Samstag, 1. Januar 2011

Die Ziege

Nach einigen Überlegungen, welche Art des Reisens den meisten Gewinn brächte, entschied sich der junge Waldesel für die Zugfahrt in die Freiheit. Wenigstens einmal in Leben wollte er reisen wie ein Fürst, feudal wie Potjomkin und bequem wie Oblomow, um so möglichst lange und viel von dem Angenehmen einer Bahnfahrt zu genießen. Eine abenteuerliche Kutschfahrt durch die grünen Wälder Sylvaniens und über die verschneiten Pässe der Karpaten wäre zwar auch verlockend gewesen, selbst für einen Esel und auf die Gefahr hin, von hungergetriebenen Wölfen angegriffen zu werden. Aber eine Bahnfahrt bot da noch viel mehr und war noch reizvoller als jeder Höhenflug hinaus über die Wolken in den Himmel hinein. Schließlich wollte er der Erde treu bleiben, seinem Element, obwohl er eigentlich ein geborener Fisch war, der wie alles aus dem Wasser kam und im Geiste ein Vogel Ikarus.
Der Rhythmus hatte es ihm angetan, der rhapsodische Takt des Tosens und Brausens und Zischens der alten Dampflokomotive; und dahinter die wartenden Erlebniswelten einer stets wechselnden Landschaft mit buntem Leben überall. Viele Tiere aller Art würde er bald auf dieser wundersamen Reise zu sehen bekommen; fremde Länder und Landschaften bis zum Ziel hin im Wunderland aller Esel, wo die Artgenossen mit anderen Tieren in trauter Harmonie zusammenlebten wie einst alle in Concordia. Vielleicht wurde dies die Reise seines Lebens?
Also verstaute er den Geleitbrief in seinem Beutel und machte sich auf zu den Zügen.
Der Weg führte ihn durch einen großen Park, wo ein paar gelangweilte Wölfe spazieren gingen, manch einer begleitet von einem Schoßhündchen, das munter und fügsam zugleich an der Seite der erhabenen Tiere herumtrollte. Das war also das Glück der Wölfe und der Schoßhunde – wer sich rechzeitig duckt, den trifft kein Schwerthieb, hieß es in diesem Staat.
Viele Esel folgten dieser Volksweisheit, auch andere Tiere und die meisten Wölfe schon aus Gründen der Selbsterhaltung. Wer sich gegen Lupus auflehnte, ganz egal ob Wolf oder Nichtwolf, war dem Tod geweiht. Über solches nachsinnend, erreichte Faustinus eine lichte Wiese, auf der etwas Federvieh herumwatschelte, Enten, Weihnachtsgänse und ein paar Schwäne, die gerade dem seichten Teich entstiegen waren. Unweit des Ufers lag eine weiße Ziege und sonnte sich im Grase. Es war nicht genau erkennen, ob die ferne Verwandte aus der Eselsburger Heimat gerade träumte, meditierte, ob sie über den Sinn von Sein nachdachte, ob sie fabulierte und von Wolkenkuckucksheimen träumte oder ob sie träg geworden vor sich hin döste, nachdem das grünste alle Gräser sie gesättigt hatte. Nur dann und wann hob sie ein Augenlid an und ließ ein Bild hinein.
„Schläfst du noch oder wachst du schon?“
sprach Faustinus das fast schon vertraute Tierlein an, denn er war mit Flachlandziegen aufgewachsen im fernen Concordia. Hier, fern der Heimat, unter Wölfen, fühlte er sich merklich zu ihr hingezogen. Die Ziege zuckte zusammen. Wie aus einem schweren Albtraum erwacht, antwortete sie recht mürrisch:
„Störe meine Kreise nicht, Asinus!
Erkennst du nicht, dass ich hier über das Los der gesamten Tierheit nachsinne und mir Gedanken mache, wie die Welt letztendlich zu erlösen sei. An des Esels Wesen sollte sie einst genesen!
Bastarde! Und was haben wir jetzt: den Willen zur Macht in seiner unmittelbaren Entfaltung! Die Aasgeier bedrohen die Welt mit ihrem Imperialismus, sie überziehen die Erde mit Krieg! Überall schaffen sie nur Unfrieden. Selbst hier in der Wolfsburg sind wir vor ihren Spionen nicht sicher!“


Faustinus fühlte sich provoziert, konterte, fragte nach. So entwickelte sich eine ernsthafte Disputation, in welcher die immer noch übel gelaunte, zickige Ziege weiter gegen die Esel, Maulesel, Maultiere und braune Bergziegen ausholte, indem sie ihnen historisches Versagen vorwarf. Das aus Inzucht erschaffene Maultier sei genauso ein Irrweg der Schöpfung wie die braune Gesinnung der meisten Esel.
Johanna, auf diesen Namen hörte die Mürrische, studierte an der Hohen Schule der Wolfsrepublik dialektischen Lupismus und Atheismus sowie die linguistischen Strukturen der Dialekte der Wölfe, das Heulen und Mitheulen in allen Tonlagen und Facetten realupistischer Ausprägung, natürlich wissenschaftlich synthetisch.
Wie es schien, hatte sie die offizielle Doktrin der Kaderschmiede längst verinnerlicht: Lupismus und Ursismus führten nach ihrer Auffassung zum Heil – und nicht die rückständig retrograden Irrlehren anderer Tiere, die allesamt als Instrumente des Revisionismus ausgemacht wurden.
Die Feinde des Vaterlandes lauerten in den Eselsstaaten des Westens oder sie kamen als Geier und Steinadler aus der Luft, alle Welt bedrohend und großen Lügen überziehend – und dies noch im Namen der Freiheit.
Das meinte sie nicht nur – das war für sie, so schien es dem Esel, letzte Gewissheit. Faustinus staunte und wunderte sich, wie vorschnell eine Flachlandziege zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte, wo es doch so viele Wahrheiten gab, wenn man die Welt von anderer Warte aus betrachtete.
Hatte sie schon einmal Höhenluft geschnuppert?
Hatte sie die Höhen von Geist und Gunst erfühlt, die höheren Sphären der Metaphysik?
Noch mehr verblüffte es Faustinus, mit anhören zu müssen, wie ein grasfressendes Tier, eine Ziege, gerade im Lupismus den Weg zur Emanzipation der Tierheit zu erkennen glaubte! Und dass ihr ein blutrünstiger Wolf, der doch ein natürlicher Feind war, ihr näher stehen konnte als der längst zivilisierte Waldesel aus dem nachbarschaftlichen Siebenbergen.
Offensichtlich war ihr noch nicht aufgefallen, dass der Lupismus als Religion der triumphierenden Bestie nichts anderes war als die braune Irrlehre jenes teuflischen Demagogen, der ein Dichter- und Denkervolk ins Unheil geführt hatte. 
„Sie muss wohl eine inspirierte Ziege sein, die von höherem Wissen weiß, von Erkenntnissen, die mir noch verborgen sind?“
rätselte Faustinus selbstzweifelnd. Er konnte nicht so recht glauben, was er da hörte. Da er aber wesentlich jünger war als die Ziege und ihm die höheren Weihen der Alma Mater bisher versagt geblieben waren, machte er die Unwissenheit seiner Jugend dafür verantwortlich. Er war aber beharrlich und keck genug, um weiter mit bohrenden Fragen in sie zu dringen, um so Weisheiten anzuzapfen, die ihm sonst sicher verborgen geblieben wäre.
Das Märchen von der boshaften Ziege, die poetisch versiert mit geschickten Reimen ihren Herrn täuschte, um ihren Wohltäter zu belasten und dabei mit Lug und Trug für allerlei Ungemach sorgte, hatte Faustinus fast schon verdrängt. Dieses Gemecker aber ließ die vielsagenden Worte wieder aufkommen:
Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, meh, meh!
Es war lange her, als Faustinus darüber geschmunzelt hatte. Geschmunzelt nur, nicht herzhaft gelacht, weil er den tieferen Sinn des Märchens nicht hatte begreifen können.
Weshalb täuschte die satte Ziege ihren Herren, laut verkündend, hungrig zu sein, wo sie doch satt war – und gelitten zu haben unter den bösen Tun ihres Hirten, wo sie doch verwöhnt worden war und sich amüsiert hatte?
Viel Täuschung war in der Welt – und Scheinheiligkeit:
Wovon sollte ich denn satt sein,
sprang doch nur über Gräbelein ….
Jene Ziege aus dem Märchen sagte die Unwahrheit, obwohl sie es besser wusste. Sie log frech und führte andere hinters Licht, in der Hoffnung, dass die ganze Wahrheit nie an den Tag käme. Aber die gute Sonne sah alles – und die gütige Gottheit dahinter, die irgendwann immer für Gerechtigkeit und Recht sorgt.
Faustinus wusste nicht mehr ganz genau, wie das Märchen endete. Wie jenes mit dem Drachentöter und den falschen Zungen?
Setzte die Wahrheit sich letztendlich durch oder triumphierte die Lüge … in einer Welt, die belogen sein wollte, weil sie der Wahrheit nicht standhielt?
Jetzt stand eine leibhaftige Ziege vor ihm, die zu allem entschlossen schien:
Die Farbe der Zukunft ist rot! Doch nicht das Rot der Rose, noch das Rot aus Morgenröte und Abendrot wird es sein, sondern das Rot des Blutes, das vergossen wurde und noch vergossen werden wird bis zur Emanzipation der Tierheit!“
Das war ihre Theorie und der Weg, den man ihr in der Kaderschmiede gewiesen hatte.
Eine tiefere Metamorphose stand dahinter, eine Veränderung des Bewusstseins und das Phänomen, wie aus einer Berg- oder auch Flachlandziege ein Wolf wird.
Wenn Kamele durchs Nadelöhr gehen können, dann kann auch aus einem gehörnten Wesen ein Raubtier werden. Schwarze Herrenhunde hatten das früher gelehrt, in Berufung auf die Heilige Schrift. Heute lehrten die Roten das Gleiche, immer noch oder schon wieder, verbunden mit der alten Forderung, fest daran zu glauben, ohne nachzuforschen. Das war die Doktrin des „Hornvieh- Materialismus“ als theoretische Basis zur Errichtung der „vielfach entwickelten Wolfsgesellschaft“.

Faustinus war inzwischen aufgefallen, dass er es hier offensichtlich mit einer poetisch-seherisch veranlagten Ziege zu tun hatte, mit einem besonders fantasiebegabten Geschöpf, das neue Mythen in die Welt setzte, ja ganze Mythologien schuf und dabei Schein und Sein liebend gern vermengte.
Dichterische Freiheit nannte die Ziege das und verwies auf ihre Satiren und Pamphlete, die sie gerade veröffentlicht hatte, Spottgedichte, in denen - wohl nicht ganz zufällig - Esel, Mulis, ja sogar Ziegen und andere Opfertiere die Dummen waren, die muffig Rückständigen und zugleich die Bösen, während die Wölfe mit keinem Wort erwähnt wurden.
„Diese Ziege ist ganz nach unserem Geschmack“,
frohlockten die Wölfe, heilfroh darüber, dass eine Ziege ihrer eigenen Art zum Verhängnis wird.
„Diese Art ist wert, dass sie zu Grunde geht“,
höhnte selbst Lupus, die Poetin ermutigend, noch mehr solche Fabelgeschichten zu schreiben.
„Kann es sein, dass ein Volk sich selbst aufgibt, sich selbst ans Messer liefert, sich selbst zum Schafott führt?“
wunderte sich der Bergesel. Seine Identität war ihm wichtig, war sie doch Teil seines Selbst! Wenn der Schöpfer nun mal einen Esel aus ihm gemacht hatte, störrisch und zäh, aber noch längst nicht dumm und faul wie in der Fabel verkündet, dann musste er dieses Los annehmen, damit leben und das Beste daraus machen!
Doch sich selbst aufheben, nein!
Das war die große Gesundheit nicht – das war die Philosophie der Opferlammes, das sich gern hingab … zur Vergebung der Sünden oder doch nur sinnlos?
Den Wölfen gefiel diese Haltung – weshalb noch jagen, wenn die gebratenen Tauben einem zum Fenster herein flogen – aus Überzeugung?!
Tausend Gedanken rasten durch den Eselsschädel – und er fühlte, wie sein Blut kochte und in Wallung geriet:
„Wenn diese Überzeugungen Realität werden, dann ist Concordia dem Untergang geweiht. Dann wird Lupus bald alle Esel in die Wüste schicken oder dorthin, wo der Pfeffer wächst und alle Flachland- und Bergziegen sowie die blökenden Schafe hinterher, wenn sie vorher nicht aufgefressen werden.“
Schaufelten die Opfertiere ihr eigenes Grab?
Besiegelten sie ihren großen Exodus selbst?
Oder waren da nur einige Totengräber am Werk, Helfer und Helfershelfer aus politischer Dummheit, die wirkten wie Katalysatoren des Untergangs?
Faustinus verstand die Zeit nicht mehr - ihren Geist und ihren Ungeist. Die Ziege gab Rätsel auf mit dem, was sie verkündete. Was war letztendlich da noch Fakt – und was war bereits Mär und Gaukelei?
„Warst du jüngst auf dem Heldenplatz dabei, bei der Rebellion der Entrechteten und Unfreien gegen die Willkür im Wolfsstaat?“
hakte der freche Esel nach.
„Aufruhr? Revolution?“
wunderte sich die Ziege.
„Für die Rechte aller Tiere wurde dort gestritten – fast alle Tiere aus Wald und Flur waren mit dabei, selbst braune Berggämsen, Mulis und wölfische Renegaten, sogar das bunte Federvieh. Kann es sein, dass ich euch Flachlandziegen in dem Tumult übersehen habe?
Und später unten im Loch?
Wie kommt das?
Habt ihr euer berühmtes Meckern ganz aufgegeben?
Und heult ihr inzwischen gar mit den Wölfen?“

Faustinus hätte liebend gern noch weiter gebohrt, um den Dingen auf den Grund zu gehen, aber er wurde unterbrochen.
„Lass uns mit deiner dummen Fragerei in Ruhe, Bergesel! Du störst!“
meldete sich eine andere Mecker-Stimme barsch aus dem Hintergrund. Ein strammer Ziegenbock mit langem Ziegenbart mischte sich jetzt ein. Er hatte wohl einiges vom Streitgespräch mitbekommen und fühlte sich mit angesprochen.
„Merkst du denn nicht, Dummkopf“, fügte er herablassend hinzu, „dass die Rebellierenden in dieser Republik noch auf einer ganz niedrigen Stufe des animalischen Bewusstseins verharren!
Nicht der „Kampf aller gegen alle“ ist das Lösungsmodell unser aller Zukunft, sondern der wissenschaftlich dialektische Lupismus in Verbindung mit dem internationalen Ursismus.
Diese Weltanschauungen gilt es zu vereinen zur Ideologie und Religion der triumphierenden Bestie, zum Willen zur Macht, der im Lupismus schon antizipiert ist, wenn denn die Tierheit endgültig befreit werden soll.
Der „Kampf für individuelle Tierrechte“ als kritische Bürger aber ist das falsche Prinzip und befördert nur den Egoismus aller Einzeltiere. Hobbes muss überwunden werden durch die Lehren der beiden Vollbärtigen und des großen Eklektikers mit dem Ziegen-Bart!“

Das Plädoyer war kaum noch zu stoppen:

„Das Volk der Esel und seine sylvanischen Bastarde haben längst versagt – jetzt kommt die Zeit der Ziegen, die hier im Wolfsstaat der Wölfe das Vordenkertum übernehmen werden!
Große Visionen sind angesagt, kein neuer Kampf auf Barrikaden!
Wir werden Lupus helfen, das Ideal seiner Welt zu vollenden, wenn es sein muss, auch ohne euch Waldesel, Ochsen, Schafe und Schweine. Suum cuique“
meckerte der Ziegenbock enthusiastisch, scheinbar erfüllt von seiner Mission.
Faustinus hatte natürlich keine Ahnung davon, dass der Ziegenbock längst der Lupisten- Partei beigetreten war und für ihre Ideale trommelte. Jetzt aber begriff er mehr. Es gab da niedere Lupisten, primitive Vollstrecker der Macht – und es gab da auch noch Edel- Lupisten, die den Weg der Opfertiere zum Schafott geistig rechtfertigten und am grünen Tisch Strategien, Verträge und Befehle ausarbeiteten – als Schreibtischtäter und Helfershelfer der Macht.
„Die Gesellschaft des Lichts, an der alle Lupisten im Land unter der weisen Führung des Genies der Karpaten Tag und Nacht uneigennützig arbeiten, ist eine Sache des Bewusstseins. Die Sonne wird vor Neid erblassen, wenn der neue Staat einst erstrahlt!“

So argumentierte der Bock – pro domo wie Cicero.

„Und was ist mit den Idealen der Tiere?“ wunderte sich Faustinus.
„Ideale?“ höhnte die Ziege Johanna.
„Die Bestien verwechseln immer noch Ideal und Wirklichkeit. Wirklichkeit ist das, was real existiert – und all die Fassaden um uns herum sind real!
Brauchen wir ein zersetzendes Dahintergucken und eine nihilismusfördernde Desillusion, wo wir doch den Schönen Schein haben können?“

Faustinus schluckte, unfähig etwas zu entgegnen. Die Wahrheit aus dem Bau wirkte nach und verschlug ihm das I- Aaa!
„Was Trugbild ist und was Wahrheit, das bestimmt immer noch die Partei“,
eilte ihr der Ziegenbock zu Hilfe.
„Und die Partei, bekräftigte er überzeugt, „hat natürlich immer recht!“

Der Hornvieh- Materialismus, auch kritischer Lupismus genannt, lehrte das so. Also musste es stimmen.
Der Ziegenbock redete fast ausschließlich in der Mehrzahl, wenn er sich thesenhaft von Faustinus absetzte.
Er sprach für sich, aber auch für Johanna, als ihr Fürsprecher und Apologet, weil er ihr Vordenker war – und weil er einige Dinge klarer sah, das logische Argumentieren beherrschte und die Argumente besser im Worte einzubinden wusste, während sie den Irrationalismen freien Lauf ließ.
Dass Überzeugungen ideologischer Art auch üble Gefängnisse sein konnten, ahnte der Ziegenbock damals noch nicht – oder er belog sich selbst, indem er an einer Chimäre festhielt und ihr nachjagte, ohne sie als solche zu durchschauen. Dass er aus reiner Bosheit heraus agieren könnte wie die schlimme Ziege im Märchen, wollte Faustinus weder unterstellen noch annehmen.
Einige Zweifel blieben. Die beiden Ziegen hatten ihre Wahrheit gefunden und die Gewissheit: Die Dummen, das waren seit jeher die transsylvanischen Bergesel im braungrauen Fell, während Flachlandziegen von je her weise waren wie alle Wölfe gerecht.

Als Faustinus später zu den Zügen eilte fragte er sich so nebenbei, weshalb sich die Ziegen neuerdings mit roten Bändern schmückten und wozu Hammer und Sichel in der Ziegenwelt nützlich sein konnten. Also dachte er fortan tiefer über Symbole nach, über Metaphern und Allegorien und an die Heiligenbilder, die er an Hals und Horn der Ziegen erspäht hatte. Was er nicht wissen konnte: Einige Ziegen aus der Lupisten- Partei hatten da noch mehr Tarnzeug im Schrank als Alberich im Berg, eine Eselshaut, wenn es sein musste oder eben ein Wolfsfell für alle Fälle. Die Situation entschied, wann was angelegt oder überworfen wurde. So kam man voran im Staat!
Faustinus war inzwischen endgültig zum Gehen entschlossen, während die beiden Ziegen weiter am Wolfsstaat festhaltend und unter den Wölfen bleiben wollten.
 „Wenn wir loyale Wölfe werden und mit den Wölfen heulen“
hatten sie ihm zu guter Letzt zu verstehen gegeben,
„dann werden wir nicht nur die Republik der Wölfe verändern, sondern auch die Wesenheit von Ziege und Wolf!
Wir wollen im Schoß des Lupismus agieren, keine Ketzer sein, keine Abweichler oder Sektierer, sondern wahrhaftige Wölfe wollen wir werden – mit Wolfsblut im Herzen und wölfischem Gehirn, wenn auch vorerst mit Euter, Beutel und dem fahlen Antlitz von Ziegen.
Sollten wir dabei aber unser Gesicht verlieren – und die Perspektive aus den Augen - dann, Asinus, sind nur Dummköpfe daran schuld, die unberufen gewisse Kreise stören!“
Also redeten sie Klartext in der Hoffnung, verstanden zu werden. Könnte es sein, dass psychosomatische Wechselwirkungen aus Ziegen Wölfe machen in einzigartiger Metamorphose und aus schweinefreischfressenden Wölfen Schweine?
Darüber dachte Faustinus noch später nach. Unmöglich war nichts auf der Welt – und was wusste die Schulweisheit der Lupisten von den Welten hinter dieser Welt?
Faustinus, der auch weiterhin an seiner Identität festhalten und ein guter Esel bleiben wollte, verstand manches sehr wohl – nur fehlte ihm gelegentlich der Glaube. Bedenklich schüttelte er den schweren Schädel und trottete von dannen.
Der Zug wartete – und irgendwo weit draußen in der Welt erwartete ihn vielleicht die heiß ersehnte Freiheit … und das große Glück?


Copyright: Carl Gibson

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