Mittwoch, 6. April 2011

Von der großen Sehnsucht - Letzte Erfüllung und Lebensglück

 

Die letzten Jahre seines oft unruhigen Wanderlebens verbrachte Faustinus in einer wohl geordneten Sinnstruktur, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft. Es war ihm bewusst geworden, woher er kam und wohin er ging.
Er hatte seine Wurzeln gefunden und sein Selbst, das fort wirkte im Wesen seiner Kinder. In ihnen würde auch er fortleben als Denkender, Fühlender und Schaffender.
Als tumber Tor war er einst in die Welt gezogen, um frei zu werden und um etwas von dem großen Erdenglück zu erhaschen:
die große Liebe,
den dicken Beutel,
den goldverzierten Stall – und etwas Weisheit noch dazu.
Und nun?
Alles war dahin, bis auf die Erlebnisse und die Erfahrungen, an denen er bis zu seinem Lebensende zehren konnte.
Ein paar gute Freunde waren immer noch da, eine robuste Gesundheit, erträgliche Schmerzen und manchmal auch ein erquickender Schlaf ohne böse Träume. Entsprach das den einstigen Vorstellungen vom Glück?
Letztendlich war der klug gewordene Waldesel auch nicht viel glücklicher oder unglücklicher als andere Tiere. Nur lebte und handelte er bewusster. Das bewirkte Zufriedenheit.
Glück war kurzlebig, zerbrechlich und vergänglich – und immer relativ wie die sich wandelnden Perspektiven. Jeder war letztendlich seines Glückes Schmied – und ein gültiges Rezept zum Glücklichsein gab es nicht.
Jeder sah die Welt anders, jeder erfühlte sie anders - und jede Illusion war anders. Die Weisheit verhalf aber dazu, die Chimäre zu durchschauen, statt ihr ewig nach zu jagen. Gelegentlich ging der Maestro hinaus in die erhebende Natur, erhob sein Haupt zur Sonne und dankte der Gottheit, dass sie ihm gerade dieses Schicksal gegeben hatte – und kein anderes.
Er hatte gelernt, dass gewisse Dinge nicht abänderbar sind auf der Welt; und das andere, die die eigene Existenz betreffen, durch eigene Tatkraft und permanentes Agieren sehr wohl geändert werden können – in beide Richtungen.
Aus dem störrischen Esel von gestern, aus dem Willenstier und Rebell, aus dem Anarchisten aus natürlicher Fügung, war nun endgültig ein stoischer Esel geworden – einer, der schier alles ertragen konnte. Obwohl er vieles eingebüßt und für immer verloren hatte, obwohl der Verlust groß war, der Schmerz und die Trauer, hatte er dafür sich selbst gefunden und sein relatives Glück, das wankelmütig war und trügerisch wie die Perspektiven der Wahrheit.
Alles war letztendlich im Fluss – und nichts war beständiger als der Wandel.
Alles war der Zeit unterworfen und der Vergänglichkeit – und alles Werden war ein Neuwerden. Heraklit, der Finstere, hatte die Dinge schon sehr klar gesehen. Und seit jenen Tagen kam nicht mehr viel Neues vor die Sonne.
Diese Erkenntnis brachte ihm die lange erstrebte Seelenruhe ein, die Zufriedenheit und den inneren Frieden.
Der aufwühlenden Morgenröte folgte ein mild versöhnliches Abendrot.
Wenn er nicht in seinen grünen Garten weilte, sah man ihn manchmal durch den Park schlendern, wenn die Blätter trieben.
Die Agora in der Stadt mied er wie das Forum und den Markt. Denn dort drohten beritzte Scherben oder manchmal gar fliegende Steine, die auf keine Goliaths zielten.
Der ganz große Ruhm hatte sich nicht eingestellt. Denn er redete nicht für alle Ohren. Und scheinbar war auch etwas wissenschaftliche Ehre auf der Strecke geblieben, seitdem er die Hallen der Alma Mater verlasen hatte.
Doch was kümmerten ihn Ruhm und Ehre, wo doch noch die Würde da war und die Freiheit, jene unantastbaren Güter, die in keinen Koffer passten, beständige Werte, die er gerne für alle Tiere der Welt eingefordert hätte.
Sein Rückgrat war trotz aller Lasten gerade geblieben und unbeschädigt wie das aufrecht erhobene Haupt. Nie wieder ließ er den Kopf hängen.


In der Natur eingebettet tiergemäß leben – das war nunmehr sein Bestreben, ganz im Sinne seines immer noch gültigen Leitsatzes aus der Jugendzeit, den er gelegentlich im Staunen an der Welt vor sich hermurmelte:
Ich bin ein Tier – und nichts Tierisches ist mir fremd.
Milde geworden, zog Faustinus sich fast vollkommen in die Abgeschiedenheit seines Gartens zurück und führte dort ein kontemplatives Leben zwischen schöpferischer Einsamkeit und anregender Geselligkeit.
In der heilen Welt Concordias, das der Garten Eden Siebenbergens war, ein Paradies und ein Schlaraffenland, hatte sein bescheidenes Leben den Ausgangspunkt genommen – jetzt hatte er sein Concordia wieder, sein gelobtes Land, das er schauen und betreten durfte.
Im kleinen Glück des Gartens ohne Gartenzwerg spiegelte sich das mögliche Glück der großen Welt – denn hier herrschte er bereits: der ewige Friede.
Friedfertige aller Art waren um ihn. Der Freundschaftskult blieb ihm heilig wie die reine Liebe und das Philosophieren in froher Runde.
Bis ins hohe Eselalter hinein umgab er sich mit Charakteren, die den Künsten zugeneigt waren, der großen Literatur, dem strengen Denken und der göttlichen Musik.
Wenn einer kam, um ihm die Zeit zu stehlen, um ihn von schöpferischen Dingen abzuhalten, dann blieb er trotzdem freundlich. Denn auch er war einst als Lernender in die Welt aufgebrochen.
Er genoss es sehr, wenn alte Freunde um ihn waren, bewährte Gefährten aus Zeiten der Not und Gefahr. Und er freute sich auch, mit verwandten Geistern und Seelenfreunden unter Kirschblüten, Traubenhängen und versponnen Rosen beim Symposion zu lagern.
Selbst mit rotbackigen Eselinnen philosophierte er noch gelegentlich über die Liebe in Gedenken an den romantischen Aufbruch seiner Jugend, denn im Herzen war er ein barocker Dionysiker geblieben,  einer, der immer noch tanzend und singend seinen Geist entfaltete.
Manchmal sprach er auch von der großen Sehnsucht, die alles Seiende durchströmt:
Von der Sehnsucht, zurück zum Ursprung,
von der Sehnsucht nach der Ferne,
von der Sehnsucht nach mystischer Versenkung
und von der Sehnsucht nach Offenbarung.

„Wenn ihr die Seelen der Geschöpfe berührt mit eurem Geist und eurer Kunst, dann werden euch alle Herzen zufliegen“,
 lehrte Faustinus.

Den traurigen Dingen des Alltags, die oft von allen Seiten auf ihn niederprasselten wie Hagelschlag, setzte er die Lebensfreude entgegen und wirkte so als Vorbild. Manchmal, wenn es zu laut und zu bunt wurde in der Runde, dann atmete Faustinus erleichtert auf, wenn seine Gäste wieder gingen.

Gesamtkunstwerke wollte er keine mehr schaffen, eher kurze Aphorismen zur Lebensweisheit; aber an dem einen Geschaffenen wollte er sich auf ewig erfreuen.

Äußerlich lebte er kynisch karg wie andere Esel und brauchte fast nichts mehr an Hab und Gut bis auf das wenige, was den Leib im Leben hielt.
Diogenes war ihm ein Vorbild.
Wenn Faustinus nicht gerade in Büchern las, lange Briefe schrieb; wenn er nicht gerade einem Hymnus auf das Leben dichtete, wenn er nicht komponierte oder nur sphärischen Klängen lauschte; wenn er nicht in Dialoge vertieft mit Freunden und kritischen Köpfen aller Art über Gott und die Welt diskutierte, über Gleichheit und Gerechtigkeit, über Ethik und Pflicht, über Wahrheit und Lüge und über den Schleier der Maya, dann gab er sich den schlichten Naturwissenschaften hin. Dann züchtete er im Schweiße seines Angesichts mit einer nur ihm eigenen Eselsgeduld Reben und Rosen.
Die Ungeduld seines Herzens hatte ihn in jungen Jahren manchen überhasteten Fehlschritt beschert. Nun war Faustinus ruhiger geworden, bedachtsamer und klüger. Das Züchten war sein Schöpfertum im Kleinen, sein Weg, aus Etwas ein Anderes zu machen, ein Edleres und Höheres – das war seine Alchemie des Alters.

Wenn ihm im Herbst ein guter Wein gelang, dann freute er sich, die Glut der Wahrheit mit den Sinnen zu fühlen, auf der Zunge und in den müden Gliedern. Die Suche nach dem Wesen der Wahrheit aber hatte Faustinus aufgegeben wie die Jagd nach lebensfremder Abstraktion.
„Das Wesen der Wahrheit ist die Freiheit“ – hatte ihn der Eremit in der Blockhütte gelehrt.
Das genügte ihm. Denn hinter der Freiheit wartete das Glück.

Und wenn nach jahrelangem Mühen eine seiner neuen Rosen das Licht der Welt erblickte, in neuen Farben und mit neuem Duft, waren dies Genüsse, die er mit Augen und Nüstern aufnahm und die er jeder metaphysischen Hinterwelt vorzog. Das Leben war in der Pflanze gut aufgehoben – und trotzdem hatte es sich emanzipiert!

Es gab ein Seiendes – und eben kein Nichts!

Das Leben war kein Irrtum.
Denn die Musik gab ihm Sinn als göttliche Offenbarung.
Die Liebe war konkret und immer erlebbar.
Und das Glück!
Manche Anschauung konnte dabei in stiller Betrachtung und im regen Austausch mit schöpferischen Geistern weiter vertieft werden. Niemand lernte endgültig aus. Der Entwicklungsprozess von Geist und Seele ging ewig weiter. Kein Gespräch gab es, aus dem er nicht weiser hervorgegangen wäre.

Doch mied Faustinus die ganz großen Ideen, das Reden über die Freiheit und das Glück, weil er sie nicht zerreden wollte.
Die Freiheit hatte ihm viel Glück gebracht, aber auch Unglück. Faustinus wusste jetzt, dass sie genossen werden musste wie eine Arznei, nicht wie eine Droge.

Wunder erwartete er keine mehr. Doch harrte er der Begegnungen mit seinen Mitgeschöpfen, die edel waren, hilfreich und gut.
Einsamkeit, Melancholie und Pessimismus waren verflogen. Die Götter hatten ihn geschlagen und ihm viel genommen – wie einst Hiob, um ihm zu zeigen, was ein sinnvoll gelebtes Leben wirklich ausmacht und was es lebenswert macht.
Eine glühende Aura der Begeisterungsfähigkeit und Positivität umgab ihn – eine Zuversicht, die Faustinus auch verströmte.
Die Sonne sank – und eine Morgenröte folgte. Vielleicht kam irgendwann noch eine neue Liebe und ein großes Glück!

ENDE

Copyright: Carl Gibson

Das Rotschwänzchen und der Eichelhäher

Das Rotschwänzchen und der Eichelhäher






Eines Tages, als viele Tiere von nah und fern vergnügt im Kreis zusammen saßen, hielt der Esel die Zeit für gekommen, seine wichtigsten Fernziele zu definieren, damit jedermann etwas vor Augen habe, woran er seine künftige Existenzplanung ausrichten könne, ein Sinnobjekt der Zukunft, das realistisch war und sogar wahrscheinlich – ganz nach der Evolution, die aus einfachen Gebilden wie dem Wurm höhere Wesen gemacht hatte wie Ochsen, Kamele, Affen, Elefanten und die längst schon ausgestorbenen Drachen der Urzeit, die Dinosaurier.


Die Natur selbst hatte ihm ein Gleichnis zugespielt, eine Fabel der nackten Wirklichkeit, die reinigend und erhöhend wirkte wie die Katharsis des Purgatoriums.

„Freunde!
Die Geschichte, die ich euch heute erzählen will, ereignete sich vor wenigen Tagen vor meinen Augen im holden Mai. Hier oben auf dieser hohen Säule, wo Fortuna thront, hatte ein Rotschwänzchenpaar sein Nest errichtet – ein kleines Vogelnest als Heim für die künftige Brut.
Das emsige Bauen erfreute mein Herz; und sehnend erwartete ich ihr kommendes Glück. Bald waren die Eier ausgebrütet. Neues Leben regte sich. Die Kleinen piepsten mit Macht – und die Eltern flogen weit hinaus, um ihnen kräftigende Nahrung zu bringen.

So wuchsen sie heran.

Und Tag für Tag wurde ihr Schreien fordernder. Die Kleinen schrien so laut, bis der bunte Eichelhäher aus dem nahen Hain auf die Beute aufmerksam wurde. Er stürzte heran, schnell und unerbittlich wie der Habicht auf die zarten Kücken und wollte schon ein flaumiges Rotzschwänzchenjungen verschlingen, als ich gerade noch mit einer Stange dazwischen fahren konnte – wie damals auf dem Misthaufen im Hühnerhof.

Wieder konnte ich das größte Unheil verhindern. Der Häher stob aufgeschreckt davon, und ich atmete erleichtert auf. 
Wieder einmal war eine Tragödie verhindert worden.

Doch als ich am nächsten  Morgen hoch sah, war das Nest leer, verwaist. Selbst die enttäuschten Eltern waren in ihrem Schmerz auf und davon geflogen.

Eindeutig, Freunde, ist die Moral dieser Geschichte!

Und sie verweist auf die Struktur unserer Lebenswelt, die immer noch so ist, wie sie ist:

So lange ein Tier das andere auffrisst, wird es den ewigen Frieden nicht geben, von dem die Tiergemeinschaft träumt.

Wir müssen etwas gegen diesen Zustand tun – und wir müssen das Sein der Welt ändern, indem wir zunächst unser Verhalten ändern!

Nicht das Schwert ist die Lösung, noch die Hetzjagd!
Nicht der Triumph der Starken über die Schwachen! 
Sondern das Mitleiden, die Milde, die Friedfertigkeit und die Einsicht.
Darüber last uns nachdenken und handeln!

Erst wenn der Löwe Beeren frisst wie der mächtige Waldbär, dann hat die Tierheit eine Zukunft!
Der ewige Frieden ist meine große Sehnsucht! Mit ihm kommt sicher auch die Liebe und das lange Glück!

Vertrauen wir der verborgenen Gottheit ohne Namen!

Wenn Gott es will, werden wir die Einsamen von heute zu einer großen Gemeinschaft zusammen führen, zu einer Gesellschaft von souveränen Geistern. 
Wir werden ihre Melancholie heilen und aus ihnen ein Volk von freien Tieren machen! 

Und wir werden auch, wenn das allmächtige Schicksal es zulässt, bessere Tiere formen und edlere Tiere, die lachen, die weinen, die die Schöpfung achten – noch über Prometheus hinaus!"

Keine neuen Tiere sollten es sein, keine Übertiere wie in den Staaten der Wölfe und Bären – und wie jüngst erst bei uns im Reich der Esel, sondern sittlich höher stehende Tiere, dem Mitleiden verpflichtet und der Fernstenliebe; Tiere, die alle Grausamkeit hinter sich gelassen und für alle Zeiten überwunden haben. 
Das Verhalten des Wolfs in der Runde, der das Jagen und das Kreidefressen aufgegeben hatte und der gütig drein blickende Braunbär ermutigten ihn zu solch kühner Vision.
Der nicht mehr wilde Wolf schleckte jetzt Haferschleim und Griesbrei wie die Menschenkinder aus dem Märchen und der starke Brummbär begnügte sich fortan mit Beeren. 
Der mächtige Hirsch äste vergnügt an Waldrand und der grimmige Eber mit den scharfen Hauern nahm mit Eicheln und Kastanien vorlieb. Wenn die Not groß war, und wenn es sein musste, fraß selbst der Teufel Fliegen.
Das Blutvergießen hatte ein Ende – und die Schlachtanstalten wurden beseitigt. 

Kein Schafott sollte es mehr geben und kein Schlachtfeld, auch wenn Metzger und Krieger ihr Handwerk verloren.

„Wir werden die Tiere an dieser Tafelrunde zusammen führen, Auge in Auge, den Hund und die Katze, den Wolf und das Schaf, den Mungo und die Kobra – und wir werden daran arbeiten, das Bewusstsein mächtiger zu machen als den Trieb.

Wenn wir den Leu, den Wolf und den Kondor dazu bringen, Pflanzen zu fressen, um zu überleben, wie es Hirsch, Bär und Eber vormachen, dann können Darwin und Pawlow einpacken. Der freie Wille und das höhere Bewusstsein werden einst über jeden Determinismus siegen und über jeden Trieb. 
Dann werden alle Friedfertigen an einem Tische sitzen in einer Runde. 
Dann haben wir es wieder – das neue Avalon!

Dann erst wird meine große Sehnsucht gestillt sein“.

Solches verkündete der Waldesel in einer heiteren Stunde.

Er ist und bleibt ein Idealist, ein Anarchist, ein Utopist, kommentierten einige Pharisäer auf dem Markt, die das Hinauf der Kreatur nicht wahrhaben wollten. Die klare Hierarchie des Himmels sprach dagegen, die Engelsordnungen und die Struktur der Schöpfung. Nach ihrer Auffassung sollte der gierige Wolf ein Wolf und das blökende Schaf ein Schaf bleiben. Die Notwendigkeit, an einem sittlichen Ziel festhalten zu müssen, an einer regulativen Idee, das sahen die Verstockten nicht.

Einige, die das lebensfreudige Tun im Garten mit Argusaugen beobachteten, hielten den Waldesel gar für einen Ketzer, für einen weltanschaulichen Sektierer, der nicht nur der freien Liebe, sondern auch einer großen Gleichmacherei das Wort redete, einer aristokratischen zunächst – und dann gar einer kommunistischen?

Die offizielle Religion der Republik und damit das Fundament des Staates werde so untergraben, argwöhnten sie, obwohl er gelegentlich auch von Gottheiten redete und von Werten, die in der ungeschriebenen Magna Charta der Eselsrepublik verankert waren.

„Wie hältst du es mit der Religion – und mit dem schöpferischen Vater dahinter?“

provozierte ihn eines Tages ein Schriftgelehrter, als Faustinus sinnend durch den Park streifte. Viele Tiere spitzten die Ohren, um zu hören, wie der Esel nun den Kopf  aus der Schlinge zog. Selbst Götter konnten an solchen Fragen scheitern.

„ Götter sind ewige und glückselige Wesenheiten – und in ihrer ewigen Glückseligkeit leben sie in den Intermundien, ohne sich um den Lauf der Gestirne und um das Einzellos der Tiere zu kümmern. In ihrer Vollkommenheit und in ihrem ewigen Glück sind sie uns ein Vorbild, dem wir nacheifern sollen. Doch Gottheiten greifen nicht in unser Tun ein. Wir brauchen sie nicht zu fürchten!“

So rechtfertigte sich der Bedrängte, der die Lehre seines Urahns seit langem verdaut hatte, die Botschaft Epikurs, der alle Angst und Furcht aus der Welt schaffen und durch die Lebensfreude ersetzen wollte.

Epikur hatte den Garten Eden zu neuem Leben erweckt, für seine Zeit, für die Renaissance und für alle Tiere von heute, die Ohren hatten, um bestimmte Weisheiten zu hören. Denn hinter der Überwindung von Erbsünde und Höllenqual wartete die Freiheit – die eigentliche Selbstbestimmung der Individuen. Ein sinnvolles Leben war nur dann zu gestalten, wenn keine Abhängigkeit vorhanden war – und die Angst generierende Abhängigkeit.

Freigeistigkeit blieb der Grundsatz all seines Philosophierens. Denn alle Denker, denen er seine Erkenntnisse verdankte, waren Aufklärer gewesen, die frechen Sophisten ebenso wie Sokrates, Diogenes, der große Epikur, die Universalgenies der Renaissance bis hin zu Voltaire, Heine und Nietzsche, um nur einige Anständige des Geistes zu erwähnen. Dogmen und Tabus sollte es in seinem Umfeld keine geben.
Wenn ein Grünling kam oder ein Laubfrosch, dann durften sie zwitschern oder quaken wie ihnen Schnabel und Maul gewachsen waren.

Der Meister nahm jedes Tier ernst, respektierte seine Wesenheit und sein Sosein; er hörte ihm zu, ließ es gewähren und entließ es auch so frei, wie es gekommen war. Jeder Mitwirkende nahm aus der geistigen Runde nur das mit, was ihm wichtig war. 

So vollzogen sich die Metamorphosen der Einsicht ohne Druck und in der Zeit.
In seinem Reich war jeder Philosoph auch ein König. Jeder schuf sich selbst das Nova Concordia.

Sein Garten ist auch künftig sein Heim und seine Schutz- und Trutzburg, die offen ist und trotzdem wehrfähig.

Weil die schwer erkämpfte Freiheit und der Friede auch gewahrt und verteidigt werden mussten, wurde auch viel über Kampf und Krieg philosophiert, über die großen Schlachten der Weltgeschichte und über die bewegenden Ideen dahinter bis hin zum Kampf des Lichtes gegen die Finsternis – undogmatisch und offen für jedes Argument. 
Wie es viele Wahrheiten gab, so gab es auch viele Methoden, die sie erhellten. Existenzerhellung aber bedeutete Existenzbewältigung.

Eng am Leben philosophierend, zwischen Sein und Nichts, zwischen Glück und Abgrund, war aus dem naiven Novizen aus Siebenbergen ein Magister geworden, ein Meister der Syllogistik, der Aphoristik und der Essayistik, ein Denker und Lehrer, der seine Schüler ebenso verblüffte wie die einstigen Lehrer in fernen Transsylvanien – bis hin zum Kardinal.
Als sein Stern allmählich wieder zu steigen begann und Ruhm, den er nie erstrebt hatte, fernere Eselsohren erreichte, bot ihm eine Abordnung kleiner Eselstaaten die Senatorenwürde an und bald darauf auch noch die Aussicht auf das höchste Amt im Staat. Doch der bescheiden gewordene Esel blieb sich weiterhin treu. Wie er das Kreuz verschmäht hatte, weil ihm die Natur schon ein schweres aufgeladen hatte, folgte er auch diesmal der Geste eines berühmten Vorfahren. Mit Empedokles, dem Elementarphilosophen, der die Winde zügelte und am Ende seines Lebens in den Ätna sprang, wies das hohe Amt zurück.
Auch ihm war die individuelle Freiheit lieber als die Krone eines Herrschers, weil ein Herrscher ewig einsam und keine Macht wirklich frei war. 

Wo aber die Freiheit fehlte, das gab es auch kein Glück.


Auszug aus Carl Gibson,

Faustinus, der glückliche Esel

Mehr unter:

Auszug aus: Faustinus, der glückliche Esel



Der Eichelhäher in den Zweigen einer blühenden Akazie




Er sei sehr scheu, sagt man ...



doch weitaus scheuer ist der Kuckuck, den man oft hört, aber nur selten zu Gesicht bekommt


Die schönen Federn dieses räuberischen Rabenvogels kompensieren das disharmonische Krächzen der Stimme








Junges Rotschwänzchen (Hausrotschwanz)




Copyright für Fotos und Text: Carl Gibson






Von nahen und von fernen Zielen

 


Die Philosophie war eine Alleskönnerin, aus welcher sich mit über Jahrhunderte viele Einzelwissenschaften entwickelt hatten. Sie war eine Weltwissenschaft, eine Mutter, die der Welt viele schöne Töchter geschenkt hatte. Sie war so alt wie die Religion und die Theologie. Und manchmal wurde sie auch mit der Gotteswissenschaft verwechselt oder schlicht zur Magd reduziert. In Wahrheit aber waren ihre Möglichkeiten immens und reichten bis in die Untiefen der Seele, der Faustinus nunmehr viel Aufmerksamkeit schenkte. Das Unbewusste war ebenso präsent wie das Unterbewusstsein und die vielen Kräfte des Irrationalen, die es im dionysischen Taumel und im Albtraum erlebt hatte. Deshalb kreisten die Gespräche nicht nur über Amor und Psyche, sondern oft auch über Gesundheit und Krankheit und über die uralten Zusammenhänge von Psyche und Soma, die Hippokrates und Aristoteles schon beschäftigt hatten.
Gesundheit – das ist die Freiheit von Körper, Geist und Seele.
Und ohne Gesundheit gibt es auch kein Glück!
Also analysierten sie gemeinsam Angst und Furcht, Trauer und Melancholie, Ekstase und Wahn, Hybris und Schuld und Erfolg und Scheitern. Und sie zeigten die Überwindungsformen von Angst und Furcht auf, weil kein glückliches Leben denkbar ist, wenn solche Dämonen regieren.
Furcht, Angst und Terror, das hatte der Esel auf der eigenen Haut erfahren, hemmten jede Freiheit und jedes denkbare Erdenglück. Dialektisch diskutierten sie selbst über die Grausamkeiten der Welt, über Mitleid und Sympathie, über Ataraxie und Apathie, über die Nächstenliebe und die Fernstenliebe, über die Hilfsbereitschaft untereinander und fassten dann alles synthetisch zusammen.
Aus der Quintessenz des Ganzen, das aus vielen wertvollen Einzelerkenntnissen bestand, entwickelten sie Modelle, frei zu sein und sich der Abhängigkeit des Staates zu entziehen, indem sie sich wappneten und gegenseitig stützten.
„Raus aus der Tretmühle!
Weg vom Laufrad!
Frei werden von jeder Gängelung!“
So lauteten einige Devisen, die die angestrebte Richtung markierten und den Handlungsakt auf den Punkt brachten. Wo andere alles umnebelten, bemühte Faustinus sich um Klarheit, ganz nach der Art des guten alten Cartesius.

Das Sein in der Eigentlichkeit war ihr großes Ziel, das Freisein von äußeren Zwängen und Abhängigkeiten, um für das Eigentliche und Sinnsetzende im Leben da sein zu können.
Positive Begleitphänomene wie Solidarität und Nächstenliebe im Kreis ergaben sich fast von selbst. Einer brachte Äpfel, ein anderer Nüsse, wieder andere brachten frisches Stroh, das noch gedroschen werden konnte. So formte sich eine von gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägte Lebensweise, die auch außerhalb des Kreises erfolgreich praktiziert wurde. Unbemerkt reifte innerhalb des Zirkels und Gartens eine Insel der Seligen heran, die meinungsbildend auf die Umwelt ausstrahlte.
An diesem Modell hatte Faustinus ein ganzes Leben lang gearbeitet. Es war ein normativer Utilitarismus der Neuzeit, der von Epikur zu Kant führte.
„Nimm die besten Zutaten und mach ein großes Gericht daraus“,
hatte sich Faustinus einst gesagt, als er noch öfters selbst am Herd stand. Er war Eklektiker und Genießer zugleich. Jetzt sah er mit Wohlwollen und Zufriedenheit, dass dieses Autarkiestreben auch die Gehirne seiner Mitgeschöpfe beschäftigte.

Der Staat, der Erfinder des Laufrads, der Tretmühle und des Jochs, der Zwingherr Staat, das kälteste aller Ungeheuer seit Leviathan, sollte keine Macht haben über das Wirken seiner Untertanen, insofern sie sich selbst einem kategorischen Imperativ unterwarfen – dem Modell der Stachelweine, die genau wussten, was die Intimsphäre des anderen ausmacht.
Im Staat der Wölfe war das Individuum ein Nichts, das rücksichtslos dem gefräßigen Ungeheuer geopfert wurde, damit es der abstrakten Bestie gut ging. An dieser Haltung wollte Faustinus einiges ändern. Denn das Staatsmodell der Wölfe war nicht einzigartig auf der Welt!
Ja, wenn man genau hinsah, war es nicht die Ausnahme unter den Staatsformen, sondern die Regel. Und die Individuen wurden überall geknechtet und im Joch gehalten, selbst in der Republik der Esel, nur subtiler.

Zurück zur Natur – alte Weisheiten in neuen Farben und Tönen


Solche Überlegungen bewogen den mild geworden Waldesel, in seinem ewigen Blütenmeer ein therapeutisches Zentrum einzurichten, in welchem die neuesten Erkenntnisse der Seelenkunde spielend umgesetzt werden konnten – im Umgang mit Farben und im Umgang mit Musik.
Jedes der vielen keinen Zimmer in dem flachen Bau hinter der großen Säulenhalle erstrahlte in einer anderen Farbe. Wer nachdenken oder nur im kleinen Kreis philosophieren wollte, konnte sich in einen der Räume zurückziehen und die Farben auf sich wirken lassen. Blau wirkte anders als Rot. Und Gelb wirkte anders als Türkis. Die Sepia kündete davon und die vielen Chamäleons, die sich von Anfang an eingefunden hatten.
Wer überschäumend war von Glück, durfte sich in einem kühlen, dunklen Loch beruhigen. Wer das Nichts erleben wollte, setzte sich vor eine weiße Wand. Und wer zu den Sternen wollte, blickte in der Nacht hinaus zum Firmament und dachte über seine Stellung im Kosmos nach. Klopfte ein müder Wanderer an die Pforte, gab man ihm eine Decke und ließ ihn geschützt übernachten. Und wenn Nahrung da war, dann teilte man sie mit ihm.
In anderen Räumen waren Musikinstrumente untergebracht, alte und neue, klassische und moderne. Es waren Instrumente aus Holz und Metall, Flöten und Harfen, Mandolinen und Geigen und vieles mehr, auf welchen jedermann auf seine Art spielen durfte. Als Kind hatte der kleine Waldesel die vielen Instrumente einst im Kaufhaus bewundert. Unerschwinglich und unerreichbar fern erschienen sie ihm damals. Und jetzt waren alle Glücksbringer hier – und für alle da. Sie formten ein großes Orchester, in welchem wirre Töne zusammenklangen und aus einem scheinbaren Chaos eine harmonische Ordnung erzeugten. Wer am Musizieren Freude hatte, konnte zupfen und kratzen nach Herzenslust. Kranke genasen davon. Und Gesunde wurden froh. Da Faustinus nicht nur ein begnadeter Tonsetzer war, sondern auch noch ein geschickter Instrumentenbauer, hatte er der Sammlung einige seiner neusten Kreationen hinzugefügt, um so neue Wege zu gehen auch in der Musik, und um neue Töne erklingen zu lassen – jenseits von Dur und Moll. Sein wiedererwecktes Bewusstsein, das nie richtig zur Ruhe kommen wollte, trieb ihn auch dazu an. Die Seelenruhe der Vielen aber war ihm wichtiger – und die Genesung aller einsamen Melancholiker unter der Sonne.

Faustinus, der Waldesel aus Siebenbergen brauchte nicht lange darüber nachzudenken, worüber in seinem geistigen Zirkel philosophiert werden sollte. Das nackte Leben hatte auch diesen Plan vorgegeben:
Nicht über Dies und Das, nicht über Gott und die Welt, nicht über das Wolkenkuckucksheim des Aristophanes, noch über das Eiapopeia vom Himmel, das das Volk einlullt, den großen Lümmel, sondern über Dinge, die unmittelbar die Existenzbewältigung betrafen, sollte gemeinsam nachgedacht werden.
Die Phänomene der Existenz sollten aus allen Sichtweisen heraus betrachtet, ausgelotet, methodenpluralistisch analysiert und interpretiert werden.

Die Freiheit – das war das offene Ohr für alles, was Geist und Seele hervorbrachten.
Einige existenzielle Erfahrungen hatte Faustinus selbst gemacht. Und die Essenz davon, wollte er weiter geben. Idealistisch und mit versponnenen Romantizismen im Kopf war er einst in die fremde Welt gestartet. Doch inzwischen hatte das Leben ihn zum Realisten umgeschmiedet, zu einem existenziellen Denker, der das Leben so sah und nahm, wie es war, exponiert und gnadenlos – mit einem Hauch von Moral versehen und mit einer kleinen Prise Kunst.

Die Bestie war noch übermächtig in vielen Tieren. Deshalb kam es darauf an, das Leben zu meistern und es trotzdem auf ein höheres Ziel hin zu entwerfen, auf ein Ziel hin, das jedes Tier nicht nur überlebensfähiger machte, sondern auch besser und edler. Faustinus bündelte alle seine selbst gemachten Lebenserfahrungen und formte daraus eine praktische Philosophie, eine Kunst der Lebensführung, die jedem nutzte, dem Individuum in seiner Existenzgestaltung und, indirekt dahinter, auch dem Staat und der Völkergemeinschaft.
„Jeder grüne Garten ist ein Concordia“,
folgerte er.
„Und jeder grüne Garten ist ein souveräner Staat im Kleinformat, der freier und idealer gestaltet werden kann als jedes große und komplexe Staatsgebilde. Ich kann meinen grünen Garten mit mir nehmen wie mein Selbst – und ich kann ihn überall errichten, selbst in der heißen Wüste, weil er in mir ist wie das geläuterte Bewusstsein.“

Wer an seinen Kolloquien für Fortgeschrittene teilnahm, konnte nach einiger Zeit lernen, wie die Individualität und das Selbst aufgebaut und erhalten wurden -  und wie sich gleichzeitig der blinde Egoismus zu aufopferndem Altruismus wandelte. Metamorphosen wurden studiert und Verwandlungen wurden eingeübt, die das Leben aus der Schwere des Alltags in die Leichtigkeit der Existenz führten.
Nachdem Faustinus am eigenen Leib erfahren hatte, wie Werte und Schein auf den Hund gekommen waren, begründete er einen individuellen Kanon von Werten, der nicht ganz neu war, aber in neuem Licht erschien. Auch sprach er oft vom Schein des Scheins.
Sein großes Thema aber blieb die Freiheit.
Tausende Bücher waren über dieses besondere Thema geschrieben worden, unzählige Gedichte und Hymnen. Faustinus erklärte oft und gern, warum das so war. Dabei verwies er immer auf die existenziellen Erfahrungen dahinter.

Die Theorie muss durch das Leben gedeckt sein. Sonst ist jede Philosophie absurd, lehrte Faustinus. Dann fügte er mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit des unermüdlichen Idealisten noch ergänzend hinzu:
„Wenn ich die Wahl habe, dann wähle ich immer die Freiheit, denn sie ist die Bedingung schlechthin, aus welcher jedes höhere Glück folgt, sie ist die „conditio sine qua non“ der eigentlichen Existenz, des Seins und Bestehens in der Eigentlichkeit.“
Endlich hatte er den Eremiten verstanden. Nicht jeder aus dem Gesprächskreis konnte alle Erfahrungen gemacht und alle Phänomene der Welt selbst erlebt haben. Wie Faustinus als kleiner Waldesel einst anderen Vorbildern vertraut hatte, so konnten die Tiere aus Feld und Flur jetzt ihm vertrauen, dem weit gereisten Wanderer aus den Wäldern hinter den sieben Bergen, aus jener archaischen Gegend, wo die Wölfe in die Nacht heulten und wo die Bären, wenn es grimmig kalt war in der Winternacht, mit ihren scharfen Krallen an der Stalltür kratzten.

Einst hatte Faustinus auch den Dichtern geglaubt, ohne zu ahnen, dass Dichter manchmal lügen, wenn sie eigene Mythen in die Welt setzten; er hatte der weisen Eule vertraut, die weitsichtiger war als die Seherin Kassandra und dem schwarz gefiederten Galgenvogel, der die Zeitunterworfenheit aller Dinge mit anderen Augen beobachtete; er hatte dem schnauzbärtigen Wels gelauscht, als er aus Untiefen berichtete, aus Welten, die ein Esel nie hätte ausloten können; und er hatte die wechselnden Perspektiven und Wahrheiten des Fuchses zur Kenntnis genommen, der ein Teufel war und doch kein Teufel – und dessen Kunstfertigkeit bewundert, gültige Verträge virtuos außer Kraft zu setzen.
Weshalb sollten jetzt die symphilosophierenden Mitgeschöpfe nicht auch ihm vertrauen, wenn er vom Loch sprach, von Feuerzangen, vom Ghetto und von den angestammten Grundrechten aller Tiere, von ihrer Würde und von ihrer Freiheit?

Viele kamen in sein grünes Reich, einfach nur, um durch den Garten zu gehen, in dem künstlerisch gestaltet und urwüchsig zugleich alles wuchs und gedieh, was die Schöpfung in die Welt gesetzt hatte. Die Natur an sich war ein ästhetisches Vergnügen. Sie kamen aber auch, um aus der Überfülle zum blauen Himmel zu blicken am Tag und zu den Sternen in der Nacht.
Bescheidenes Glück nannte man das – auch kleines Glück. Und nicht selten verbarg sich eine große Gesundheit dahinter.
Viele lauschten seinen Aphorismen und Sentenzen, seinen Worten, die Flügel hatten – und fügten ihnen konkreativ die eigenen hinzu.
Und die meisten blieben gern, weil sie in dem philosophischen Gesprächskreis erstmals so etwas wie eine geistige Heimat fanden, in deren Mittelpunkt kein Säulenheiliger stand.
Die Einsamen brauchen ein Ziel, wohin sie aus ihrer Einöde entfliehen können, einen Gesprächsort für ihre Ängste und einen ruhigen Hafen dahinter, um auszuruhen von den Martern der Existenz, lehrte der Gartenphilosoph.
„Die Einsamkeit ist etwas, was überwunden werden muss, weil sie die Seele krankt macht und die Geschöpfe traurig. Düstere Melancholie lauert hinter der Einsamkeit, letzte Vereinsamung und Untergang!“

Allmählich fanden sich die unterschiedlichsten Tierarten ein. Eines Tages stieß ein reumütiger Wolf zum Kreis der Gleichen, ein Wolf, der ein anderer Wolf werden wollte. Und bald darauf kam auch ein Bär.
Vieles von dem, was der sanfte Esel zum Gegenstand der Gespräche machte, fand großen Anklang, weil es einsichtig war und jedermann die Ergebnisse dieses Philosophierens auf der eigenen Haut und im eigenen Herzen überprüfen konnte. Fühlendes Sehen stellte sich ein mit Erkenntnissen, die früher kaum für möglich gehalten worden waren.
Oft bestritten die Teilnehmer die geistige Auseinandersetzung, ohne dass Faustinus eingriff. Er koordinierte die Gespräche nur noch aus der Ferne wie ein erfahrener Kapitän zur See und genoss die Früchte der Saaten, die seit der Antike ausgestreut worden waren. Die Sophisten hätten ihre wahre Freude an dieser Runde gehabt, auch die Pythagoreer und Orphiker, Sokrates und Epikur und mancher Hyperboreer!
So entwickelte sich eine Philosophie der unmittelbaren Lebensfreude, die nur einige Neider in der Stadt störte.
„Der Waldesel lehrt die freie Liebe in dionysischer Ekstase. Und er verkündet den Abfall vom alten Glauben“,
wetterten seine Kritiker auf dem Forum.
„Kein Glückseligkeitsapostel ist er und kein Meister der Beschaulichkeit, sondern ein Satyr ist er und ein Faun wie Aristippos und Antistenes vor ihm. Stelen, Symbole der Fruchtbarkeit, kultiviert er in seinem Garten und verführt damit die Jugend wie Ovidius. Und, gleich Horaz, ist auch er nur ein Schwein - aus der verkommenen Herde des Wüstlings Epikur – fürwahr ein Schwein ist er, obwohl er äußerlich nach einem Esel aussieht!“

Gern hätten die Sittenwächter diesen Luzifer aus dem paradiesischen Garten vertrieben, wenn sie die Macht dazu gehabt hätten. Doch diesmal hielten mächtige Freunde ihre Ägide über ihn. Faustinus durfte bleiben und weiter lehren, geschützt durch die Magna Charta eines liberalen Staates, der die Vielfalt der Meinungen dem einsamen Monolog vorzog.
Gerade die jungen Tiere des Kreises philosophierten mit Hingabe und Begeisterung, nicht viel anders, als es ihnen Faustinus, der immer noch ein Enthusiast war, vorgemacht hatte.
Neben den großen Themen Freiheit, Gerechtigkeit und Würde, diskutierten sie lange über lebensnahe Themen,
vor allem über die selig machende Liebe,
über die wahre Freundschaft,
über die vielen Formen das Glücks und
über die steinigen Pfade, die dorthin führten. Gemeinsam lauschten sie dem Gesang der Schwäne und dem Lied der Dornenvögel.. Vereint lasen sie im Ovid – in seiner Kunst des Liebens und in den Metamorphosen.
In Sympathie durchlebten sie seine Verbannung am Pontus, seine Einsamkeiten am fernen Meeresstrand, sein Ausgestoßensein und die Traurigkeiten seiner Elegien. Sie lasen im göttlichen Shakespeare; und mehr und mehr lasen sie auch in Goethes gewaltigem Werk. Und sie weinten mit Werther und dem Harfner.

Aber sie philosophierten auch über ganz profane Dinge des Alltags, über das Kauen und Verdauen,
über das Spiel und den Spieltrieb,
über das Spiel mit den Worten,
über Worte, die Flügel hatten wie Pegasus und
über Sätze, die befruchtend durch Jahrhunderte geisterten wie bunte Schmetterlinge auf der Blumenwiese.

Der Humor beschäftigte sie und das Lachen des Satyrs, der tanzend und liebend sein Leben lebte.
Manchmal lachten alle heiter auf in froher Runde, weil Geist in höchster Abstraktion immer noch viel mit Witz zu tun hat.
„Philosophie muss nicht trocken sein“, sagten sie sich, „sondern feucht und manchmal nass!“
Wer sagte, Tiere könnten nicht lachen?
Im Kreis der Begeisterten stand der Humor immer hoch im Kurs, während der tierische Ernst nur noch in den kalten Zentralen der Macht regierte. Nur lachten Tiere eben anders, weil sie auch anders  fühlten.
Wer wusste davon?
All jene, die den Tieren Seele und Bewusstsein absprachen, redeten im Grunde nur von Dingen, die sich ihrem Erkennen entzogen, nicht anders als der Blinde von der Sonne. Unterstellungen und Vorurteile aber waren die Grundlagen für Hass und Spaltung, für Rivalitäten und Krieg. Die Vernichtung wurzelte im Vorurteil und in der Überheblichkeit einer Art über der anderen. Auch in diesem Punkt sah der reif gewordene Waldesel noch viel Handlungsbedarf.
Oft philosophierte der Meister nur noch, indem er schwieg. Aufmerksam lieh er anderen sein Ohr.
„Ich schenke ihnen meine Zeit“, sagte er.
Also gab er ihnen das, was ihm am wertvollsten war, ohne groß darüber zu reden. Daher stammt das Wort, schweigen sei Gold.

Copyright: Carl Gibson

Im Garten - Der Neuentwurf und die philosophische Schule

Leicht enttäuscht kehrte der Suchende in seinen grünen Garten zurück, der noch urwüchsig dalag wie ein Urwald.
„Jetzt kommt es darauf an, den Gedanken eine Heimat zu geben. Ich muss den Wildwuchs in Form bringen, das Chaos  gestalten und es dann mit Leben erfüllen, mit höherem Leben. Denn was nützen köstlichste Aphorismen und die genialsten Essays, wenn sie widersprüchlich sind und die  Geschöpfe verwirren. Die Philosophie darf nicht länger selbstverliebt um sich selbst kreisen wie das Ego des Narziss; und sie darf auch nicht um ihrer Selbst willen da sein, sondern sie muss für alle nachvollziehbar werden und das Leben aller planbar machen, obwohl es chaotisch ist und dem Irrationalen unterworfen.
Wenigstens ein Teil des Weges muss geplant werden können, indem mögliche Fehler erkannt und vermieden werden. Der Schöne Ort, der hier entsteht, soll ein Mittel sein zum Neuentwurf.
Der Garten soll ein Medium sein, um die großen Ideen veranschaulichend verständlich zu machen und um dem Wahren, Schönen und Guten zum Durchbruch zu verhelfen.
In dem Garten werde ich dann zum Symposion einladen wie die Griechen. Freunde werden kommen und Fremde, aus denen Freunde werden können. Wenn es sein soll, wird daraus eine Schule erwachsen  wie einst die Schule von Athen oder die Akademie von Florenz! Und wenn mir die Gnade des Lehrens beschieden ist, dann werde ich auch lehren und heilen dürfen, als Denker und als Künstler, als geistig Schaffender!“

Also ging Faustinus ans Werk und legte selbst Hand an und Huf. Mit bewundernswerter Eselsgeduld pflanzte er tausend Pflanzen, endemische und exotische, Bäume und Sträucher, Gräser und Kräuter, Feigen und Datteln, Linden und Eichen, Bambus und Schilfrohr. Die Reben formten sich zur Laube und die Rosen spannen sie ein.
Dann wurden die Säulen gemeißelt und die Götterfiguren darauf. Was vorher Idee war, sprang jetzt aus dem Stein wie bei Michelangelo, dem vollendetsten der genialen Bildhauer. Das Verborgene trat ans Licht und wurde Form, apollinische Form vollendeter Schönheit. Was anderes hätte er formen können als engelsgleiche Grazien und Götter mit Eselsohren - den tragischen Dionysos, den wilden Eros, einen tanzenden Satyr und einen vergnügten Faun?!
Freunde halfen ihm dabei, das  Dach aufrichten. Der Esel arbeite so lange an seiner Welt des Schönen Scheins, bis das Abbild der glücklichen Insel im Meer vor ihm stand – ursprünglich und heil!
„Wenn die Welt auch schlecht ist“,
sagte sich Faustinus,
„ so kann ich mir doch selbst meine schöne Welt erbauen – für mich und für meine Freunde, die ich zu meinem Glücklichsein brauche. Jedes Tier ist ein „zoon politikon“ – es ist gesellig seit jeher.
Und die Einsamkeit ist ein Irrweg, der ins Verderben führt.
Die Einsamkeit kann ein Segen sein für die Schaffenden, für die Wenigen!
Aber für die Vielen, denen meine Sorge gilt, ist sie ein Fluch!
Allein schmeckt mir das beste Gericht nicht. Und der feurigste Wein macht mich traurig.
Also werde ich zum Gastmahl laden.
Unter Ölbaumzweigen und Lorbeer und mit dem würzigen Duft blühender Zitronen in der Nase werden wir dann über die Liebe philosophieren und über die große Sehnsucht, die in uns ist. Und dies so lange, bis die Herzen milde werden und empfänglich für die eigentlichen Gaben.“

Noch bevor die Idylle vollendet war, kehrte das Leben ein. Die Singvögel kamen zuerst und sangen. Nachts schlug die Nachtigall. Und die Freunde der Schönheit und der Harmonie folgten.
„Mein Wirken werde ich zunächst auf mein Umfeld beschränken. Erstmals kommt es darauf an, die Dinge zu beeinflussen und zu verändern, die ich verändern kann“, räsonierte Faustinus mit Seneca.
„Wenn ich dann meinen Mikrokosmos nach meinen Vorstellungen positiv gestaltet habe, dann kann ich über ihn auch auf die Struktur des Makrokosmos Einfluss nehmen.“

Epikur, der Gartenphilosoph, Hobbes und Kant bestimmten seine Ethik – und die vielen stoischen Esel der Geistesgeschichte mit ihrer Fügung und ihrer Eselsgeduld. Von diesem Geist getragen entstand die berühmte „Schule von Eselsburg“, die in der Forschung auch als „Eselsburger Schule“ bekannt wurde.

Angewandte Philosophie war ihr Programm, Ethik und Ästhetik, die Kunst des Handels und die Lehre vom Schönen, kurz Philosophien, die dem tatsächlichen Leben zugewandt waren und dem Überleben in einem unzulänglichen Staat und in einer noch unzulänglicheren Welt der Tiere, die immer noch hasserfüllt und gespalten war – und in der immer noch die Grausamkeiten der Starken den Ton angaben. Hinter allem aber standen das kritische Denken der aufgeklärten Kreatur und die sinnsetzende Kraft des gesunden Tierverstands.
„Was nützen uns jede Schönwetterphilosophie und all die Wortklauberei, wenn sie nicht dazu verhelfen, das Wohl aller zu befördern und das Heil unserer Seelen? Glück ist nur möglich, wenn die Seele ihren Frieden hat. Die Philosophie muss die Kranken gesund machen und alle Gesunden glücklich!“

„Aber gibt es ein Glück an sich, das für alle erreichbar ist?
Können alle innerlich frei werden und glücklich?
Oder gibt es doch nur das Glück für mich“, fragte sich der Esel skeptisch, da er den Perspektivismus verinnerlicht hatte.
Wenn die Grundbedürfnisse der Vielen gedeckt sind, ein Dach über dem Kopf, ein Nest, ein Fell oder Federkleid, etwas zum Schlucken und Kauen, dazu noch einige vergnügliche Spiele, dann sind die meisten schon zufrieden. Sie rennen im Laufrad und merken es nicht, weil sie es nicht anders kennen!
Und der Einzelne, was erfüllt ihn mit Lebensglück?
So manches und nichts!
Der Gierige ist glücklich, wenn sein Reichtum anwächst – und der Geizige, wenn er nichts abzugeben braucht von dem, was seine Ahnen gestohlen und gehortet haben. Der Schelm ist glücklich, wenn er einem einen Streich spielt, der Täuscher, wenn er andere hinters Licht führt und der Böse geht in seiner Wesenheit auf, wenn er andere foltern und quälen kann. Wahre Boshaftigkeit macht Sadisten glücklich. Selbst der Schäbige will in seinem Element sein wie der Fisch im Wasser und dadurch glücklich. Fürwahr: Charaktere aller Art bringt die Tierheit hervor, niedere und auch ein paar noble.

„Glück ist, wenn das Gefühl der Macht wächst“, hatte ein rücksichtsloser Philosoph einmal gelehrt, der der Welt den Schleier der Maya nehmen wollte. „Wir aber müssen das Glücksgefühl von der Macht lösen. Halten wir es mit Buddha und Christus, indem wir nicht für die Starken da sind, sondern im dem wir die Schwachen stützen und sie erheben“, folgerte Faustinus und zimmerte daraus die Grundanschauungen seiner Glücksphilosophie. Erst wenn ein Leben in Würde auch mit Sinn erfüllt wird, kann sich irgendwann auch einmal Glück einstellen.

Copyright: Carl Gibson

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