Montag, 6. Dezember 2010

Faustinus, der glückliche Esel



Faustinus, der glückliche Esel



Carl Gibson,
Philosoph,
freier Schriftsteller
Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS)
innerhalb der Gewerkschaft
ver.di


Ein modernes Märchen aus Siebenbergen 





Teil I:  Unter Wölfen








Prolog im Kaffeehaus


Einmal im Jahr reiste der deutsche Professor in die Kaiserstadt, um dort seinen wohlverdienten Urlaub zu verbringen. Abends widmete er sich der Kultur und ging in die Oper, während er tagsüber im Kaffeehaus saß. Es war immer das gleiche Künstler-Café in der Altstadt, das ihn anzog. Denn hier pulsierte der Geist noch, während er anderswo längst auf den Hund gekommen war. Das vergnügt über Gott und die Welt philosophieren bei einem Mokka oder „Pharisäer“ ergab sich von selbst. Die Bestellung genügte – und schon war man mitten drin, bei den Dingen selbst, in medias res Pharisäertum?
War das nicht das Schlüsselwort der Zeit und aller Zeit?
Wohin man blickte, gab es Pharisäer, solche und solche, auch jenseits der Politik, selbst dort, wo man sie am wenigsten vermutet hätte, in den Geistesschmieden der Republik. Wer an der Hohen Schule vis-à-vis hehre Geister vermutet hatte, wurde oft eines Besseren belehrt. Die Schriftgelehrten von heute waren weder edler oder redlicher als die im Alten Testament. Sie beriefen sich gerne auf die Heilige Schrift, genau wissend, wer zu steinigen und wer wann zu kreuzigen sei.
Ja, die Exegeten avant la lettre warfen sogar den ersten Stein, ohne zu bedenken, wer wahrlich im Glashaus saß, mitten in der Stadt, auf dem Forum, in der Agora und eben auch an der Alma Mater vor den Augen der Vielen, die noch nicht alle auf den Kopf gefallen waren. Der gesunde Menschenverstand war zwar rar geworden im Alten Europa, aber noch nicht ausgestorben. Trotzdem hatten Lug und Trug ein leichtes Spiel, während die Wahrheit sich mehr und mehr zurückzog wie ein Edelweiß, aus einer Welt, die gern belogen und betrogen sein wollte. Panem et circencis auch für Intellektuelle?
Der Staat zahlte einigen ein anständiges Salair und hoffte auf vorauseilenden Gehorsam. Dafür senkten einige die Augenlider und übten sich ein im stummen Aufschrei. „Wir sind die Stillen“, sagten sie. „Und der Tag wird kommen, wo man uns hören wird“, fügten sie dann noch hinzu in der Hoffnung, den Sanktnimmerleinstag, der ein Jüngster Tag der Offenbarung und Abrechnung sein sollte, nie erleben zu müssen. Also rechtfertigten sie ihr Nichtstun auf galante Weise und entzogen sich dem Handeln müssen, zu dem sie ihr Gewissen längst aufgefordert hatte, wenn denn eins da war in einer Zeit, die Rücksichtslosigkeit und Feigheit zu Tugenden erhoben hatte. Schließlich war es einfacher, wegzusehen, wenn Ungerechtigkeiten abliefen, wenn Rebellen zu Schafott geschleift wurden, denn die Gerechtigkeit war eine Chimäre wie die Freiheit -keine regulativen Ideen, sondern Trugbilder, denen man besser nicht hinterhereilte. Der biedere Staat erwartete es auch so.
"Es soll nicht sein, was nicht sein darf", sagten sich die Akteure des politischen Circus in der Arena im Versuch, immer nur ihre Meinung durchzusetzen, um jeden Preis und bei Aufopferung der hehren Prinzipien, indem sie Andersdenkenden das freie Wort versagten. Ihre – offiziell erwünschte - Meinung wurde auf dem Markt kundgetan, im Tempel und in der Hohen Schule, während die andere Sicht der Dinge in die Katakomben der Vorstadtkeller verbannt wurde. „Jedem seine Freiheit“, meinten sie, „Und jedem die ihm gemäße Plattform!“
Kaum einem fiel auf in dieser liberalen Gesellschaft, wenn Gaukler ihre Wahrheit als die Wahrheit schlechthin ausgaben, obwohl vieles nur Erfindung war und Fabelei, während unbequeme Wirklichkeiten in den Katakomben erstickt wurden. Suum cuique!?
Das Audiatur et altera pars, war gelegentlich noch im Gerichtssaal zu hören, als Relikt aus römischer Zeit, wenn die klugen Anwälte der Täter plädierten. Opfer hatten längst keine Stimme mehr. Die Zeitungen hatten sich dem Geist der Zeit angepasst und fügten sich auch dem Ungeist. Verkündet wurde, wonach die Zeit verlangte. Ein „J’accuse“ druckte niemand mehr.
Im Westen nichts Neues, war erneut die Parole – und die Zeit der Aufklärung ist seit Jahrhunderten vorbei!
„Das ist die Welt, in der wir leben“,Und wir müssen den bestehenden Verhältnissen offen ins Auge sehen“, sagten die Aufmerksamen und beugten sich, damit das Rückgrat nicht steif wurde. Mittel, den Geist zu knechten, gab es zuhauf. Und noch mehr Möglichkeiten gab es, die Kuh aufs Eis zu führen und die Esel tanzen zu lassen. Ein Refugium war noch da – die Welt von Geist und Kunst.
Wer innerlich frei bleiben wollte, zog sich aus Gesellschaft zurück und tauchte ein, wenn es ihm denn vergönnt war, ins Schöpferische oder Kontemplative. Er lebte sein Leben in Abgeschiedenheit, monologisch existierend, fern vom Schwall in Wissenschaft und Kunst. Kam Überdruss auf oder gar Langweile, machte man es wie der Professor und ging ins Konzert oder man suchte die Wahlverwandten dort, wo sie gelegentlich noch anzutreffen waren, beim Heurigen draußen oder im Kaffeehaus.
Nonkonformisten, Bohemiens, Dissidenten, Ketzer, Sektierer aller Couleur waren hier heimisch, weil das freie Wort hier daheim war und der Geist weitaus lebendiger pulsierte auf der Kanzel im Dom und hinter verstaubtem Katheder. Ob es Wanzen gab im Künstler-Café? Tabus gab es keine - auch keine Zensur, die offiziell längst abgeschafft war, seitdem jeder, der etwas zu sagen hatte, sich selbst zensierte. Auch den Eliten war das Hemd näher als die Moral.
Wenn der deutsche Professor, der eigentlich ein Dichter war, seinen guten alten Bekannten, den Denker, treffen wollte, begegneten sie sich entweder draußen in der Natur, im totgesagten Park an der Burg oder gleich hier im Café im Herzen der Stadt, wo Reden und Genießen zusammenfielen, mittendrin im freien Fluidum von Geist und Kunst. Wie heute.
Zwei Charaktere, zwei Welten – Welt und Gegenwelt? Nicht ganz. Das Gemeinsame überwog. Die emeritierten Professoren hatten ihr Leben der Bildung und der Ausbildung anderer geweiht. Gleich zwei Generationen Wissenschaftler hatten sie den Weg zur Weisheit gewiesen. Pflichten hatten sie jetzt keine mehr, dafür aber unendliche Freiheiten und das späte Privileg, ungestraft die eigene Meinung äußern zu dürfen, nicht nur im Kaffeehaus. In nahezu absolute Freiheit versetzt, konnten sie sich nunmehr wahrhaftig entfalten, Lesungen abhalten und über dicke Wälzer den Nachruhm mehren, statt sich satt und matt auf dem dahinwelkenden Lorbeer auszuruhen.
Beide waren ihren eigenen Weg gegangen in Anstand und Würde, den schmalen Pfad der Tugend in luftiger Höhe, der viel mühevoller zu beschreiten war, als die ausgewalzten Heerstraßen der Bataillone im Tal. Beharrlichkeit und vielfacher Verzicht krönten jetzt den Erfolg der alten Tage wie die geneidete Ehre, Selbstaufopferung und Entbehrungen, von denen kaum einer wusste und die kaum jemand wahrhaben wollte. Beide hatten auf ihre Weise alles gegeben, um Höheres zu leisten in der Wissenschaft und Kunst.
Doch wer dankte es ihnen? Nur jene, die Geist und Witz etwas abringen konnten, die noch teilnahmen an dem, was aus Jahrtausenden herüber gerettet worden war ins augenblickliche Sein. Obwohl sie bei aller Konzilianz und Höflichkeit nie einer Meinung waren, verstanden sich seit je her prächtig, weil der Widerstreit sie wachhielt und die Streitkultur im Disput. Sie wären vielleicht sogar Freunde geworden, antike Freunde sogar, wenn sie sich nicht als kritische Geister definiert und das Fragen wie Nachfragen über alles andere gestellt hätten. Die Kritik war das Maß aller Dinge – bevor sie je unkritisch argumentierten, schwiegen sie lieber gleich. Von diesem Grundsatz überzeugt, führten sie die tradierten Kritiken weiter und übten - über die bereits ausreichend kritisierte Vernunft und Urteilskraft hinaus, primär Zeitkritik und Gesellschaftskritik, denn wo man hinsah in dieser emanzipiert offenen Gesellschaft, war das Versagen des Staates zu erkennen, der als Walter und Verwalter eines Systems von Pseudowerten selbst schon der großen Lüge zum Opfer gefallen schien.
Gab es da noch ein paar wackere Individuen, Altruisten mit Charisma und Augenmaß, fähig das Ungeheuer zu retten? Oder triumphierte bald Leviathan … und mit ihm das gegenschöpferische Böse?
Da beide Freigeister von der von den dreitausend Jahren abendländischen Kultur getragen wurden und auch sonst dem ost-westlichen Diwan huldigten, gab es nichts, dem man nicht auf den Zahn gefühlt und dessen Kern man nicht aus der Schale heraus geschält hätte:
Was war Materie, was Substanz, wo setzte das Leben ein, wann erhob sich der Mensch zum Mittelpunkt des Kosmos? Was machte seinen kulturellen Aufstieg aus, seinen schweren Fall und den unvermeidlichen Zerfall? Milde oder Terror?
Von Charakteren redeten sie wie Theophrast oder La Bruyére – und manchmal gar über die Menschen dahinter. Das war dann Klatsch und Tratsch unter Männern mit philosophischer Ader, nur etwas vornehmer und auf akademischem Niveau. Wissenschaftlich stringent und gleichzeitig künstlerisch frei redeten sie über Gott in einer Welt, wo Gott an sich längst tot war, ferner über die Grundfragen der Metaphysik und ihre Berechtigung, manchmal auch über die Metaphysik der Sitten sowie über die losen Sitten selbst, die längst nicht mehr das waren, was sie sein sollten. Themen, denen auf den Grund gegangen wurde, gab es zuhauf – sie debattierten frei und ungezwungen, sprachen von alten und von neuen Dingen, selbst vom Ding an sich, vom So-Sein und vom Anders-Sein, vom schwer praktikablen Sein in der Eigentlichkeit und vom weit verbreiteten Uneigentlichen Sein, von Determination und den ewigen Ideen, von Parmenides und vom Einen, vom Als-Ob, von höchst sonderbaren und luziden Phänomenen, vom Urgrund aller der Wesenheit, vom Wesen selbst und vom Unwesen, vom Sitz der Seele, von Amor und der Psyche, die noch keinem Marxisten begegnet war: den konditionierten Reflex erwähnten sie und den Pawlowschen Hund und die Lust bestimmter Subjekte, sich mit einem Knochen zufrieden zu geben. Kynos und die Kyniker der letzten Tage, die man vor der Haustür studieren konnte, beschäftigten sie ebenso wie die tiefere Wesenheit des Hundes, die dann offen hervorschien, wenn er sich vergnüglich mit einem übergroßen Rindsknochen herumbalgte.
Gab es da noch einen feinen Unterschied zwischen Mensch und Hund – oder war die Idemität längst erreicht?
War der Mensch bereits auf den Hund gekommen – oder war der Hund so sehr Mensch geworden, dass der Mensch heute den Hund bewachte?
Aufstieg und Niedergang via Dekadenz? Es bedurfte der Presse nicht, um auf solche Themen zu kommen. Ein Blick durchs Fenster reichte aus – und schon war Darwins Theorie zu verifizieren. Stiegen wir noch auf … auf unserem Weg zum Übermenschen oder verfielen wir bereits, … hinab zum Wolf?
Homo homini lupus?
Herrschte das Tier in uns oder erfüllte uns das Humanum? „Den Menschen der Jetztzeit, der noch viel tiefer fallen konnte, als jedes Tier, den Menschen als grausame Bestie, können wir nur verstehen, wenn wir in die vordomestizierte Zeit zurückgehen, über den Deutschen Schäferhund hinaus, zum Wolf. Der Wolf, das Raubtier par excellence, ist der Schlüssel zu unserer Menschwerdung“, verkündete der Anthropologe mutig. „Erst wer den Wolf in seiner Wesenheit erfasst hat, versteht irgendwann auch das Wesen der Esel und der anderen Geschöpfe dahinter. “
Dem Freund war gleich bewusst, was gemeint war. Beide hatten den grausamsten und vernichtungsreichsten aller Kriege seit Menschheitsgedenken erlebt; sie hatten Totalitarismus, Terror und Gewalt auf der eigenen Haut verspürt, existenznah und bedrohlich – als ausgetrockneter Soldat der eine in der Wüste bei El-Alamein! Der andere, ein Kind noch, im Bombenhagel im Sauerland. „Wie konnte ein Volk von Dichtern und Denkern so tief sinken, noch unter die Bestie hinab, die nur tötet, um sich selbst zuerhalten?“ Die große Geschichte mahnt wie viele kleine Geschichten. Eine davon habe ich aufgeschrieben und will sie nun erzählen.





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