Faustinus näherte sich dem Vöglein neugierig und unbedacht. Er wollte es gerade ansprechen, als die Meise aufgeschreckt hinwegflog, der Sonne zu, dabei aber das einzig offene Fenster verfehlte.
Ein Knall – das Vöglein prallte auf eine unsichtbare Wand aus blankem Glas, glatt und ohne Halt. Die Meise stürzte und fiel auf weißen Marmorboden. Doch sie bäumte sich wieder auf und flatterte der Freiheit zu.
Faustinus sah die Agonie, er sah das verzweifelte Ankämpfen gegen die unsichtbare Hürde. Und er fühlte etwas von dem Schmerz allen Lebens, das im Kampf um das Dasein oft an unsichtbare Wände stößt und im Todeskampf scheitert, ohne recht zu wissen, woran.
Von Mitleid erfüllt und in reinster Sympathie tierischen Mitleidens rannte der Esel auf das strauchelnde Vöglein zu, um irgendwie zu helfen, um das Mitgeschöpf aufzunehmen, um es in Freiheit zu setzen, auf den ersten grünen Ast am Baum hinter der Fensterwand.
Umsonst!
Von den edlen Absichten erkannte die Meise nichts. Von der großen Erscheinung in die Enge getrieben, panisch und von Furcht erfüllt, versuchte sie erneut zu entweichen. Das Vöglein bäumte sich auf, flatterte hoch, flog zwei, drei Runden durch den weiten Saal und stürzte dann, vom Außenlicht verleitet, erneut auf die helle Scheibe zu. Wieder hallte es dumpf – das war das Ende.
Die Meise fiel zu Boden, zitternd wie Espenlaub.
Ein Mitgeschöpf, ein willkommener Gast, der vor Augenblicken noch munter zwitschernd und voller Lebenslust die süßen Krümel aus dem Teppich gehackt hatte, endete auf dem keuschen Marmor. Letzte Zuckungen waren noch da, bevor sich das Leben aus der zarten Hülle verabschiedete.
Geschockt las Faustinus das Vöglein auf und betrachtete es stumm mit Ehrfurcht. Am kleinen Schnabel klebte etwas Blut. Jetzt regte es sich nicht mehr, es erstarrte.
Aus der Traum von grenzenloser Freiheit?
Die Scheibe hatte einen Sprung – auch sie war dahin … wie das Leben und das Erdenglück …
Vanitas vanitatum vanitas … Glück und Glas – wie schnell bricht das!?
Die Fensterscheibe war zu ersetzen, doch das Leben nicht. Etwas Einmaliges war dahin, eine Individualität, die es so nie wieder geben sollte. Das fühlte Faustinus tief – und er fühlte auch, wie Wehmut aufzog, die zur Schwermut auswachsen konnte.
Wie schnell aus Sein ein Nichts wurde!?

Und wie bezeichnend – der Rettungsflug in vermeintliche Freiheit war dem zarten Vöglein zum Verhängnis geworden; er hatte ihm das Genick gebrochen!
Das Gleichnis erschütterte Faustinus sehr, daran erinnernd, dass ein Eselschrei den Sinn der Schöpfung aufheben konnte. Ein großer Dichter war daran verzweifelt.
Regierte der Zufall oder gab es doch einen Plan, der auch Glück und Zukunft planbar machte?
Noch mehr erschütterte ihn das Tragische dahinter.
Ungewollt hatte er dieses Ende mitverschuldet. Edel handelnd war er herbeigeeilt, um zu helfen, um zu retten!
Und die Folge davon? Den Tod eines Mitgeschöpfs wurde so herbeigeführt. Ungewollt natürlich!
Hatte er aber trotzdem Schuld auf sich geladen, indem er handelte – aus altruistischem Streben heraus?
Gutes tun wollen – und doch Böses schaffen?
Faustinus erstarrte bei diesem Gedanken: unschuldig schuldig werden in der Tat?
So schnell wurde man selbst zur tragischen Figur!
War es da nicht besser, überhaupt nicht mehr zu handeln, vielmehr zurückgezogen zu leben in Abgeschiedenheit und trauter Einsamkeit … die Geschicke der Gesellschaft anderen überlassend?
Fragen gab es viele - nur Antworten blieben aus.

Der Kardinal stand stumm daneben. Er sagte nichts, wusste er doch, dass auch dieses Erlebnis nur ein Gleichnis war, welches sich täglich in vielen Formen ereignete, selbst im eigenen Bereich der Politik und auf höherem Niveau. Antizipierte der Vorfall die Zukunft, das eigene Schicksal gar?
Mikrokosmos – Makrokosmos?
Faustinus blieb verunsichert. Der Schock wirkte nach.
„Wir alle müssen noch dazu lernen, Eselchen. Dies war eine Lektion, die du noch verinnerlichen musst!“
So schloss der Fuchs und geleitete den Besucher dann freundschaftlich zur Tür.
„Aber was wird aus der Sondergenehmigung?“
jammerte Faustinus etwas enttäuscht, wohl wissend, dass Beziehungen alles bedeuteten und ohne die richtigen Beziehungen überhaupt nichts funktionierte in diesem Staat der Wölfe.
„Stelle erst einmal einen Reiseantrag – vielleicht helfe ich dir dann … doch kommt es auf dein künftiges Verhalten an … auf deine Haltung zur Republik.
Nimm dir ein Beispeil an mir! Auch ich bin nur ein bescheidener Diener dieses Staates, der allen Tieren eine Chance gibt. Andere aber, merke wohl, sind weniger zimperlich, wenn es darum geht, Eseln die Ohren lang zu ziehen.“

Darauf hin schloss sich die schwere Holztür mit einem Knall. Faustinus musste noch an den knurrenden Wachhunden vorbei, die jederzeit nach ihm schnappen konnten.
Prätorianer hatten freie Hand in diesem Staat – und manch einer meinte gar bei vorgehaltenen Hufen, die Garde sei ein eigener Staat im Staat. Diesmal besannen sich die Kampfhunde auf die Pflicht und ließen den Esel vorbei. Bald darauf stand er wieder auf der Straße, nur auf sich gestellt und allein.




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Donnerstag, 30. Dezember 2010

Faustinus und der Kardinal – Machiavellismus und „Wille zur Macht“

Noch bevor Faustinus mehr herausfinden konnte, erreichte er das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, in welchem er den Wirkungsbereich des Kardinals vermutete. Der Fuchs, das war die einzige bekannte Seele in diesem großen Bunker. Also musste er zu ihm und ihn um Hilfe bitten. Schließlich war er hierher zitiert, nein, sogar eingeladen worden. Vielleicht würde der Kardinal ihm gar zu einem Pass verhelfen, zu jenem selten gewährten Privileg, die Grenzen des Wolfsstaates einmal passieren zu dürfen. Wie gerne wäre er doch über die Brücke am Strom geschritten oder im legendären Transeuropa-Express in das Land der Esel zu fahren! Andere, die schon dort waren und wieder kamen, hatten viel Gutes berichtet.
Doch welch ein Schreck! Zwei neuzeitliche Höllenhunde an der Pforte, Rottweiler mit Argusblick bewachten das Haus, entschlossen, als ob sie den Eingang zum Hades schützten:
„Was willst du hier, Esel?“
schnaubte ihn einer der Hunde an. Faustinus zuckte zusammen. Das kurze, mürrische Gebell klang gefährlich. Die einstigen Metzgerhunde schienen in ihrer Aufgabe aufzugehen, offensichtlich jederzeit bereit, zuzubeißen und unberechtigte Eindringlinge zu zerfleischen, wenn die Situation es erforderte.
Solche Viecher brauchte der Staat. Sie waren Teil der berüchtigten Prätorianer-Garde des Führers, die wiederum „Schwert und Schild“ der Lupisten- Partei war, einer Partei, die immer recht hatte, weil sie das Recht war. Es waren pflichtblinde Gehilfen der Macht, Handlanger und Schergen, die das ihnen Aufgetragene zuverlässig erledigten, ohne über den tieferen Sinn ihrer Tätigkeiten nach zudenken. Schließlich wurden Kampf- und Wachhunde fürs Zupacken bezahlt, fürs Kopfabbeißen, nicht für mentale Verrenkungen aller. Das merkte selbst ein Esel auf Anhieb.
„Zum Kardinal bin ich einbestellt!“
konterte Faustinus keck und tat so, als sei er wirklich herzitiert worden.
„Und in welcher Angelegenheit?“
erkundigte sich der zweite Rottweiler barsch.
„Die ist streng vertraulich“
pokerte der Sylvanier weiter, da er inzwischen gelernt hatte, die ganze Wahrheit nicht immer offen zu legen. Der Trick wirkte. Während einer der Rottweiler hoch rannte, um den Minister zu verständigen, wurde dem Waldesel bewusst, dass er sich selbst schon auf dem Weg befand, ein guter Wolf zu werden. Gerade hatte er das zweite Mal gelogen – und dies nicht ohne Lust. Das Gaukelspiel, das Jonglieren mit den Wahrheiten, das gezielte Täuschen, dies waren wohl einige Schlüsselfertigkeiten, um in diesem Staat zu Macht und Ehre zu gelangen, um respektiert zu werden wie der Fuchs. Die Lüge hatte also durchaus ihre Existentberechtigung im Staat der Wölfe und vielleicht auch darüber hinaus …?
Inzwischen kam der Kardinal die mächtige Marmortreppe herunter ins Foyer, ganz in einen silbergrauen Mantel gehüllt, wie ihn der Polarfuchs in gewissen Regionen trägt. Vom einst rostbraunen Fell und dem buschigen Schwanz war ebenso wenig zu erkennen wie von der Gesinnung des Staatsmanns, der ganz nebenbei auch noch die Interessen der ohnmächtigen Kirche im Land wahrnahm. Die Kirche im Staat war längst zur Staatskirche geworden und hatte sich der Wolfspartei untergeordnet, während die polytheistischen Religionen der Tiere allesamt im Lupismus aufgegangen waren, bis hin zum elitären Vulpismus, den selbst der Kardinal nicht hatte retten können. Dafür aber behielt er sein edles Fell und den buschigen Schweif.
Auf seinem Kopf war heute kein Hut zu sehen, dafür aber eine fahle Perücke, die gut zur Rolle und noch besser zum Pelz passte. Der Fuchs war frisch gepudert und duftete nach Rosenöl. Das Teuerste war ihm gerade gut genug. Nur die zarte Schnauze und der ewig skeptische Blick erinnerte noch an den schlauen Fuchs aus der Fabel, an jenen Meister Reineke, dem Eselchen Faustinus unlängst ganz zufällig im finsteren Tannenwald begegnet war.
Der Fuchs ging freundlich auf das zarte Tierlein zu, es herzlich umarmend, so als ob er es schon seit langem sehnsüchtig erwartet hätte. Dabei flüsterte er ihm einige Worte ins Ohr, die keiner der argwöhnisch herschielenden Rottweiler verstehen konnte.
„Du bist fürwahr ein politisches Talent, Freundchen“,
sagte er mit leichtem Hohn.
„Das ging mir erst richtig auf, als ich dich aus den Augen verloren hatte, damals unter grünen Tannen hinter den sieben Bergen. Später habe ich Erkundungen über dich anstellen lassen und in deiner Akte gelesen. Dein Werdegang ist vielversprechend und verpflichtet zu Höherem. Du hast zweifellos das Zeug zu einer staatsmännischen Karriere, Faustinus. Der Geist strahlt aus dir hervor wie einst aus Luzifer. Zweifellos verfügst du auch über Begabungen, die ich gern fördern würde, wenn du bereit sein solltest, die politische Führungskraft der Partei anzuerkennen und dich ihrer Autorität zu unterwerfen. Nicht blind wie die tumben Prätorianer an der Pforte, die allesamt auf den Führer vereidigt wurden, muss dein Fügen erfolgen, sondern aus der Einsicht heraus, als überzeugter Lupist diesem Land dienen zu wollen, diesen modernen, vielfach entwickelten Staat, der bald auch einen neuen Gesellschaftstyp hervorbringen wird – das „neue Tier“!
Wir Bürger des Wolfsstaates arbeiten alle am Fortschritt, an unserer gemeinsamen Zukunft, indem wir die Direktiven der Lupisten- Partei und ihres genialen Weltenlenkers Lupus umsetzen, Freundchen!
Wölfe, Füchse, Hunde, Gänse, Ziegen und andere mitwohnende Nationalitäten …  wirken an dieser Aufbauarbeit mit, jeder an seinem Platz und auf seine Weise … und du, Esel, kannst dabei sein, nicht im Steinbruch wie deine Artgenossen aus Sylvanien, sondern hoch oben sogar, wenn du dich denn rechtzeitig auf die richtige Seite schlägst, auf unsere und an meine Seite!
Höchste Erfüllung verspreche ich dir .., und, wenn man so will, bestimmt auch etwas Erdenglück am Ende deiner Ziele.“

Faustinus horchte auf, ohne zu antworten. Was war das? Eine Predigt? Gezielte Indoktrination nach der Art der Lupisten? Ein Köder? Zuckerbrot und Peitsche?
War das nicht zu viel an Perspektive auf einmal? Als guter Esel hatte Faustinus gelernt, erst zu fressen und dann gründlich zu verdauen. Mit schweren Gedanken war es ähnlich, gerade jetzt, wo es um existenzielle Weichenstellungen ging. Also erwiderte er vorerst gar nichts und wartete ab.
Doch die Lehrstunde war noch längst nicht zu Ende. Kurz daraufhin führte der Minister seinen stummen Gast in einen weiten Prunksaal mit unzähligen Spiegeln und forderte ihn auf, sich ungezwungen umzusehen. Ein großer Kaiser hatte das Spiegelkabinett einst einrichten lassen, frei nach dem Vorbild von Versailles, um sich selbst jederzeit nach Lust und Laune zu spiegeln, nachdem er die Geschichte von den „neuen Kleidern“ gelesen hatte.
Wer hat was an!? Das war auch hier die Frage!
Also spiegelte jetzt auch Waldesel Faustinus sein Konterfei und staunte dabei nicht schlecht, was die Reflexion ihm so alles vorgaukelte. Bisher hatte er zu wissen geglaubt, wie ein Esel in Wirklichkeit aussah – nicht gerade göttlich, nur grau mit überlangen Ohren und einem mächtigen Schädel, der auf die nahe Verwandtschaft mit Pferden verwies. Doch diese Spiegelungen hier verzerrten seine schöne Narziss- Gestalt ins Bizarre: Eine Fratze stierte ihn jetzt an, ein „fremdes Gesicht“, das ihm Angst einjagte:
„Bin ich das oder bin ich’ s nicht“
rätselte Faustinus. Ein sich wandelndes Trugbild verwies darauf, dass den Augen nicht immer zu trauen ist und das vieles verzerrt erscheint, was echt sein will.
Der Fuchs beobachtete die emotionalen Regungen seines Gastes und Opfers aus dem Hintergrund schelmisch grinsend, weil er die ernüchternde Desillusion des naiven Waldtrottels erwartet hatte. Verunsichern, feste Werte erschüttern, ablenken, das hatte Methode seit Descartes. Wankelmut und erste Zweifel kamen auf. Faustinus wurde unsicher.
„Eigentlich wollte ich Sie, werter Kardinal, nur um einen winzigen Gefallen bitten“, stammelte der Waldesel verlegen.
Mit schmeichelndem Unterton, der bereits auf künftige Talente und Fertigkeiten verwies, fügte er dann noch hinzu:
„Als Mann der Kirche und als Diplomat von Weltformat sind Sie sicher die einzige Persönlichkeit in diesem Staat, der ich voll vertraue und deren Rat ich mich blind ausliefern würde.“
Der Fuchs hörte die Engelstimme aus der auch sonst gesangfreudigen Kehle des Esels mit Entzückung. Er schmunzelte. Die Kunst des Schmeichelns – eine Tugend an sich, um in dieser Welt voran zu kommen. Dieser sylvanische Esel hatte in der Tat ein unbestimmtes Etwas, was ihn immer wieder in Erstaunen versetzen, was ihn stets aufs Neue überraschen konnte. Die gottgegebenen Gaben des Esels anerkennend, meinte erwiderte der Kardinal:
„Fürwahr, das hast das Zeug zum großen Diplomaten. Und vielleicht solltest du wirklich mein Schüler werden. Unter meiner Ägide kannst du mit deinen Begabungen noch viel zum Gedeihen des Wolfsstaates beitragen, zu seiner Erhaltung, Konsolidierung und späteren Expansion, denn wisse Freund, dem Wolfsstaat ist Höheres bestimmt. Er wird wachsen, blühen und gedeihen wie das Land hier seit Romulus und Remus - auch ohne Heirat, vielleicht auch ohne Krieg – und er wird selbst über das Reich der Bären hinauswachsen.
Du bist Teil dieser großen Nation und auserkoren, ihren aufwärts strebenden Weg durch die Geschichte mit zu gehen. An meiner Seite und unter meinem Schutzschild ist dir der Aufstieg sicher in dieser Gesellschaft, die Durchtriebene braucht und Verwegene des Geistes.
… Dein Lebensglück!? Wenn du es antreffen solltest, Freundchen, dann winkt es dir hier!“
Als das Lockmittel ausgeworfen war, wandte ihm der Kardinal, dessen Wesen etwas leicht Diabolisches hatte, den Rücken zu und ging einige Schritte im Mantel verhüllt durch den Raum wie Mephostophiles, um die tiefgründigen und folgenschweren Worte wirken zu lassen. Nach einer Weile fragte er dann ganz unverblümt:
„Bist du bereit, in meine Dienste zu treten und mein Novize zu werden, mein Famulus?
Du ahnst es vielleicht!
Tausend Künste beherrsche ich und spiele virtuos auf einer breiten Klaviatur! Wenn du entschlossen bist, können wir einen Teil des Weges gemeinsam gehen.
Mit mir kannst du groß werden und erfolgreich, obwohl du nur ein Esel bist. Im Staat der Wölfe werden tüchtige Köpfe gebraucht, selbst schlichte Waldesel aus Siebenbergen.“
Faustinus hörte die gut gemeinten Empfehlungen des Zynikers und die Heilsbotschaft dahinter. Und Faustinus hörte auch die großen Verlockungen der Satanszunge, die klang wie  der der Klang des Goldes. Die Stimme des Mittagsdämons in der Wüste hatte ähnlich geklungen, zur Versuchung verführend, zum Zweifeln und zum Abkehr von der richtigen Bahn. Doch er ließ sich nicht gleich kirre machen, noch irre. Zwei Begriffe hatten ihn hellhörig werden lassen. Ein Novize sein, ein Domini-canes oder Canes Domini, das wollte er nicht.
Noch weniger wollte er ein Famulus sein wie Wagner, der trockne Schleicher, ein Pendant und Spießer, der mit gieriger Hand nach goldnen Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Geistige Dienerschaft, ja!
Die hatte er in Studien schon hinter sich gebracht. Doch duckmäuserische Servilität und unkritisches Unterwerfungsbewusstsein – Eintreten in die Exekutive eines repressiven Systems in einer offensichtlichen Diktatur, das wollte Faustinus nicht.
Karriere hin, Laufbahn her - nimmer wollte er ein „Handlanger der Macht“ sein, auch kein „Schreibtischtäter“ und kein „geistiger Brandstifter“, kein Panegyrikus und keiner, der Gewalt und Unterdrückung stützte – in welcher Form auch immer.

Lieber wollte er arm bleiben, ganz unten, als oben und ohne Ehre. Innerlich aber wollte er frei sein wie seine Vorväter vor den großen Vernichtungskriegen, in welchen die Wert- und Welt-Ordnung zeitweise auf den Kopf gestellt worden war und Wölfe über Esel erhoben wurden.
Jetzt gar mit diesen Wölfen heulen?
Das Erlebnis des Pogroms, der blutigen Hetzjagd im Wald, saß Faustinus noch tief im Mark und erschütterte ihn jedes Mal, wenn er daran dachte.
Die Erfahrungen der nackten Wirklichkeit wirkten stärker als das „Eiapopeia vom Himmel“ in ferner Zukunft, das doch nur volksverdummendes, einlullendes Opium war.
Jetzt fühlte Faustinus es noch deutlicher: Im Grunde wollte er nur weg aus diesem Staat, der ihm noch fürchterlicher und finsterer erschien als das kälteste aller Ungeheuer – und das noch bevor er irgendwie schuldig geworden war.
Er wollte weit weg sein von Willkür und Terror, weit weg von den Fängen und Verstrickungen der Macht, an deren Ende nur Sünde und Scheitern warten. Noch hatte er zwar nicht allzu viel Schreckliches am eigenen Leib erfahren oder gesehen auf seiner Erkundungsreise durch das Land jenseits der sieben Berge; doch was es bisher konkret erlebt hatte, das reichte schon, um sich für immer gegen die hier praktizierte Lebensart offener Gewalt zu entscheiden.
Am liebsten wollte unter Seinesgleichen leben, frei unter anderen Eseln, unter zivilisierten Eseln, um sich voll und ganz der alten Kultur der Eselheit zu ergeben, der Kunst und der Wissenschaft, in höherer Hingabe an die Tierheit, vor allem aber der Philosophie, an deren Ende nicht nur die Weisheit, sondern sicher auch das große Glück wartete. „Eigentlich wollte ich nur an Ihren Einfluss appellieren, um an einen Reisepass heranzukommen, damit ich etwas weiter reisen kann, über die Grenzen dieses Staates hinaus…“
gab Faustinus letztendlich kleinlaut bei, aber nicht weniger direkt als das bewunderte Vorbild.
Klartext war jetzt angesagt - und nicht das ewige Herumschleichen um den heißen Brei, das Füchse viel besser beherrschten als die sturen Esel.
„Und wohin willst du denn eigentlich reisen?“
erkundigte sich der Kardinal mehr rhetorisch, da er sehr wohl wusste, wovon alle sylvanischen Waldesel träumten, um dann gleich leicht irritiert,  zu kontern:
„Die Welt ist überall gleich schlecht –  keiner braucht dort im Ausland einen naiven Waldesel aus Siebenbergen. Das kann ich dir versichern. Ich kenne die Welt jenseits des großen Grenzwalls. Seeadler oder Wanderfalken sind auch keine besseren Tiere. Der Kondor fliegt zwar hoch hinauf, doch das Bewusstsein der vielen Spatzen dort kann ihm dorthin nicht folgen. Viele sind auch nur Raubtiere wie die Wölfe – wahre Geier der Lüfte, die unerbittlich zuschlagen, wenn sie verlockende Beute erspähen. Der Wille zum Überleben gilt auch in der Luft. Und der Wille zur Macht bestimmt überall, auch oben - und jenseits von Gut und Böse. Die Macht, das ist eine außermoralische Kategorie und oft, das haben nicht zuletzt die Esel der Welt demonstriert, auch eine unmoralische. Die Natur hat es so eingerechtet. Wir alle müssen töten, um zu überleben. So oder so. Und der Imperialismus der Bären hat sein Gegenstück im Imperialismus der Geier. “
Faustinus schluckte, als hätte er einen Kloß im Hals, der ihm Atem und Argumente abschnürte. Trotzdem fing er sich wieder:
„Aber ich will doch nur reisen, um meinen engen Horizont etwas erweitern, nicht um feige ausreißen oder um mich der Verantwortung zu entziehen.
Erkennen will ich, was die Welt ausmacht und überprüfen will ich, was hinter dem Tellerrand ist.
Selbst unseren Nachbarstaat, das große Bärenland, will ich erkunden – aber noch lieber das Land  meiner Vorväter, meiner Ahnen von jeher: die „Republik der Esel“!“
Esel hatten eine würdige Herkunft – und Zukunft braucht Herkunft; davon hatte er bereits gehört.
„Und in welche Eselsrepublik willst du reisen?“
hakte der Kardinal tückisch nach, wohl wissend diesen Candide so weiter zu verunsichern.
„In welche?“
wunderte sich Faustinus, ohne die Verblüffung verstecken zu können. Der Kardinal lachte innerlich auf, um dann selbstgefällig zu konstatieren:

„Wenn du nicht hinter den sieben Bergen, unter spukenden Burggeistern blassen Gespenstern, Werwölfen und sonstigen Untoten aufgewachsen wärest, nicht in jenen Gegenden, wo der Mythos den Logos ersetzt, dann wüsstest du, dass es seit dem letzten großen Vernichtungskrieg gleich mehrere Eselsstaaten gibt.
Die heilige Nation der Esel, die über Jahrhunderte groß und mächtig war und einst die halbe zivilisierte Welt beherrschte, jene historische Macht, die lange auch uns Füchse und Wölfe hier unterdrückt hat, lebt heute gespalten, zerschlagen in mehreren Staaten verteilt, wobei jeder dieser Staaten glaubt, die legitimen Rechte aller Esel zu vertreten und der wahre Eselstaat zu sein.“
Jetzt dämmerte da etwas. Am Meer hatte Faustinus schon einmal etwas vernommen, was in diese Richtung wies.
„Zu den Guten will ich! Jenen Staat will ich kennen lernen und erleben, in welchem die guten Esel in Eintracht leben, untereinander - und in göttlicher Harmonie mit allen anderen Tieren“,
ereiferte sich Faustinus halb euphorisiert, um dem abgebrühten Kardinal zu signalisieren, dass die Gesetze der Moral ihm noch etwas bedeuteten. Der Kardinal hatte keine Ahnung davon, dass der kleine Faustinus einst von einem Eremiten erzogen worden war, in „ora et labora“ und in „carpe diem“,  – und zwar nicht nur zur Freiheit, sondern auch zu Wahrheit, zu Gerechtigkeit und zu anderen Tugenden, die das Leben lebenswert machen und dafür sorgen, dass ein Esel jeden Morgen guten Gewissens in den Spiegel blicken kann, ohne auf die Fratze eines Monsters zu stoßen.
Vom Glück hatte ihm der Weise nichts erzählt, wohl weil er annahm, dass es sich selbst einstellte, wenn Werte und Tugenden regierten. Eigentlich war Faustinus nie ein „störrischer“ Esel gewesen, sondern immer nur ein „stoischer“. Und Stoiker waren allesamt willensfreie Charaktere und vornehme Geister.
Nur hatte die Welt nie etwas davon bemerkt, weil die Philosophie mit ihren Segnungen längst in Vergessenheit geraten waren.
„Nur welche sind die Guten?“
höhnte der Fuchs.
„Jeder Eselstaat behauptet dies von sich.
Wer jedoch ist wirklich gut?
In jedem Staat müssen die Esel arbeiten; in dem einen besser, in dem anderen weniger gut; wer da wen ausbeutet – und welche Esel gleicher sind als andere Esel, das ist Interpretationssache. Das wirst du noch früh genug erfahren, wenn du einmal dorthin gelangen solltest. Ernüchterung wird sich dann einstellen und schwere Desillusion!
Im Eselstaat lebt man auch nicht besser als in diesem Staat. Brot und Spiele auch dort!
Die Masse meint, sie würde regieren. In Wirklichkeit aber regiert eine kleine Elite aus dem Verborgenen heraus mit dem Mittel der Volksverdummung, die seit den Römern die gleiche ist. Dort hört man dein geliebtes „I – Aaa“ zwar öfter, während hier das „Hau– Hau“ ertönt. Sonst aber gibt es kaum Unterschiede.
Die Essenzen, auf die es ankommt, sind die gleichen, hier und dort – Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit! Das sind Chimären, denen man nachjagen kann, wenn man nichts Besseres zu tun hat.
In der Realität aber behauptet sich der „Wille zur Macht“. Glaube es mir, Eselchen, ich bin mehrfach dort gewesen und habe mich redlich umgesehen.“
Nach diesem alles relativierenden, ernüchternden Disput des Staatsmannes und Winkeladvokaten, der alles sprachlich in sein Gegenteil verkehren konnte, war Faustinus etwas kleinlauter geworden. Trotzdem blieb er bei seiner Position und hielt wacker dagegen:
Aber weshalb lässt man nicht wenigstens uns, die Esel, frei reisen oder wegziehen, wenn es uns hier im Staat der Raubtiere nicht mehr gefällt? Und die Schweine, die Schafe und die Rindviecher … ?“
Wie so oft dachte er nicht nur an sich selbst, sondern auch an das Los der vielen Geknechteten im Staat, in deren Sicht er sich gut hinein versetzen konnte. Schließlich saßen fast alle Minderheiten in einem Boot im Strudel unterwegs in eine ungewisse Zukunft.
„Das geht nicht – viele gute Gründe der Staatsräson sprechen dagegen“,
konterte der kühle Kardinal.
„Wer würde sonst die Arbeit machen hier in der Hauptstadt und im Staat?
Wir Füchse, wir sind Strategen!
Die Wölfe, das sind Krieger!
Doch ihr Esel, Rinder, Schweine, ihr seid allesamt gute Arbeitstiere, zum Teil noch mit technischen und technologischen Fertigkeiten.
Ihr könnt flotte Traktoren bauen und ganze Flotten; Boote, die unter den Wellen den Winden trotzen, dem Tornado und dem Taifun, die auf hoher See hinausfahren, um mit ihren Kanonen Politik zu betreiben und Diplomatie; ihr könnt Raketen in den Himmel schießen, um sie auf fremde Köpfe fallen zu lassen; Katapulte könnt ihr zimmern und Katakomben bauen; ihr könnt sogar, wenn es sein muss, aus Stroh auch Gold spinnen wie Rumpelstilzchen; und auch sonst noch manch nützliche Dinge, die der Staat zum Überleben braucht.
Ihr seid das Salz der Erde hier in diesem Staat, der Katalysator zum Wachsen, Blühen und Gedeihen.
Und, das sage ich dir im Vertrauen, Freundchen, ihr seid nicht nur tüchtig und geschickt, ihr seid auch ein guter Faustpfand für Zeiten, wo es vielleicht enger wird auf der Welt und bedrohlicher.
Weshalb sollten wir euch in Massen ziehen lassen?
Für Almosen?
Ein baldiger Exodus nützt nur unseren Feinden und stärkt sie noch! Schließlich sind uns nicht alle Eselstaaten freundschaftlich verbunden. Einige pflegen gar Pakte mit Geiern und Falken.“
Der Sylvanier merkte, dass er nun mitten in der großen Politik angekommen war, auf einem Schachbrett, wo es nur ein schwacher Bauer war, der mit den Mächtigen nicht richtig mithalten konnte. Weltwissen hatte dieser schlaue Fuchs und Welterfahrung, während Faustinus selbst den „Principe“ vorschnell aus der Hand gelegt hatte, ohne gründlich darüber zu reflektieren, ob der Zweck tatsächlich die Mitte heiligt!
Jetzt stand er da wie ein begossener Pudel, der seinen Kern verloren hatte, ohne die staatsräsonierenden Überlegungen dieses Machtpolitikers ethisch parieren zu können. Die Argumente fehlten und die Gegenargumente.
Noch bevor Faustinus resignierend die weiße Flagge ausrollte, geleitete ihn der Fuchs zurück zur großen Spiegelwand:
„Welches dieser Bilder ist nun dein Ebenbild, Eselchen?
Wer bist du wirklich?
Ist das dein Selbst – oder doch nur ein Zerrbild deines Selbst?“
Solches fragte er provokativ und antwortete zugleich sibyllinisch wie das Orakel von Delphi, in dem er vornehm schwieg.
Faustinus hatte jetzt ein echtes Identitätsproblem!
Wer war er nun wirklich, Doktor Jeckyl oder Mister Hyde?
Jeder Hohlspiegel brach das Bild anders und offenbarte neue Reflexionen und neue Fratzen. Was entsprach nun tatsächlich der Wirklichkeit?
Was war echt – und was war Täuschung?
Durfte man den Sinnen noch trauen, wenn sie alles verzerrt erkannten? Und wie entschied das Herz, wenn der Verstand versagte?



Copyright: Carl Gibson

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