Freitag, 10. Dezember 2010

Der Fuchs

Der Fuchs

Von den Schreckensbildern der Nacht angetrieben und verfolgt, schritt Faustinus voran, einem höheren Ziel entgegen. Immer, wenn Mutlosigkeit aufkam, biss er die gesunden Zähne zusammen und sagte zu sich selbst einen Satz, den ein alter Esel aus dem Nachbarstall oft vor sich her gemurmelt hatte, wenn die von den Wölfen auferlegte Arbeit gar zu hart ausfiel:
„Lerne leiden, ohne zu klagen!“
Das war nun auch sein amor fati, seine Liebe zum eigenen Schicksal. „Entweder ich finde irgendwann Freiheit und Glück oder ich scheitere auf dem Weg zum hehren Ziel“,
sagte sich Faustinus, ergänzend: „
„Lieber unter dem Misthaufen begraben liegen, als ein Leben lang auf dem Misthaufen existieren zu müssen.“
Dieser Impetus der Selbstachtung und ein ausgeprägter Sinn für die Würde des Esels – symptomatisch für die Würde aller Geschöpfe, auch des fernen Menschen – waren tief in ihm verankert. Es war ein ethisches Grundgefühl, das die Natur so vorgegeben hatte.
Sie war ihm eingeimpft worden, diese Moralität, als göttlicher Kompass, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Faustinus fühlte, dass einer Existenz nur dann Sinn zukommt, wenn sie auf Würde beruht, auf Freiheit und Gerechtigkeit. Als Schuft und Werkzeug wollte er nie und nimmer leben.
Doch gerade dies sahen die Ideologen der Wolfswelt anders. Hier und jetzt hätte er zum Wolf werden sollen, zum perfekten Wolf, der selbst dem anderen Wolf ein Wolf ist, wenn es ein muss und die höheren Zwecke des Lupismus und der Staatsraison es fordern. Faustinus hätte zum Jäger mutieren müssen! Zur Maschine des La Mettrie! Und zum Schlächter auf Befehl!
Nur hatte ihn das allmächtige Schicksal der anderen Seite zugewiesen, der Front der Entrechteten, der Friedfertigen, der Erleidenden.
„Es ist doch besser Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun“,
sagte sich Faustinus mit den alten Römern, die zwar die Esel verspotteten, ansonsten aber ganz gute Beobachtungen machten. Das Eselchen hatte zeitig den Seneca gelesen, seine Ausführungen über das glückliche Leben, aber auch manch Tröstendes über Duldsamkeit und Beharrlichkeit.
Durfte er jetzt an Kampf denken?
War Auflehnung nicht ein Akt der Hybris?
Und war es nicht Sünde, gegen die Ordnung der Götter zu rebellieren wie Prometheus und Atlas, Ikarus und Sisyphus?


Schwere Gedanken dieser Art gut geeignet ihn wieder in die Mutlosigkeit zurückzuwerfen, zermarterten gerade wieder sein Eselsgehirn, als Meister Reineke daher kam, der schlaue Fuchs aus dem Mythos, der den Wölfen schon so manchen Streich gespielt hatte. Da Faustinus von seiner sprichwörtlichen Klugheit wusste, begrüßte er ihn voller Ehrfurcht und verwickelte den Altmeister der Wendungen und Täuschungen gleich in ein philosophisches Gespräch über einige teleologische Fragen, die Kant nicht ganz zureichend beantwortet hatte.
Sie redeten über die Praktikabilität von Metamorphosen im Tierreich, von Konversionen und Konvertiten, von Mutationen fleischfressender Tiere zu Vegetariern, von den Werten der Tierwelt, vom Lupismus und Ursismus, vom verstockten Menschen und von der Rolle des Homo sapiens im Kreislauf der Creatio ex nihil. Schließlich besprachen sie auch eine Sentenz, die einst ein begabter expressionistischer Dichter angesichts bestimmter historischer Abläufe formuliert hatte:

Die Krone der Schöpfung das Schwein der Mensch – oder die Krone der Schöpfung der Mensch das Schwein.
Die Philosophie als grundlegende Weltwissenschaft, aus der sich alle anderen Wissenschaften erst spät emanzipierten, kannte keine Tabus. Bevor alles zu bezweifeln war, musste erst über alles geredet werden. Oder?
Der Fuchs, der im überwiegend atheistisch ausgerichteten Staat der Wölfe eine öffentliche Position innehatte, die in ihrem Rang und politischer Bedeutung der eines Kardinal Richelieu gleichkam, war sehr an getan von der Scharfsinnigkeit und gedanklichen Flexibilität des Jungesels auf der Walz.
Bevor sie voreinander schieden, lud der „Kardinal“  das Eselchen ein, ihn in der Hauptstadt des Lupus-Staates zu besuchen, um dort vielleicht sogar den obersten aller Wölfe in praller Vitalität erleben zu können, wenn er in einer vom wölfischen Furor getragen Rede vor die Massen trat.
Der Fuchs wusste nur nicht, dass dieser zarte, sylvanische Waldsesel, wiederum beeinflusst vom weisen Seneca, dem Furor in allen Formen misstraute, selbst dem gerechten, um dafür verstärkt auf das befreiende Lachen zu setzen.
Lachen enthemmt und entwaffnet.
Lachen, das war eine pazifistische Waffe, die viele verkannten, weil sie das „Über-Sicht-Selbst-Lachen“ ablehnten wie den Sarkasmus, die Satire, die Selbstironie, ja selbst die feine Ironie.
Ernst war die Welt – zu ernst. Tierisch ernst?
Die spontane Einladung in die ferne Wolfsburg ließ Eselchen Faustinus zunächst zusammenschrecken,natürlich aus historischen Gründen vermengt mit jüngsten Erfahrungen im Wald, gemahnte der Weg dorthin doch an den Einstieg zum Hades, zur Urgrund der Hölle!? Eine Stadt der Wölfe? Sogar die Hauptstadt? Ein Graus!
Die letzte Bartholomäusnacht wirkte noch nach; und mit ihr der Geruch frischen Blutes, den eine vegetarische Eselsnase besonders abscheulich empfindet.
Gerne hätte Faustinus noch ausgelotet, wie der von den Füchsen getragene Klerus mit dem gottlosen System auskam, das die Religion zur Ideologie umgeschmiedet hatte. Doch die eigene Gefährdung erschien ihm zu groß. Wer konnte diesem Fuchs, der nicht nur einen Januskopf, sondern gleich mehrere Gesichter hatte, wirklich trauen?
Spielte nicht auch er ein doppeltes Spiel wie alle Machtgestalten der Geschichte?
Und war er nicht ein großer Zauberer, dem Besen gehorchten und Marionetten? Einer, der für jede Situation eine Maske parat hatte und ein Rezept?
Vorsicht war angesagt, denn Füchse galten als Alliierte der Wölfe und profitierten vom System. Vielleicht war dieser Kanzler gar mächtiger als der Diktator?
Die existenziellen Erfahrungen und die letzte Gräuelnacht im Wald hatten den Esel vorsichtiger gemacht. Faustinus wollte nichts Unbedachtes tun, nicht allzu viel riskieren. Also verabschiedete sich der Freisinnige und ging seines Weges, ohne dem arglistigen Fuchs zu offenbaren, wohin es eigentlich ging. Schließlich hätte dieser dem Trupp der folgenden Prätorianer einen Wink gegen können.



Copyright: Carl Gibson

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