Mittwoch, 6. April 2011

Das Rotschwänzchen und der Eichelhäher

Das Rotschwänzchen und der Eichelhäher






Eines Tages, als viele Tiere von nah und fern vergnügt im Kreis zusammen saßen, hielt der Esel die Zeit für gekommen, seine wichtigsten Fernziele zu definieren, damit jedermann etwas vor Augen habe, woran er seine künftige Existenzplanung ausrichten könne, ein Sinnobjekt der Zukunft, das realistisch war und sogar wahrscheinlich – ganz nach der Evolution, die aus einfachen Gebilden wie dem Wurm höhere Wesen gemacht hatte wie Ochsen, Kamele, Affen, Elefanten und die längst schon ausgestorbenen Drachen der Urzeit, die Dinosaurier.


Die Natur selbst hatte ihm ein Gleichnis zugespielt, eine Fabel der nackten Wirklichkeit, die reinigend und erhöhend wirkte wie die Katharsis des Purgatoriums.

„Freunde!
Die Geschichte, die ich euch heute erzählen will, ereignete sich vor wenigen Tagen vor meinen Augen im holden Mai. Hier oben auf dieser hohen Säule, wo Fortuna thront, hatte ein Rotschwänzchenpaar sein Nest errichtet – ein kleines Vogelnest als Heim für die künftige Brut.
Das emsige Bauen erfreute mein Herz; und sehnend erwartete ich ihr kommendes Glück. Bald waren die Eier ausgebrütet. Neues Leben regte sich. Die Kleinen piepsten mit Macht – und die Eltern flogen weit hinaus, um ihnen kräftigende Nahrung zu bringen.

So wuchsen sie heran.

Und Tag für Tag wurde ihr Schreien fordernder. Die Kleinen schrien so laut, bis der bunte Eichelhäher aus dem nahen Hain auf die Beute aufmerksam wurde. Er stürzte heran, schnell und unerbittlich wie der Habicht auf die zarten Kücken und wollte schon ein flaumiges Rotzschwänzchenjungen verschlingen, als ich gerade noch mit einer Stange dazwischen fahren konnte – wie damals auf dem Misthaufen im Hühnerhof.

Wieder konnte ich das größte Unheil verhindern. Der Häher stob aufgeschreckt davon, und ich atmete erleichtert auf. 
Wieder einmal war eine Tragödie verhindert worden.

Doch als ich am nächsten  Morgen hoch sah, war das Nest leer, verwaist. Selbst die enttäuschten Eltern waren in ihrem Schmerz auf und davon geflogen.

Eindeutig, Freunde, ist die Moral dieser Geschichte!

Und sie verweist auf die Struktur unserer Lebenswelt, die immer noch so ist, wie sie ist:

So lange ein Tier das andere auffrisst, wird es den ewigen Frieden nicht geben, von dem die Tiergemeinschaft träumt.

Wir müssen etwas gegen diesen Zustand tun – und wir müssen das Sein der Welt ändern, indem wir zunächst unser Verhalten ändern!

Nicht das Schwert ist die Lösung, noch die Hetzjagd!
Nicht der Triumph der Starken über die Schwachen! 
Sondern das Mitleiden, die Milde, die Friedfertigkeit und die Einsicht.
Darüber last uns nachdenken und handeln!

Erst wenn der Löwe Beeren frisst wie der mächtige Waldbär, dann hat die Tierheit eine Zukunft!
Der ewige Frieden ist meine große Sehnsucht! Mit ihm kommt sicher auch die Liebe und das lange Glück!

Vertrauen wir der verborgenen Gottheit ohne Namen!

Wenn Gott es will, werden wir die Einsamen von heute zu einer großen Gemeinschaft zusammen führen, zu einer Gesellschaft von souveränen Geistern. 
Wir werden ihre Melancholie heilen und aus ihnen ein Volk von freien Tieren machen! 

Und wir werden auch, wenn das allmächtige Schicksal es zulässt, bessere Tiere formen und edlere Tiere, die lachen, die weinen, die die Schöpfung achten – noch über Prometheus hinaus!"

Keine neuen Tiere sollten es sein, keine Übertiere wie in den Staaten der Wölfe und Bären – und wie jüngst erst bei uns im Reich der Esel, sondern sittlich höher stehende Tiere, dem Mitleiden verpflichtet und der Fernstenliebe; Tiere, die alle Grausamkeit hinter sich gelassen und für alle Zeiten überwunden haben. 
Das Verhalten des Wolfs in der Runde, der das Jagen und das Kreidefressen aufgegeben hatte und der gütig drein blickende Braunbär ermutigten ihn zu solch kühner Vision.
Der nicht mehr wilde Wolf schleckte jetzt Haferschleim und Griesbrei wie die Menschenkinder aus dem Märchen und der starke Brummbär begnügte sich fortan mit Beeren. 
Der mächtige Hirsch äste vergnügt an Waldrand und der grimmige Eber mit den scharfen Hauern nahm mit Eicheln und Kastanien vorlieb. Wenn die Not groß war, und wenn es sein musste, fraß selbst der Teufel Fliegen.
Das Blutvergießen hatte ein Ende – und die Schlachtanstalten wurden beseitigt. 

Kein Schafott sollte es mehr geben und kein Schlachtfeld, auch wenn Metzger und Krieger ihr Handwerk verloren.

„Wir werden die Tiere an dieser Tafelrunde zusammen führen, Auge in Auge, den Hund und die Katze, den Wolf und das Schaf, den Mungo und die Kobra – und wir werden daran arbeiten, das Bewusstsein mächtiger zu machen als den Trieb.

Wenn wir den Leu, den Wolf und den Kondor dazu bringen, Pflanzen zu fressen, um zu überleben, wie es Hirsch, Bär und Eber vormachen, dann können Darwin und Pawlow einpacken. Der freie Wille und das höhere Bewusstsein werden einst über jeden Determinismus siegen und über jeden Trieb. 
Dann werden alle Friedfertigen an einem Tische sitzen in einer Runde. 
Dann haben wir es wieder – das neue Avalon!

Dann erst wird meine große Sehnsucht gestillt sein“.

Solches verkündete der Waldesel in einer heiteren Stunde.

Er ist und bleibt ein Idealist, ein Anarchist, ein Utopist, kommentierten einige Pharisäer auf dem Markt, die das Hinauf der Kreatur nicht wahrhaben wollten. Die klare Hierarchie des Himmels sprach dagegen, die Engelsordnungen und die Struktur der Schöpfung. Nach ihrer Auffassung sollte der gierige Wolf ein Wolf und das blökende Schaf ein Schaf bleiben. Die Notwendigkeit, an einem sittlichen Ziel festhalten zu müssen, an einer regulativen Idee, das sahen die Verstockten nicht.

Einige, die das lebensfreudige Tun im Garten mit Argusaugen beobachteten, hielten den Waldesel gar für einen Ketzer, für einen weltanschaulichen Sektierer, der nicht nur der freien Liebe, sondern auch einer großen Gleichmacherei das Wort redete, einer aristokratischen zunächst – und dann gar einer kommunistischen?

Die offizielle Religion der Republik und damit das Fundament des Staates werde so untergraben, argwöhnten sie, obwohl er gelegentlich auch von Gottheiten redete und von Werten, die in der ungeschriebenen Magna Charta der Eselsrepublik verankert waren.

„Wie hältst du es mit der Religion – und mit dem schöpferischen Vater dahinter?“

provozierte ihn eines Tages ein Schriftgelehrter, als Faustinus sinnend durch den Park streifte. Viele Tiere spitzten die Ohren, um zu hören, wie der Esel nun den Kopf  aus der Schlinge zog. Selbst Götter konnten an solchen Fragen scheitern.

„ Götter sind ewige und glückselige Wesenheiten – und in ihrer ewigen Glückseligkeit leben sie in den Intermundien, ohne sich um den Lauf der Gestirne und um das Einzellos der Tiere zu kümmern. In ihrer Vollkommenheit und in ihrem ewigen Glück sind sie uns ein Vorbild, dem wir nacheifern sollen. Doch Gottheiten greifen nicht in unser Tun ein. Wir brauchen sie nicht zu fürchten!“

So rechtfertigte sich der Bedrängte, der die Lehre seines Urahns seit langem verdaut hatte, die Botschaft Epikurs, der alle Angst und Furcht aus der Welt schaffen und durch die Lebensfreude ersetzen wollte.

Epikur hatte den Garten Eden zu neuem Leben erweckt, für seine Zeit, für die Renaissance und für alle Tiere von heute, die Ohren hatten, um bestimmte Weisheiten zu hören. Denn hinter der Überwindung von Erbsünde und Höllenqual wartete die Freiheit – die eigentliche Selbstbestimmung der Individuen. Ein sinnvolles Leben war nur dann zu gestalten, wenn keine Abhängigkeit vorhanden war – und die Angst generierende Abhängigkeit.

Freigeistigkeit blieb der Grundsatz all seines Philosophierens. Denn alle Denker, denen er seine Erkenntnisse verdankte, waren Aufklärer gewesen, die frechen Sophisten ebenso wie Sokrates, Diogenes, der große Epikur, die Universalgenies der Renaissance bis hin zu Voltaire, Heine und Nietzsche, um nur einige Anständige des Geistes zu erwähnen. Dogmen und Tabus sollte es in seinem Umfeld keine geben.
Wenn ein Grünling kam oder ein Laubfrosch, dann durften sie zwitschern oder quaken wie ihnen Schnabel und Maul gewachsen waren.

Der Meister nahm jedes Tier ernst, respektierte seine Wesenheit und sein Sosein; er hörte ihm zu, ließ es gewähren und entließ es auch so frei, wie es gekommen war. Jeder Mitwirkende nahm aus der geistigen Runde nur das mit, was ihm wichtig war. 

So vollzogen sich die Metamorphosen der Einsicht ohne Druck und in der Zeit.
In seinem Reich war jeder Philosoph auch ein König. Jeder schuf sich selbst das Nova Concordia.

Sein Garten ist auch künftig sein Heim und seine Schutz- und Trutzburg, die offen ist und trotzdem wehrfähig.

Weil die schwer erkämpfte Freiheit und der Friede auch gewahrt und verteidigt werden mussten, wurde auch viel über Kampf und Krieg philosophiert, über die großen Schlachten der Weltgeschichte und über die bewegenden Ideen dahinter bis hin zum Kampf des Lichtes gegen die Finsternis – undogmatisch und offen für jedes Argument. 
Wie es viele Wahrheiten gab, so gab es auch viele Methoden, die sie erhellten. Existenzerhellung aber bedeutete Existenzbewältigung.

Eng am Leben philosophierend, zwischen Sein und Nichts, zwischen Glück und Abgrund, war aus dem naiven Novizen aus Siebenbergen ein Magister geworden, ein Meister der Syllogistik, der Aphoristik und der Essayistik, ein Denker und Lehrer, der seine Schüler ebenso verblüffte wie die einstigen Lehrer in fernen Transsylvanien – bis hin zum Kardinal.
Als sein Stern allmählich wieder zu steigen begann und Ruhm, den er nie erstrebt hatte, fernere Eselsohren erreichte, bot ihm eine Abordnung kleiner Eselstaaten die Senatorenwürde an und bald darauf auch noch die Aussicht auf das höchste Amt im Staat. Doch der bescheiden gewordene Esel blieb sich weiterhin treu. Wie er das Kreuz verschmäht hatte, weil ihm die Natur schon ein schweres aufgeladen hatte, folgte er auch diesmal der Geste eines berühmten Vorfahren. Mit Empedokles, dem Elementarphilosophen, der die Winde zügelte und am Ende seines Lebens in den Ätna sprang, wies das hohe Amt zurück.
Auch ihm war die individuelle Freiheit lieber als die Krone eines Herrschers, weil ein Herrscher ewig einsam und keine Macht wirklich frei war. 

Wo aber die Freiheit fehlte, das gab es auch kein Glück.


Auszug aus Carl Gibson,

Faustinus, der glückliche Esel

Mehr unter:

Auszug aus: Faustinus, der glückliche Esel



Der Eichelhäher in den Zweigen einer blühenden Akazie




Er sei sehr scheu, sagt man ...



doch weitaus scheuer ist der Kuckuck, den man oft hört, aber nur selten zu Gesicht bekommt


Die schönen Federn dieses räuberischen Rabenvogels kompensieren das disharmonische Krächzen der Stimme








Junges Rotschwänzchen (Hausrotschwanz)




Copyright für Fotos und Text: Carl Gibson






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